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11. Oktober 2010

Zehn Künstler stellen ihre persönliche Lyrik vor

Eine überraschend gute Resonanz auf den ersten Lahrer Poetry Slam / Themen mit einer großen Bandbreite.

  1. Im Publikum mischten sich die Generationen wie selten. Foto: Heidi Fössel

LAHR. Beim ersten Lahrer Poetry Slam am Samstagabend hat es einige Überraschungen gegeben. Die erste gleich für die Veranstalter, das Schlachthof-Team und Slammerin Sophie Passmann aus Münchweier, denn mit so vielen Zuhörern hatten sie nicht gerechnet. Und auch auf der Bühne im Schlachthof-Bistro ging es rund, denn immerhin zehn Poeten wollten sich und ihre Texte dem Publikum vorstellen.

Poetry Slam, das ist ein Dichterwettstreit mit einfachen Regeln. Die selbst verfassten Texte müssen ohne Hilfsmittel innerhalb weniger Minuten vorgetragen werden. Formale oder inhaltliche Einschränkungen gibt es nicht. Vom Publikum wird Wertschätzung erwartet, aber auch ehrliche Rückmeldung, wobei eine zufällig ausgewählte Jury in den Vorrunden diese Aufgabe übernimmt. In der Endrunde entscheidet dann aber der Applaus darüber, wer den Wettstreit gewinnt.

Überraschend war nicht nur die Bandbreite der Themen, die an diesem Abend poetisch zur Sprache kamen, sondern auch die Altersgruppen, die sich von dieser Art Sprachkunst angesprochen fühlten. Sowohl auf der Bühne, wo von 13 Jahren bis über 30 alles vertreten war, wie auch im Publikum mischten sich die Generationen wie sonst kaum einmal. Und Sophie Passmann, unglaubliche 16 Jahre alt und schon ein echtes Bühnentalent mit sympathischer aber auch durchsetzungsstarker Präsenz, führt durch den Abend, als ob sie noch nie etwas anderes gemacht hätte.

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Auf der Bühne mischen sich Poetry Slam-Erfahrene und Neulinge, und natürlich merkt man, wer schon weiß, worauf es in diesem Genre ankommt, und wer noch auf der Suche ist nach einer eigenen Stimme, nach einem eigenen Ton. Der als "Tom aus dem Osten" vorgestellte Fast-Profi überzeugte jedenfalls als angeblicher Computer-Nerd, dessen Windows-Programme mehr Fenster haben als jedes Haus, und der – obwohl von den Eltern ständig für seine Computer-Leidenschaft getadelt – gerne gerufen wird, wenn mal wieder der elterliche Rechner hängt.

In der Slammer-Szene hat Tom durchaus schon einen Namen, als Spontan-Dichter, der Zurufe aus dem Publikum in seine Texte einbaut, überraschte er dennoch und errang zum Schluss den verdienten Sieg beim ersten Lahrer Poetry Slam. Dafür hatte er aber auch alles gegeben: Betroffenheitslyrik à la "Du und ich und der Kakao" so weit zu überdrehen, dass man sich vom hereingerufenen "Klopapier" zu dem Satz "Ich war voll von der Rolle" inspirieren lässt – einfach klasse.

Doch auch der Slammer-Nachwuchs bekam seine Chance: Der 13-jährige Ferit aus Lahr erntete Achtungsapplaus für seine mörderische Erlkönig-Version, der 18-jährige Sebastian Ruder, ebenfalls Lahrer, ließ seinen Assoziationen über das bunte Leben zwischen Ketchupfleck und Augenringen freien Lauf. Lukas Thomann stellte seinem Text über einen terroristischen Selbstmordanschlag eine persönliche Erklärung voran, die im Kern – ohne dass er das im Deutschunterricht vielleicht hätte benennen können – das Wesen des "Lyrischen Ich" erklärte. Das "Ich" in der erschütternden Selbstreflexion eines Attentäters wollte er auf keinen Fall mit seiner Person vermischt wissen. Doch wie Thomann sich ernsthaft auf die psychologischen und soziologischen Spuren des Täters setzte, sorgte im Publikum für echte Anerkennung.

Weitere Teilnehmer waren – mal mit Echtnamen, mal mit Künstlernamen – Philipp Herold, Jazzkek, Alexander Renz, Julian Angermaier, WortArtig, Luisa Becker und Malin und – außer Konkurrenz – auch Sophie Passmann. Beziehungsprobleme und Gesellschaftskritik kamen daher in poetischer Verdichtung, mit viel sprachlicher Frische und Ausdruckskraft. Es gehört viel Mut dazu, sich mit solch persönlichen Texten einem Publikum zu stellen. Respekt!

Autor: Juliana Eiland-Jung