Genussvolle Schinderei

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Mo, 11. Juni 2018

Leichtathletik (regional)

Lokalheldin Stefanie Doll verbessert beim X-Trail-Run in Breitnau den Streckenrekord.

LEICHTATHLETIK. Die Erfolgsgeschichte setzt sich Jahr für Jahr fort, Masse und Klasse wachsen etwa im Gleichschritt beim X-Trail-Run in Breitnau. 476 Meldungen und 424 Finisher brachten der Ski-Zunft einen neuen Teilnehmerrekord und Stefanie Doll (SZ Breitnau) verbesserte den Streckenrekord der Frauen im Halbmarathon auf 1:31:48,9 Stunden. Tagessieger Ben Doser (Freiburg) blieb in 1:29:23,3 Stunden als einziger der 255 Zielankömmlinge über die längste Distanz unter eineinhalb Stunden.

"Schneller, heja", ruft eine helle Stimme neben der Strecke fordernd. Ein paar Meter weiter wird heftig gemeckert. Ob’s die paar Läufer registrieren, die kurz zuvor aus einem Waldstück gebogen sind und gefühlt noch mehr als den einen Kilometer vor sich haben, den die Tafel am Wegesrand gleich anzeigen wird? Egal, sie sind eh nicht gemeint. Ein Mädchen auf der an einem Baumast hängenden Schaukel hat mit dem energischen Ruf seine Spielkameradin angespornt, sie stärker anzuschubsen. Und das laute Gemecker kommt von drei jungen Ziegen auf der Weide nebenan. Wer von den strapazierten Ausdauerathleten noch empfänglich ist für das ländliche Idyll, ist schwer auszumachen. Die "Wiederholungstäter" wissen, dass nach fast 20 harten Kilometern – unter anderem die Ravennaschlucht runter und wieder hoch – noch ein giftiger Schlussanstieg lauert.

Den hat die Masse der Starter zu diesem Zeitpunkt längst hinter sich, ebenso wie die Zielankunft in der Ortsmitte von Breitnau vor Zuschauern, die nicht mit Beifall sparen. Das gefällt auch Ben Doser. Der 33-Jährige hat gleich bei seinem ersten Start hier den "härtesten Halbmarathon Deutschlands", wie ihn Initiator Charly Doll anpreist, überlegen gewonnen. "Ein ganz toller Wettkampf", schwärmt Doser und bescheinigt im Siegerinterview, Organisation und Ausschilderung seien "hervorragend". Als ehemaliger Bergläufer aus dem Allgäu kam der Mann, der für das Freiburger Team Enit Systems hauptsächlich Radrennen fährt, im anspruchsvollen Gelände gut klar.

Die Spitzengruppe aus fünf Läufern reduzierte sich am ersten langen Anstieg vom Höllental hoch Richtung Hinterzarten auf drei Mann. Die beiden Konkurrenten vor sich überholte Doser später "am zweiten langen Berg". Bis ins Ziel baute er seinen Vorsprung dank "guter Beine" auf 1:37 Minuten aus. Die letzten vier, fünf Kilometer des fordernden Kurses hatte sich der Neuling beim Warmlaufen angeschaut.

Deutlich anders hatte das "Aufwärmprogramm" des Zweitplatzierten ausgesehen: Bis zwei Stunden vor dem Start war Zimmermann Joaquim Martins (SC Hinterzarten) mit dem Einbau einer Treppe beschäftigt. Danach war der Sprung aufs Siegertreppchen sein Ziel. Das schaffte der 37-Jährige, obwohl ihm "zum Schluss die Puste ausgegangen" sei: Ganz oben am Piketfelsen zog Doser an ihm vorbei. Martins wurde mit seiner Zeit von 1:31:01,1 Stunden unangefochten Zweiter vor Vorjahressieger Florian Gall (Trail Team Stuttgart/1:31:42,6), der auch Rang drei "okay" fand. Den leichten Nieselregen unterwegs nannte der Schwabe "perfekt" und den X-Trail-Run "wunderschön wie immer".

Gut sechs Sekunden hinter Gall bog Stefanie Doll um die letzte Kurve und wurde für ihren Streckenrekord gebührend gefeiert. Auf 1:31:48,9 Stunden verbesserte die 30-jährige Lokalheldin die bisherige Bestmarke der Frauen von Michaela Schedler (1:36:27,6) aus dem Jahr 2014. Ihre persönliche Bestzeit auf dieser Strecke unterbot die Tochter von Charly Doll bei ihrem vierten Sieg in Folge sogar um 9:42,7 Minuten. Und das, obwohl die Strecke nach den vorangegangenen Regenfällen "langsamer zu laufen" gewesen sei als im Vorjahr. Weil der Untergrund teils matschig war, die Treppen "brutal rutschig trotz Sägespänen" und "mehr Bäume im Weg" lagen. Trotz dieser Gefahrenstellen und Erschwernisse überholte Stefanie Doll, die in diesem Jahr schon den Streckenrekord der Frauen beim Schluchseelauf verbessert hatte, in ihrem Heimrennen vom ersten steilen Berg bis ins Ziel rund ein Dutzend Männer. "Das ist halt Technik", erklärte sie ihren Erfolg. Ihr Bruder, Biathlon-Weltmeister Benedikt Doll absolvierte seinen ersten Halbmarathon beim X-Trail als "Trainingslauf" mit Durchschnittspuls 123 in 1:49:41,3 Stunden und lief als 33. kurz hinter der zweitplatzierten Frau Simone Schwarz (Freiburg/1:49:22,7) ins Ziel.

Die "Fun-Strecke" über zehn Kilometer gewann der 20-jährige Biathlon-Kaderathlet Robin Wunderle (SC Todtnau) in 39:59,5 Minuten überlegen vor Lukas Altenkamp (Team Enit Systems/40:29,9) und Jonathan Göppert (WSC Breisgau-Staufen/40:35,9). Als Gesamtsechste war Alicia Moser (USC Freiburg/ 41:37,0) aus der Jugendklasse schnellste Frau vor Julia Lehmann (TuS Gutach/ 45:46,7) und der Breitnauerin Katja Hog (45:59,1). Den Schülerlauf über 2,5 Kilometer entschieden Keno Hügle (SV Waldkirch/9:36,8) und Ina Lickert (SZ Breitnau/10:53,2) für sich.

Schinderei oder Genuss, was überwiegt? Diese Frage drängte sich auf beim Blick in viele abgekämpfte, gleichwohl strahlende Gesichter nicht erst im Ziel. "Die Schwierigkeiten gehören zum Genuss", sagt Otto Salai überzeugt. Der in Freiburg lebende Ungar war unterwegs aufgefallen, weil er zwei krumme Holzstöcke in den Händen hielt. Die nicht gerade leichten "Bengel" hatte er am Wegesrand aufgelesen, als ihn Krämpfe plagten. Vielleicht zwei, drei Kilometer ging er so "am Stock", danach ging's wieder ohne im ersten Laufwettkampf des 33-Jährigen. Sein Ziel "unter drei Stunden" unterbot er um mehr als 16 Minuten und diesen persönlichen Erfolg genoss er im Ziel ganz entkrampft.

Weitere Ergebnisse unter http://www.sz-breitnau.de