Persönlicher Blick auf die Geschichte

Tom Jacob

Von Tom Jacob

Mo, 14. April 2014

Lahr

Seidensticker, Waeldin und Heil berichten von der liberalen Lahrer Tradition.

LAHR. Unter dem Motto "Liberale Lahrer Tradition" haben drei Lahrerinnen und Lahrer sehr umfangreich, aus persönlicher Perspektive und mit liberalem Blick aus 200 Jahren Lahrer Geschichte erzählt. Die rund 25 Zuhörer im Gasthaus haben so kurzweilige Einblicke erhalten.

Bei der Auswahl der Referenten hatte der Vorsitzende des r FDP-Stadtverbands, Matthias Kappis, eine glückliche Hand bewiesen. Alle drei stammen aus derselben Generation, Christel Seidensticker und Hans Waeldin hatten zeitweise sogar denselben Kindergarten besucht. Und dass sie und der dritte im Bunde, Joachim Heil, sich alle gut kennen, erkannte man daran, dass sie sich beim Erzählen immer wieder die Bälle zuspielten.

Hans Waeldin, der aus einer urliberalen Familie stammt, erläuterte seine Sichtweise des Begriffs von Liberalität. Für ihn bedeutet diese "persönliche Freiheit bei gleichzeitiger größtmöglicher Selbstverantwortung". Die müsse täglich von Neuem verteidigt werden. Waeldin bedauerte, dass sich heute alle liberal nennen. In einem rhetorisch-politischen Seitenhieb kritisierte er die Politik der Grünen als "grünen Urban-Snobismus vom moralischen Hochsitz".

Hans Waeldins Ausflug in die Geschichte beleuchtete den Wandel Lahrs vom Handelsstandort zum zweitwichtigsten Industriestandort in Alt-Baden – das einmal, wie er unterstrich, als Musterland in Deutschland galt. Ermöglicht habe das die Anbindung ans Eisenbahnnetz. Vor allem die Druckindustrie mit den Namen Geiger, Schauenburg und Kaufmann hätten dafür gestanden, jedoch auch Lotzbeck, Trampler und Voelcker mit ihren Tabakprodukten und Zichorienkaffee. Und die erste Maschine zur Produktion von Stahlwolle stand bei der Firma Weil in Lahr.

Der ehemalige erste Bürgermeister Joachim Heil nahm die Zuhörer in die letzten Kriegstage in der Ortenau mit, als in der Kesselschlacht von Colmar innerhalb von 20 Tagen rund 30 000 Tote zu beklagen waren. In Lahr sei es bis dahin vergleichsweise ruhig gewesen und die Leute hätten versucht, ihr tägliches Leben so gut wie möglich zu bestreiten, wie einer Zeitungsannonce vom Oktober 1944 zu entnehmen sei: "Zuckerrüben gegen Stallmist zu tauschen gesucht".

Mutige Bürger sind zum

Landratsamt marschiert, um eine weiße Fahne zu hissen.

Am 4. Februar 1945 sei die Stadt gezielt mit Artillerie angegriffen worden, kurz danach seien zwei Frauen in der Burgheimer Straße nach einem Luftangriff verbrannt. Mutige Bürger, unter anderem Hans Waeldin, hätten sich dann am 16. April Hitlers Befehl der "verbrannten Erde" direkt widersetzt. Sie seien zum Landratsamt marschiert, um eine weiße Fahne zu hissen und die Stadt ohne weiteres Blutvergießen den Alliierten zu übergeben.

Christel Seidensticker berichtete aus ihrer persönlichen Geschichte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war Hans Waeldins Vater Paul der erste von den Alliierten eingesetzte Nachkriegsbürgermeister in Lahr. Seidenstickers Mutter, die vier Kinder hatte und Kriegerwitwe war, musste ein Teil ihres Hauses an die französischen Besatzer abtreten. Paul Waeldin hätte dann damals dafür gesorgt, dass stattdessen das Parteibüro der neu gegründeten Freiheitlich Demokratischen Partei (FDP) in ihr Haus einzog. Tochter Christel stand also seit frühester Jugend in Kontakt mit der Partei und deren Gedankengut. Dennoch nahm die Mutter – angesichts ihrer eigenen Lebensgeschichte – von den Kindern das Versprechen ab, niemals in eine Partei einzutreten.