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28. Juli 2012

Gleichberechtigung Homosexueller

Leitartikel: Eine Allianz der Empathischen

Sie sind mitten unter uns. Nicht nur der Regierende Bürgermeister von Berlin und der Bundesaußenminister sind schwul, nicht nur die Talkshowmoderatorin und die Fernsehkommissarin sind lesbisch. Auch Ihr Arbeitskollege ist vielleicht homosexuell, oder die Frau, mit der Sie so nett an der Bushaltestelle plauderten. Na und, schön bunt – das könnte unsere Gesellschaft sagen, die ebenso aufgeklärt wie abgeklärt ist. Könnte? Nein, der Konjunktiv ist hier nicht angemessen: Sie muss es endlich sagen – nach 40 Jahren Kampf um Gleichberechtigung in Deutschland.

Die Realität aber sieht anders aus. Das Liebesleben von homosexuellen Prominenten, seien es Politiker, Medienmenschen oder Künstler, denen wir allenfalls von ferne begegnen, erscheint der Mehrheit noch tolerabel. Menschen, die anders sind als man selbst, sind stets willkommene Objekte des Bestaunt-Werdens. Aber: Einer lesbischen Lehrerin den Nachwuchs anzuvertrauen, einem schwulen Pfarrer die Seelenqualen – da gibt es Berührungsängste, ja offene Abneigung. Und wenn gar das eigene Kind sich outet, dann reagieren viele Eltern auch heute noch hysterisch: Sie bestrafen die mutigen Mädchen und Jungen mit Kälte, Schweigen oder Liebesentzug. Dabei trauen diese sich lediglich, zu ihren Gefühlen, ihrem Körper, ihrem So-Sein zu stehen.

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Warum noch immer diese reflexhafte Abwehr? Aus Unsicherheit, Desinteresse, Wissenslücken? Die Geschichte der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in Deutschland ist eine Geschichte der kleinen Schritte – für die man sich nicht interessieren muss, wenn man nicht selbst betroffen ist. Vor 40 Jahren gingen in der Studentenstadt Münster homosexuelle Männer und Frauen erstmals für ihre Rechte auf die Straße. Sie begründeten die Tradition der Christopher-Street-Paraden, die an einen Gewaltausbruch gegen Schwule in New York am 27. Juni 1969 erinnern. In vielen Städten weltweit kommen im Sommer die Homosexuellen zusammen, um zu demonstrieren – oft schrill und lautstark. Wie an diesem Samstag in Stuttgart. 1984 urteilte der Bundesgerichtshof, dass das uneheliche Zusammenleben von Partnern gleichen oder verschiedenen Geschlechts nicht mehr als "sittlich anstößig zu betrachten" sei. Obwohl sich das Gerücht mancherorts hartnäckig hält, ist Schwul- oder Lesbisch-Sein weder therapier- noch heilbar: Vor 20 Jahren bereits strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität von der Liste der Krankheiten. Erst 1994 wurde aus dem Strafgesetzbuch der Paragraph 175 gestrichen, der Sex zwischen erwachsenen Männern sanktionierte.

Vielleicht hat Klaus Wowereits berühmter Satz: "Ich bin schwul und das ist gut so" im Jahr 2001 dazu beigetragen, dass die Entwicklung der Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Menschen im neuen Jahrtausend einen Schub bekam. Jedenfalls ist in den vergangenen elf Jahren viel mehr geschehen, als in den Jahrzehnten zuvor: Das Lebenspartnerschaftsgesetz ist in Kraft getreten, Kinder eines Partners dürfen vom anderen adoptiert werden. Baden-Württemberg gewährt seit diesem Jahr Homopaaren Steuervorteile – vorläufig. Die Gruppe der Schwulen und Lesben ist dank der öffentlich diskutieren Gesetze in der Gesellschaft sichtbarer geworden.

So notwendig die rechtlichen Voraussetzungen zur Gleichberechtigung sind: Vieles, was noch im Argen liegt, wird durch kein Gesetz der Welt im Herzen der Menschen in Toleranz umgewandelt. Es braucht eine Allianz der Empathischen. Menschen also, die Jugendliche stoppen, die andere "schwule Sau" nennen. Menschen, die eingreifen, wenn Frauenpaare in der Öffentlichkeit angespuckt, angegriffen werden. Einen Menschen nicht danach zu beurteilen, mit wem er schläft, das sollte eine Lektion sein, die jeder Grundschüler beherrscht.

Autor: Heidi Ossenberg