Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Oktober 2008

Leserbriefe

Genitalverstümmelung

"Gröbste Missachtung rechtsstaatlicher und ethisch-moralischer

Prinzipien"

Leserbrief zum Beitrag "Gericht will Kind vor Beschneidung schützen" (BZ vom 18. Oktober) sowie zur Stellungnahme der "Task Force" (BZ vom 22. Oktober).

Das Anliegen, Mädchen vor Genitalverstümmelung zu schützen, ist ehrenwert und richtig. Der geschilderte Vorgang und hier insbesondere die Forderung der Frau Laufer, "ein generelles Ausreiseverbot für Mädchen der Risikogruppe in die Heimatländer der Eltern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres" zu verhängen (Homepage Task Force), ist aber eines demokratischen Rechtsstaates unwürdig und verstößt gegen die Menschenrechte (EMRK, Artikel 14 Diskriminierungsverbot, sowie § 1 AGG).

Laufer betreibt ihr im Prinzip wichtiges Anliegen unter gröbster Missachtung rechtsstaatlicher und ethisch-moralischer Prinzipien, indem sie faktisch die generelle Erfassung aller in Deutschland lebender weiblicher minderjähriger Menschen mit Migrationshintergrund aus Ländern, in denen Genitalverstümmelung stattfindet, fordert. Das kommt dem Versuch gleich, in Deutschland lebende Mitglieder ganzer ethnischer Gruppen einheitlich unter den Generalverdacht der schweren Körperverletzung zu stellen.

Werbung


Es kann und darf nicht sein, dass in Deutschland lebende Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund derart diskriminiert werden. Ich habe selbst viele Jahre in Äthiopien gelebt. Dass es dort "Beschneidung" gibt, ist unstrittig. Es ist aber auch unstrittig, dass die Zahl der neu Betroffenen in diesem Land stark rückläufig ist. Solche – und seien es noch so schreckliche – traditionell überlieferten Praktiken müssen durch Aufklärung bekämpft werden, nicht durch rassistische und volksverhetzende Diskriminierung.

Der äthiopische Staat hat dies verstanden. Seit Jahren fördert er, mit Unterstützung durch zahlreiche Organisationen der internationalen Entwicklungshilfe, Projekte gegen Genitalverstümmelung. Seit 2004 stellt das äthiopische Strafrecht im Artikel 565 ff Genitalverstümmelung und andere traditionelle schädliche Praktiken unter Strafe (bis zu 5 Jahre Haft).

Frau Laufer hat dies nicht verstanden. Leider hat sie auch nicht sauber recherchiert – oder verschweigt wichtige Hinweise bewusst. Die von Frau Laufer zitierte äthiopische Studie bezieht sich in wesentlichen Teilen auf Zahlen von 1997. Die von ihr behauptete Zahl eines angeblichen Beschneidungsrisikos in Höhe von 90 Prozent ist völlig aus der Luft gegriffen. Gleichzeitig verschweigt Frau Laufer beispielsweise Erkenntnisse der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), welche im November 2007 feststellt: "Laut Demographic and Health Survey 2005 sind 74 Prozent der weiblichen Bevölkerung in Äthiopien von FGM betroffen. Im Vergleich zum Jahr 2000 hat die Unterstützung abgenommen: 38 Prozent der Mütter von Mädchen haben mindestens eine Tochter beschneiden lassen, im Jahr 2000 noch 52 Prozent. Frauen mit höherem Bildungsgrad und aus einer städtischen Umgebung sind eher bereit, die Praktik aufzugeben".

Aus diesen Zahlen den Generalverdacht der Frau Laufer gegen alle in Deutschland lebenden äthiopischstämmigen Familien abzuleiten, ist absurd und unprofessionell. Pauschalierte Kampagnen wie die von Frau Laufer als selbst ernannte "Expertin" zum Thema Genitalverstümmelung sind völlig fehl am Platz, der Sache nicht dienlich und ethisch verwerflich. Hinzu kommt, dass sie offensichtlich Zahlen in – wie ich unterstelle, ideologisch motiviertem Sendungsbewusstsein – leichtfertig (oder absichtlich?) unvollständig zitiert. Ich habe noch nie erlebt, dass Fundamentalisten (auch nicht Fundamentalistinnen) den von ihnen vorgetragenen Anliegen tatsächlich geholfen haben.

Das Ansinnen der Frau Laufer zu Ende gedacht würde beispielsweise bedeuten, Ausreisekontrollen am Flughafen Frankfurt einzuführen – jedes minderjährige Mädchen von Eltern mit Migrationshintergrund aus den von Laufer so genannten "Hochrisikoländern" müsste dann daran gehindert werden, Deutschland mit Zielort "Heimat" (der Eltern) zu verlassen.

Im konkreten Fall hat Frau Laufer zu verantworten, dass Jugendamt und Familiengericht genötigt wurden, gegen eine unbescholtene Familie vorzugehen und in das verfassungsmäßige Grundrecht der Eltern einzugreifen. Ich meine, dieser Eingriff erfolgte unrechtmäßig und kann auch juristisch keinen Bestand haben.

Frau Laufer hat zu verantworten, dass ein zehnjähriges Mädchen in den Sommerferien seine Großeltern nicht besuchen durfte, während ihr Bruder reisen durfte.

Das alles ist ein Skandal in doppelter Hinsicht: Frau Laufer diskreditiert den Kampf gegen Genitalverstümmelung durch ihr vereinfachtes Weltbild und ihr äußerst unseriöses Vorgehen. Und sie behindert die wichtige Arbeit von Jugendämtern und Familiengerichten durch völlig unangemessenen öffentlichen Druck.

Manfred Elsner, Freiburg

Autor: bz