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21. März 2015 12:10 Uhr

Freiburg-Marathon

Deutschlehrer trainiert Flüchtlinge für den Marathon

Eine Gruppe von Flüchtlingen schnürt sich bereits die Laufschuhe für den Freiburg-Marathon. Ihr Ehrgeiz ist groß. Trainiert wird die Gruppe von Carl-Anton Weber – ihrem Deutschlehrer.

  1. Beim Freiburg Marathon wollen die jungen Läufer zeigen, was in ihnen steckt. Foto: Achim Keller

  2. Carl-Anton Weber: Deutschunterricht und Lauftraining Foto: Achim Keller

Hagos Frezghi ist noch jung, 18 Jahre, um genau zu sein. Aber er hat in seinem Leben schon eine große Hürde gemeistert. Als 17-Jähriger verließ er seine Heimat Eritrea. Ein Land im Nordosten Afrikas, 6,3 Millionen Einwohner, in dem er sich nicht mehr sicher fühlte. Willkürliche Tötungen und Verhaftungen, Folter, fehlende Meinungs-, Religions-, Presse- und Versammlungsfreiheit – es sind gleich mehrere Menschenrechtsverletzungen, die in Eritrea Alltag sind.

Hagos Frezghi ist geflohen aus seiner Heimat. Abenteuerlich sei seine Flucht gewesen, mehr will er nicht sagen. Seit rund einem halben Jahr lebt er in Deutschland. Genauer gesagt in Freiburg, bei einer Familie, die ihn, den sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtling (UMF), aufgenommen hat.

Deutschunterricht und Lauftraining

Carl-Anton Weber (60) ist ein drahtiger Mann mit grauen Haaren. Er bringt als Deutschlehrer an der Erich-Kiehn-Schule in Oberrimsingen Frezghi und einigen anderen Flüchtlingen aus Eritrea und Somalia Deutsch bei. In erster Linie. Daneben rennt er mit ihnen einmal die Woche 18 Kilometer von dem Breisacher Ortsteil nach Freiburg. Nach eindreiviertel Stunden ist die Gruppe am Ziel. Mit dem Zug geht’s dann zurück. Ein halbes Dutzend der jungen Männer hat Weber jetzt für den Freiburg-Marathon angemeldet, der am Sonntag, 29. März, stattfindet und für den bis dato insgesamt 10 470 Startzusagen vorliegen. Für den Halbmarathon hat der Lehrer die Gruppe gemeldet, die Distanz von 21,1 Kilometern. Ergänzt wird das Team von einem marokkanischen Flüchtling. Größer als die Jungs aus Eritrea, schlank, drahtig.

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"Eritrea ist ein Land der Läufer, Ostafrikaner sind Läufer", sagt Weber. Er sitzt in einem Klassenzimmer der Erich-Kiehn-Schule – in seinem Rücken hängt eine Weltkarte an der Wand. Nachbar von Äthiopien zu sein, mit dem Eritrea fast ständig im Clinch liegt, das heißt indes auch, geeignete Sportler für den Ausdauerlauf zu besitzen.

Ostafrikanische Athleten aus Äthiopien und Kenia stellen die Weltspitze im Langstreckenlauf dar. Der Körperfettanteil der Sportler ist gering. Sie trainieren ständig in der dünnen Höhenluft. Die Ernährung ist ausdauergerecht. Sie verfügen über wenige, dafür aber mit einer guten Sauerstoffversorgung ausgestattete Muskeln. Alles Gründe, warum ostafrikanische Läufer schneller sind als die Konkurrenz.

Im Winter mit Straßenschuhen,

Jeans und Anoraks

Für Lehrer Weber ist die Vorbereitung seiner Läufergruppe auf den Halbmarathon in Freiburg ein Projekt, ein Experiment. Sein sportlicher Ehrgeiz als Marathonläufer paart sich mit einem pädagogischen Aspekt. "Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen Aufgaben, sie brauchen Herausforderungen", sagt Weber. Und der Lehrer ist begeistert vom Talent seiner Läufergruppe. Jetzt, nach einigem Hin und Her, sind die jungen Männer auch ausgestattet wie Läufer: mit Shorts und Shirts – und natürlich Laufschuhen.

"Im Winter war das noch anders. Das war echt hart", erzählt Carl-Anton Weber. Da lief ein Teil "seiner Jungs" mit Straßenschuhen, Jeans und Anoraks die Strecke nach Freiburg. Ein Laufgenuss war’s damals nicht wirklich.

"Das hat sich geändert, jetzt sind wir echte Läufer", sagt Hagos Frezghi und grinst. Na ja, vielleicht fehlt noch ein bisschen, denn zumindest beim Aufwärmen erlangt die Gruppe keinen Heldenstatus. Einmal ein leichtes Strecken hier, ein Dehnen dort. Das war’s: Man fühlt sich an Einwechselspieler aus den Fußball-Amateurligen erinnert.

Der Ehrgeiz ist groß

Der Ehrgeiz der jungen Sportler aus Afrika, die den Halbmarathon in Freiburg laufen werden , ist hingegen groß. Der eine träumt vom Sieg, der Nächste hat sich die Zeit von 1:20 Stunden zum Ziel gesetzt, und ein Dritter will ganz einfach "den vielen Zuschauern zeigen, dass ich schnell bin".

Carl-Anton Weber wird da etwas mulmig zumute, er will seine Läufer etwas einbremsen. "Es ist ihr erster Wettkampf. Organisierte Langstreckenläufe gibt’s in Eritrea kaum. Sie kennen das nicht. Also muss ich sie zügeln, sonst laufen sie am 29. März in zu hohem Tempo los", sagt er. Es wäre ein typischer Anfängerfehler.

Aber wer könnte es den jungen Männern schon verdenken. Davonlaufen, das war gestern. Jetzt rennt jeder von ihnen einem eigenen, selbst gesteckten Ziel entgegen.

Autor: Georg Gulde und Yannis Koch