Wo Jahreszeiten spürbar werden

Susanne Gilg

Von Susanne Gilg

Sa, 11. November 2017

Lenzkirch

Im Waldkindergarten in Lenzkirch lernen Kinder die Natur jeden Tag aus nächster Nähe kennen – ein Besuch.

LENZKIRCH. Schroff heben sich die Baumwipfel vom strahlend blauen Himmel über dem Lenzkircher Ruhbühl ab, die Sonne strahlt an diesem Herbstmorgen auf das Waldstück und die Wiese, daneben grasen Ponys. Zwölf bunte Rucksäcke wiegen sich an einer Baumstammgarderobe im Herbstwind, zur Einstimmung auf den Tag singen die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren in ihrem täglichen Morgenkreis ein Lied. Hier im Waldkindergarten des Vereins "Familienfreundliches Lenzkirch" sollen Kinder die Jahreszeiten kennen und vor allem spüren lernen.

Favour findet, dass sich die dicke Kastanie am besten als Bauch für ein Herbstmännlein eignet. Zielsicher deutet der Dreijährige in den Korb mit Blättern, Kastanien und Ahornsamen, die Betreuerin Sabine Willand heute mitgebracht hat. Sie kümmert sich zusammen mit zwei anderen Erzieherinnen um die Kinder. "Der Wald gefällt mir", sagt Favour, der bald vier Jahre alt wird. Er freut sich auf den Schnee: "Ich will eine Burg aus Schnee machen", sagt er, und meint ein Iglu, das sie beim letzten Schnee zusammen gebaut haben. "Und eine Schneeprinzessin und einen König", fügt er eifrig hinzu. Neben ihm hat die fünf Jahre alte Gloria einen Tannenzapfen gefunden, den sie freudestrahlend zu den Bastelsachen legt. "Schau, der ist toll", findet sie. "Die Natur bietet unerschöpfliche Möglichkeiten an Spielmaterialien für die Kinder", sagt Heidrun Paarmann-Ross, die den Waldkindergarten vor sechs Jahren mitgegründet hat. Den Verein "Familienfreundliches Lenzkirch" gibt es seit 2006.

Die Kinder sind auch bei schlechtem Wetter draußen

Als ein kräftig-kühler Windhauch kommt, holt Heidrun Paarmann-Ross aus dem Wohnwagen, der für alle Fälle auf der Wiese steht, eine Stofftasche voller Mützen. "Das ist gut, dass wir hier einen Fundus haben", sagt sie, und stülpt Luca, dem Kleinsten in der Gruppe, eine bunte Mütze über den Kopf. Das "Basislager" des Waldkindergartens, ein großer, stabiler Wohnwagen, ist ein paar Meter weiter unten. Der Wagen kann beheizt werden, es gibt eine Toilette, er dient auch als Schutzhütte. Dort treffen sich die Kinder morgens, bevor sie an ihren Platz neben dem Gelände des Ponyhofs Schönenberg gehen. Dort gibt es auch ein Auto.

"Unsere Outdoor-Kita hat keine Wände", sagt Frank Ross, Vorsitzender des Vereins "Familienfreundliches Lenzkirch". Täglich legen die Kinder einen Weg zwischen einem und zwei Kilometern zurück. Wenn es richtig kalt wird oder regnet, dann sind die Kinder trotzdem draußen.

"Bei uns gilt auch die Devise, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt", sagt Frank Ross. "Bei minus 20 Grad ist aber Schluss", sagt Kindheitspädagogin Heike Kienzler, die seit dem Frühjahr im Team dabei ist. Denn das werde dann ungesund für die Lunge. "Wir haben schon gehört, dass unsere Kinder weniger krank sind", berichtet die Breitnauerin lachend.

Über Waldkindergärten

gibt es oft Vorurteile

Sie sehen sich öfter mit Vorurteilen konfrontiert, etwa, dass es draußen zu gefährlich sei. "Im Straßenverkehr ist es viel gefährlicher als im Wald", ist sich Frank Ross sicher. Die Bäume haben sie alle auf ihre Standfestigkeit untersuchen lassen, den Wetterbericht haben sie immer einmal mehr im Blick als andere Erzieherinnen. "Und wenn es eine Unwetterwarnung wegen orkanartigem Sturm oder Schneebruch gibt, haben wir unseren Rückzugsort im Wohnwagen, aber auch im Kinderhaus", sagt Ross. Ansonsten sind sie immer draußen. "Im Zweifel halten wir Rücksprache mit unserem erfahrenen Förster."

Doch an diesem Herbsttag müssen sie sich keine Gedanken machen, nur ihre Ohren vor dem Wind schützen. Die kleine Marie verteilt derweil Gurkenscheiben an die anderen Kinder. "Das ist unsere tägliche Obst- und Gemüserunde", sagt Heidrun Paarmann-Ross. "Die haben wir mal eingeführt, als wir gemerkt haben, dass manche Eltern ihren Kindern nur Brot mitgegeben haben", fügt sie hinzu. Favour schiebt sich genüsslich die Gurkenscheibe in den Mund. "Das mag ich auch", sagt er grinsend.

Und als Heidrun Paarmann-Ross aus dem Jahreszeitenbuch vorliest und wissen will, welche Jahreszeit jetzt ist, da schallt es ihr aus zwölf Kinderkehlen entgegen: "Heeeeerbst!"

Jetzt dauert es nicht mehr lang, dann weicht der Herbst dem Winter – und Favour kann endlich seine Schneeprinzessin bauen.