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13. August 2011

Erfinder und politisch wankelmütig

Felix Wankel wäre heute 109 Jahre alt geworden / Öffentliche Gebäude in Lahr werden wohl nicht mehr nach ihm benannt.

  1. Genial und menschlich schwierig: Felix Wankel Foto: Museum

  2. Wankel in Lindau im Gespräch mit Himmler, dem Reichsführer SS Foto: BZ

LAHR (BZ/dü). Eine Serie zum Jubiläumsjahr des Automobils in Lahr ohne Felix Wankel? Undenkbar. Heute wäre der geniale Erfinder und umstrittene homo politicus 109 Jahre alt geworden. Fast vergessen ist der Tierfreund Wankel, der den höchstdotierten deutschen Tierschutzpreis gestiftet hat – für Erfindungen, die Tierversuche überflüssig machen. Fast vergessen auch, dass er in den 70er-Jahren Willy Brand unterstützte. Nach 15-jährigem Sträuben hatte Wankel 1981 der Ernennung zum Lahrer Ehrenbürger zugestimmt. Mit diesem damals unumstrittenen Schritt ehrte seine Geburtsstadt den großen Erfinder. Wankels nationalsozialistische Vergangenheit geriet erst in diesem Umfeld in die öffentliche Diskussion. Sie sorgte letztlich auch dafür, dass die Stadt Pläne ad acta legte, die Gewerblichen Schulen nach ihm zu benennen. Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller hatte sich 2002 zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten noch dafür stark gemacht. Letztlich setzte sich aber die Auffassung seines Vor-Vorgängers Philipp Brucker durch. Im BZ-Interview hatte er damals seine Position klar auf den Punkt gebracht: "Man kann den Wankel als genialen Erfinder ehren, aber nicht als gesamte Persönlichkeit."

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Diese aufzuhellen hatte sich der Historiker Sascha Becker im Nachklapp zum Jubiläum zur Aufgabe gemacht. Keine leichte Aufgabe. Schießlich hatte Wankel selbst immer wieder an der Interpretation seiner Biografie mitgestrickt, um dann Zeitgenossen zur Entmutigung wissen zu lassen: "Ich bin nicht zu fassen." Für die Felix-Wankel-Stiftung machte sich Becker an die Arbeit – und war dafür 2002 zu Nachforschungen ins Lahrer Stadtarchiv gekommen. Dann wurde es still. Dem Vernehmen nach soll es zu Unstimmigkeiten zwischen ihm und der Wankel-Stiftung gekommen sein. Jetzt arbeitet Marcus Popplow, seit Ende 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Salzburg, an einer Biografie. Popplow hatte mit anderen Autoren 2002 an einem populärwissenschaftlichen Werk zu Leben und Werk Wankels mitgearbeitet.

Die bekannten Fakten geben ein schillerndes Bild. 1924 beginnt der 24-Jährige Wankel ein Triebwerk mit drehendem Kolben zu konstruieren – in einem Hinterhofzimmer in Heidelberg. Studiert hat er nicht, auch das Abitur fehlt im Lebenslauf. Denn das Gymnasium hat Wankel nach der Unterprima verlassen. Warum? Weil er Schwierigkeiten in Mathematik und Physik hatte. Doch während seiner Ausbildung zum Verlagskaufmann zieht er sich häufig in das Buchlager zurück, liest Werke über Maschinen und Technikpioniere – und baut nach Feierabend die Geräte nach. Geboren wird Felix Wankel im August 1902 im Haus Schillerstraße 4 in Lahr. 1932 kehrt er nach diversen Wanderjahren nach Lahr zurück – ins Haus seiner Mutter in der Obertorstraße 15. Im selben Jahr tritt er aus der NSDAP aus – oder wird ausgeschlossen. Bis dahin macht der junge Mann, der als begnadeter Redner auffällt, Karriere in der Hitler-Jugend: 1929 wird er Gauleiter der Hitlerjugend in Baden. Seine Nazi-Karriere endet wegen eines persönlichen Zerwürfnisses mit dem Gauleiter Robert Wagner: Wankel hat sich dem "linken" Parteiflügel angeschlossen und den Gauleiter scharf kritisiert. Dieser schlägt nach dem Sieg bei den Reichstagswahlen im März 1933 zurück und lässt Wankel, den "Verräter", in Schutzhaft nehmen.

Durch Beziehungen zu Nazi-Größen in der vordersten Reihe führt Wankels technische Karriere dennoch weiter steil nach oben. 1934 kann er in der Lahrer Werkstatt einen ersten tauglichen Rotationsmotor fertig stellen. Zwei Jahre später forscht er für die Luftwaffe. Anfang der 40er Jahre arbeitet er in Lindau am so genannten "Zischboot", mit dem er in den 70er Jahren auf den Markt drängt.

Nach Kriegsende wird Felix Wankel durch ein Forschungsverbot zunächst von weiteren Erfolgen abgehalten. 1957 gelingt ihm mit dem ersten voll funktionsfähigen Drehkolbenmotor DKM 54, dem Wankelmotor, der Durchbruch. Mazda und NSU schließen millionenschwere Verträge ab. Der "Prinz" und später der "RO 80" werden mit Wankelmotoren ausgestattet. Doch Ende der 70er Jahre wird sein Motor vom Markt verdrängt. Nur Mazda hält weiter zu ihm und seiner Erfindung. Felix Wankel lässt sich davon allerdings nicht beirren, er tüftelt und forscht weiter – bis zu seinem Tod 1988.

Sein Engagement bringt ihm viel Anerkennung. 1970 erhält er das große Bundesverdienstkreuz, im gleichen Jahr wird er ehrenhalber Dr. Ing. der Technischen Universität München. 1973 wird er mit dem Verdienstorden des Landes Bayern ausgezeichnet, 1986 mit dem Goldenen Ehrenring des Deutschen Museums München, ein Jahr später wird er vom Land Baden-Württemberg zum Professor ehrenhalber ernannt.

Wird Popplow eine Antwort auf die Frage wissen, auf welche Weise sich Wankel mit dem NS-Regime eingelassen hat? Wer dabei wen möglicherweise instrumentalisiert hat? War Wankel des Teufels Ingenieur oder der Technikbesessene, der paktierte, weil er seine Arbeit um keinen Preis gefährden wollte?

Alle Teile der Serie und weitere Berichte im Online-Dossier unter: http://www.badische-zeitung.de/125-Jahre-auto

Autor: bz