Modellversuch "Schule ohne Noten"

Noten sind nicht objektiv und schon gar nicht fair

Helmut Gattermann, Merzhausen

Von Helmut Gattermann & Merzhausen

Di, 19. Dezember 2017

Leserbriefe Freiburg

Zum Modellversuch "Schule ohne Noten" an der Paul-Hindemith-Grundschule, der enden soll. Stadt und Gemeinderat wollen ihn aber verlängern ("Stadt kämpft für ,Schule ohne Noten‘", BZ vom 29. November).
Dass Noten nicht objektiv, auch nicht informativ und schon gar nicht fair sind, belegen viele Studien: So ist schon lange nachgewiesen, dass die Erwartungen eines Lehrers an einen bestimmten Schüler auch dessen Benotung beeinflussen (Rosenthal-Effekt). Und ein Schüler, der auf Grund einer schlechten Note einen hinteren Platz in einer Rangskala einnimmt, hat nur eine sehr geringe Chance, sich nach vorne zu arbeiten (Karawaneneffekt).

Wie unfair und demotivierend kann Benotung gerade in der Grundschule sein, in die Kinder mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen kommen! Viel wichtiger ist es doch, Kindern mitzuteilen, dass ihr individueller Leistungsfortschritt ein Erfolg ist, und sie nicht durch eine Note mit anderen Kindern zu vergleichen. Gerade in einer Demokratie muss gelten, dass jedes Kind unabhängig von seinen Voraussetzungen eine ihm angemessene Förderung verdient, auf die es gemäß Artikel 11 der Landesverfassung sogar einen Rechtsanspruch hat. Dass Schulleitung, Lehrer und Lehrerinnen der überaus verantwortungsvoll mit einer anderen Form der Leistungsrückmeldung umgehen, zeigt unter anderem der Videoclip auf der Website dieser Schule: In einem Gespräch zwischen Kind, Eltern und Lehrperson wird über Stärken, Schwierigkeiten und hilfreiche nächste Schritte gesprochen.

Gerade an der Paul-Hindemith-Schule könnte langfristig evaluiert werden, wie eine fördernde Bewertung sich bei leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern auswirkt: Eine pädagogische Beurteilungsweise, die Kindern eben ohne Noten darüber Auskunft gibt, was sie gut gemacht haben und woran sie weiterarbeiten sollten. Einen Schulversuch dazu gegen den erklärten Willen von Schülern, Lehrern und Eltern vorzeitig abzubrechen und nicht zu evaluieren, wäre nicht nur dilettantisch, sondern eine eklatante Form von Machtmissbrauch.

Helmut Gattermann, Merzhausen