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25. März 2017

42,195 Kilometer

Teilnehmerzahlen für Marathon sinken seit Jahren

Jogger im Park, Jogger im Wald, Jogger in der Stadt. Überall laufen die Menschen – aber immer weniger wagen sich an einen Marathon. Warum ist das so?

  1. Bei Olympia tun sich Läufer bisweilen schwer, der Marathonlauf an sich ist aber unantastbar. Gerade kleinere Events geraten jedoch mehr und mehr ins Stolpern – viele liegen mittlerweile am Boden. Foto: DPA

FREIBURG. Jogger im Park, Jogger im Wald, Jogger in der Stadt. Überall laufen die Menschen – aber immer weniger wagen sich an einen Marathon. Warum ist das so?

Millionen Sportler schnüren sich täglich die Schuhe. Sie joggen vor der Arbeit, walken während der Mittagspause, rennen nach Feierabend durch Wälder und Parks, um Wohnblocks und Seen. Die einen wollen abschalten, andere abnehmen, manche trainieren für einen Wettkampf.

Laut Statistikportal Statista gehen 25 Millionen Deutsche regelmäßig laufen. Sportgeschäfte sind pickepackevoll von Kunden, die sich Pulsuhren und Funktionswäsche kaufen. Sportschuhentwickler wie Asics machen mehrere Milliarden Euro Umsatz. Das Laufmagazin Running hat eine Auflage von 60 000, der Verkauf ist seit Jahren stabil.

Wenn der Laufsport boomt, weshalb kränkelt dann die Königin: Warum sinken die Teilnehmerzahlen bei Marathonläufen seit Jahren so extrem?

Der Freiburg-Marathon startete erstmals 2004 – mit knapp 9000 Athleten. 3300 davon liefen über die volle Distanz. Vergangenes Jahr waren es 1000. Auch der langlebigste Marathon Deutschlands japst mittlerweile nach Luft. Den Essen-Marathon, bekannt als "Rund um den Baldeneysee", gibt es seit 1963 ohne Unterbrechung. Vor 15 Jahren liefen ihn 3000 Athleten, heute sind es im Schnitt 1500, je nach Wetter mit Schwankungen nach unten. Auch in Bräunlingen kämpft der Schwarzwald-Marathon um jeden Teilnehmer. Die Zahlen habe man die vergangenen Jahre zumindest halten können, beruhigt sich Organisator Frank Kliche.

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In den USA strömten die Menschen in den 1970ern in Scharen auf die Straße. Laufen wurde zu einer Massenbewegung. Mit Verzögerung schwappte die Welle nach Europa. Galten Jogger anfangs hierzulande noch als exotische Freaks, sind sie heute Vorreiter einer gesundheitsbewussten Gesellschaft: top in Form, ausgeglichen. Zudem zielorientiert und durchhaltefähig. Beim Laufen kann sich der Sportler öffentlich präsentieren. Er kann allen beweisen, zu was er fähig ist.

Das tut er gern und exzessiv. Auf der Straße – und im Netz. Kaum eine Minute, in der nicht irgendein User ein Selfie von sich schießt, in voller Montur, Schweißperlen auf der Stirn ins Blitzlicht rückend. Läufer posten, wie viele Kilometer sie in welcher Zeit abgespult haben. Sie liken einander, wenn sie Erschöpfung heuchelnd einen Kussmund in die Kamera pressen. Sie knipsen sich vor Spiegeln in Sportunterwäsche, lasziv an Protein-Shakes nippend. "Laufen ist der ideale Sport fürs narzisstische Zeitalter", sagt der Journalist Hajo Schumacher, der unter dem Pseudonym Achim Achilles schreibt. "Man muss nichts können, darf sich aber ungehemmt präsentieren."

Leistung hat laut Soziologe und Sportökonom Eike Emrich zwei Komponenten. Die eine ist die Aktionsleistung, das, was der Sportler im Wettkampf geleistet hat. Das andere ist die Präsentationsleistung, die Inszenierung seiner selbst im Wettkampf und außerhalb. Das habe es schon immer gegeben, auch bei Marathonläufern, erzählt Emrich. Mancher küsst im Ziel demonstrativ die Erde, viele zeigen im sozialen Umfeld ihre Urkunden, genießen die Anerkennung.

Vielleicht nimmt die Selbst-Präsentationsleistung gerade etwas überhand, auch durch das Internet. Und auch, weil Menschen sich gerne über Sport definieren und über sportliche Leistungen gesellschaftliche Erwartungen demonstrativ erfüllen. Nicht ohne Grund, sagt Emrich, treten viele aus der Mittelschicht – Ärzte, Lehrer, Ingenieure – und Spitzenmanager bei Marathonläufen an. "Denn sowohl im Beruf als auch auf der Strecke gilt: Leistung, Durchhaltevermögen, Selbstüberwindung, Planung, Weitsicht."

Durchhaltevermögen schön und gut, aber man muss es ja nicht übertreiben, wird sich manch ein Athlet denken. Der moderne Mensch schreitet achtsam durchs Leben, er haushaltet mit seinen Kräften, vor allem im Berufsalltag. Und auch beim Sport. Laufen, glaubt Journalist Hajo Schumacher, ist heute ein Hippie-Event. Die wenigsten kümmerten sich um Zeiten, die Durchschnittsergebnisse beim Marathon seien über die Jahre schlechter geworden. "Viel lieber fährt der moderne Läufer zu einem Citylauf, der so kurz ist, dass hinterher noch Kraft zum Shoppen bleibt. Laufen ist Lifestyle."

"Man muss nichts

können, darf sich aber

ungehemmt präsentieren."

Hajo Schumacher, Journalist
Die Teilnehmerzahlen für Halbmarathons steigen seit Jahren. 2004 hechelten in Freiburg 5600 Teilnehmer die 21,1 Kilometer entlang. Zehn Jahre später waren es mehr als 8000. Nur jeder Siebte läuft die volle Distanz. Und es geht noch weniger: Bei Staffelläufen teilen sich die Sportler die 42 Kilometer in Portiönchen auf.

Zudem wimmelt es von kürzeren Strecken, nahezu jedes Dörfchen bietet einen Volkslauf in irgendeiner Form an. Allein am Erscheinungstag dieses Artikels könnte der laufbegeisterte Leser bundesweit an zig Events teilnehmen. Beispielsweise am Schneeglöckchenlauf in Ortrand, am Hermann-Hesse-Lauf in Calw oder bei der Kamp-Lintforter Walking-Night. Nicht zu vergessen der 2,5-Kilometer-Rundkurs "Die härteste Sau von Heidenau". Die Konkurrenz ist enorm, sagt Frank Kliche vom Bräunlinger Schwarzwald-Marathon. "Und viele Läufer entscheiden sich für kürzere Läufe – daher müssen Marathonveranstaltungen so kämpfen."

Während vielen Marathons die Puste ausgeht, kommt einer so vital daher, als hätte er sich eben eine Palette Maracuja-Energieriegel reingepfeffert. Der Berlin-Marathon strotzt vor Kraft. Er ist so beliebt, dass das Teilnehmerfeld seit 2006 auf 40 000 begrenzt ist. Es gibt mittlerweile Wartelisten, über deren Höhe der Veranstalter keine Angaben macht. Wer eine der Startnummern ergattern will, muss ein Jahr im Voraus buchen. Anschließend braucht man auch noch Glück, die Plätze werden verlost.

Seit Berlin 2006 in die mittlerweile sechsköpfige World Marathon Majors (mit London, Chicago, Boston, New York, Tokio) aufgenommen wurde, ist auch das internationale Interesse gewachsen. Mehr als 50 Prozent der Teilnehmer kämen aus dem Ausland, sagt Thomas Steffens, Sprecher des Veranstalters. Zu der Popularität hat außerdem beigetragen, dass der Weltrekord in den vergangenen Jahren häufig in Berlin gebrochen wurde, 2014 gelang das letztmals dem Kenianer Dennis Kipruto Kimetto (2:02:57). Dass die ARD den Berlin-Marathon live überträgt, steigert die Beliebt- und Bekanntheit des Laufes nochmals.

Von ARD-Live-Übertragungen sind die Marathonläufe in Freiburg, Essen und Bräunlingen weit entfernt. Dort geht es aber auch um etwas anderes: schlichtweg darum, nicht vollends von der Bildfläche zu verschwinden.

Autor: Christian Engel