Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. April 2013

Diskussion um Naturschutz

Leitartikel: Der umkämpfte Schwarzwald

Es führen so viele Wege in den Schwarzwald, dass sich mal jemand Gedanken über Ampeln machen könnte. Je hektischer die Welt zu werden scheint, desto eiliger rennen wir rein. Wir wandern, joggen und fahren Ski. Letzteres so viel wie noch nie. Wenn am Sonntag die Wintersportsaison auf dem Feldberg endet, wird es die beste seit 30 Jahren gewesen sein. Die einen freut es, weil sie oft zum Carven kamen oder Geld verdienten. Die anderen ärgert es, weil sie die Landschaft durch den Skizirkus bedroht sehen. Das Beispiel zeigt, dass das Verhältnis des Menschen zur Natur kompliziert geworden ist. Es gibt die, die die Natur nutzen wollen. Die, die sie schützen wollen. Und die Opportunisten.

Jahrhundertelang musste der Mensch gar nicht in die Natur fliehen. Er lebte schließlich mittendrin. In und von der Natur. Holte Holz, hielt Vieh, pflanzte Gerste an. Interessenkonflikte gab es selten. Kritiker des Skitourismus hören es nicht gern, aber zunächst einmal machen die Liftbetreiber in der strukturschwachen Feldbergregion nichts anderes als die Schwarzwaldbauern vor 100 Jahren: Sie leben davon, dass sie sich die Natur zunutze machen. Statt Bäume fürs Feuermachen zu fällen, bauen sie Lifte. Während sich andere Schwarzwalddörfer fragen, wie sie ihren kleinen Lebensmittelladen halten können, brummt es auf dem Feldberg im Südschwarzwald. Für den Geschmack der Naturschützer viel zu laut.

Werbung


Ein Projekt im Nordschwarzwald sagt den Naturschützern viel mehr zu. Am Montag stellt das Ministerium für Ländlichen Raum das Gutachten zum Nationalpark vor, den Grün-Rot dort einrichten möchte. Dabei geht es um zehn auf zehn Kilometer Staatswald, der zunehmend sich selbst überlassen werden soll. Damit dort wieder seltene Tiere leben können. Und aus dem vom Menschen gemachten Fichtenwald wieder Wald in seiner ursprünglichen Form wachsen kann. Das Ganze soll dann ebenfalls Touristen in die Region bringen, aber sanft und naturnah. Bemerkenswerterweise verhalten sich die Menschen vor Ort so, als ob man ihnen etwas wegnehmen will. Als ob sie ausgesperrt werden sollen. Als ob ihnen der Schwarzwald gehört. Sie wollen dort Holz schlagen, Wege bauen und Pilze suchen, wie es ihnen gefällt.

Gewollter Rummel im Südschwarzwald sorgt für Ärger, verordnete Ruhe im Nordschwarzwald aber auch. Und da wären ja noch die schizophrenen Städter. Je naturferner sie leben, desto romantischer scheint ihr Naturverständnis zu werden. Klar, wer die Woche über im überhitzten Büro mit Blick auf eine graue Hauswand sitzt, will am Sonntag im Grünen radeln. Den Nationalpark würden Städter sicherlich gern mal besuchen. Mit den Kindern zum Skifahren auf den Feldberg wollen sie aber auch, um sich dann über die kilometerlangen Autoschlangen zu ärgern. Die Natur soll doch zum Genießen da sein.

Über so viel Inkonsequenz können Naturschützer nur müde lächeln. Engelsgleich schweben sie über allen. Sie kämpfen für den Nationalpark, damit dort wieder Wurzelhalsschnellkäfer krabbeln. Sie kämpfen gegen ein Parkhaus am Feldberg, damit sie ihn vor dem Massentourismus bewahren. Ihre Motive, finden sie, sind übergeordnet. Natur wollen sie nicht nur genießen oder gar ausbeuten, sondern schützen. Interessanterweise leben viele Naturschützer in der Stadt.

Es ist so einfach, den Menschen im Schwarzwald aus der Ferne diktieren zu wollen, was sie tun und lassen sollen. Offene, ehrliche Diskussionen wären sinnvoller. Dazu gehört anzuerkennen, dass der Schwarzwald nie nur Naturidylle war, sondern schon immer Kulturlandschaft, in der geholzt, geackert und gebaut wurde. In der Nationalpark-Debatte sind weniger Rechthaberei und mehr Kompromissbereitschaft noch möglich. Es geht nämlich nicht nur um die Natur, sondern vor allem um die Menschen.















Autor: Martina Philipp