Virtuosität und Humor

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

Mo, 17. September 2018

Lahr

Nils Wograms Trio Nostalgia.

LAHR. Um es mal gendermäßig unkorrekt vorauszuschicken: Es gibt Herrenjazz und es gibt Damenjazz. Ersterer zeichnet sich oft dadurch aus, dass sich da Musiker im gesetzten Alter auf eine Bühne stellen und ihr virtuoses Instrumenten- durch gewichtiges Mienenspiel verstärken. Der Damenjazz dagegen entspricht sehr oft dem weiblichen Bedürfnis nach Harmonie und Ordnung, wagt zwar ebenso interessante Klang-Experimente, ist genauso dynamisch, macht es den Zuhörern(-innen) aber leichter. Und nun kommt da das Nils Wogram Nostalgia Trio in den Lahrer Stiftsschaffneikeller und kreiert eine dritte Version: Lausbubenjazz.

Die Musiker schauen sich mitten im Stück oder am Ende mit verschwörerischem Grinsen an und signalisieren: "Hey, wir machen nur Spaß". So gehört am Samstagabend vor mehr als ordentlicher Publikumskulisse. Arno Krijger (Hammond-Orgel), Dejan Terzic (Drums) und Bandleader Nils Wogram (Posaune) werden mit ihrem Trio Nostalgia in der Jazzwelt als heißer Tipp gehandelt. Was sie für die knapp zwei Stunden Konzert mitgebracht haben, sind zumeist Stücke aus ihrer letzten CD "Nature". Alle neun Titel sind also von der Natur inspiriert. Der erste, "Flug der Wasseramsel durch das Bachbett", gehört zur ungestümen Herrenjazz-Sorte, viskos geblasene Posaunentöne liefern sich wilde Jagden die Tonleiter rauf und runter, alles rast nur so dahin, Trommler Terzic fegt über Toms und Becken während sich Organist Krijger genüsslich suhlt in den Dissonanzen, die er aus seiner Hammond herauskitzelt. Im zweiten Stück, "Village for Sale" ist dann Richtungswechsel angesagt: der Drummer gibt einen klaren Rhythmus vor, beschreibt das Alltagstreiben in einem fiktiven Ort, bietet die Struktur, um die herum sich Tastenmann und Bläser drehen können: Krijger holt vom Synthesizer-Sound bis zum Kirchenorgel-Stil alle Möglichkeiten aus der Hammond heraus, Wogram fällt in feinen Kaskaden-Linien von oben herein. Bei dem munteren Gewusel fragt man sich: Warum soll so ein quicklebendiges Dorf "for sale" sein?

Glanzlicht des Konzerts ist "Sanctuary". Hier zeigt Wogram, was für ein Virtuose er an der Posaune ist, beginnt mit sanftem Wind-Säuseln, gibt dem austarierten Ton-Luft-Gemisch eine zweite Stimme hinzu. Zusammen mit dem schönen Sechsachtel-Taumel aus den Drums ergeben sich daraus zauberhafte Klangwelten. Energiegeladen dann wieder das Stück aus der Feder des Trommlers: bei "As Wave Follows Wave" muss der wilde Atlantik mit seinen gischtreichen Brechern Pate gestanden haben.