Highmat lebt – und wie!

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Mo, 28. Mai 2018

Lahr

Das Badische muss sich nicht um Mundart-Nachwuchs sorgen, wie ein höchst unterhaltsamer Abend im Lahrer Schlachthof beweist.

LAHR (rob). Nein, es ist nicht so, dass selbst die Muedersproch bereits von Anglizismen massivst infiltriert wird. Der Ausdruck, mit dem für den "Highmat" Abend am Freitag im Lahrer Schlachthof geworben wurde, ist eine Fantasieschöpfung, die lustig-ironisch gemeint ist. Auf Englisch ausgesprochen klingt "Highmat" wie "Heimet" – ein wirklich schöner Muedersproch-Ausdruck. Das empfanden wohl die meisten Besucher der Veranstaltung so. Zumindest schaffte es der Highmat-Abend locker, jüngere Rockfans und an Mundartkunst interessierte Ältere zusammenzubringen, Menschen zwischen 25 und 75, die Altersgruppen perfekt verteilt.

Auf der Bühne dagegen lag der Altersdurchschnitt deutlich unter 30 – was zeigt, dass das Badische in seinen unterschiedlichen Facetten sich nicht um Nachwuchs sorgen muss.

"Heimet" und zeitgemäße Formen der Unterhaltungskunst – Rock, Pop und aktuelle Trends der Darbietung von Poesie: Das funktioniert. Ein gewisses nostalgisches Flair hatte der Abend dennoch. Das lag zum Teil an gewissen Reizwörtern à la Bibbiliskäs. Es lag jedoch vor allem an den Themen. Die kreisen sowohl bei der grandiosen Band "Rhinwaldsounds" aus Kappel-Grafenhausen wie bei der Mundartdichterin Kathrin Ruesch um Erfahrungen und Reflektionen, die nun mal eher im so genannten Ländlichen Raum entstehen als in den Großstadt-Downtowns oder deren Kehrseiten.

Die sechs Musiker von Rhinwaldsounds – ihren Hit "Schorli" sollte man kennen, der macht Laune – finden in diesem Feld immer neue Variationen. Sie singen darüber, wie es ist, in der Kreisliga zu kicken oder über das Fahrgefühl auf einem Bulldog. Sie präsentieren das mit dem gewissen "Wie". Locker schrammelnder Reggae plus Akkordeon untermalt einen Song über einen lauen Tag im Rheinwald. Eine weniger angenehme Erfahrung in kurzen Hosen wird von Hammondorgel-Klang zwischen Drama und gospeltiefem Schmerz begleitet, wozu Sänger Dominik Büchele verkündet: "Ich weiß, was echti Schmerze sin, ich hab mich g’sengelt …" Derlei Erfahrungen mit der Brennnessel kennt jeder im Saal, und das Vergnügen ist groß.

Der Song über den Lkw-Piloten Hank mit der Vokuhila-Frisur ist flockender Country-Rock mit genialem Honkytonk-Klavier durch Mirko Büchele. Die Band arbeitet mit Leadgesang und Akustikgitarre (Dominik Büchele), plus Dominik Binnig und Enrico Wieber als weiteren Leadsängern. Die häufigen mehrstimmigen Gesangspassagen, in die sich stets auch Mirko Büchele einklinkt, sind eine Ohrenweide. Julian Erhardt ist ein feiner Drummer, sein Sound eher trocken. Fett und plusterig dagegen der Bass von Mathieu Schmitt. Die beiden bilden ein tolles und zugleich geschmackvoll-transparentes Rhythmus-Duo. Das Konzept von "Rhinwaldsounds" ist durchdacht, eigenständig, und wird professionell präsentiert, wobei etliche der Songs echtes Hitpotenzial haben.Nicht weniger eine positive Überraschung ist Kathrin Ruesch aus dem Markgräflerland. In ihren Texten mischen sich Erinnerung an Kindheiten mit Zukunftserwartung und Sinnsuche.

Was sie macht, ist Poetry Slam. Wie sie forciert, Tempo wegnimmt, Sinnpausen setzt, Worte und Wortgruppen in den Raum träufelt, anderes von sich schleudert oder im Stakkato raushaut, dabei oft in Rap-Manier mit Binnenreimen arbeitet – das ist ganz große Klasse. "Musik ohne Instrument", nennt es Moderator Heinz Siebold, Vertreter der Bürgerstiftung Lahr und freier BZ-Mitarbeiter, die mit der Rockwerkstatt den Abend organisierte. Bleibt noch seine BZ-Kollegin Ulrike Derndinger, die in die Moderation kleine Prosatexte einstreute. "Highmat" lebt – und wie!