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01. August 2017 09:16 Uhr

Familie

Achtsamkeit kann schon bei Kindern Großes bewirken

Schon Kinder können mit Achtsamkeit ihre Selbstwahrnehmung verfeinern. Außerdem zeigen Studien: Wer seine Achtsamkeit schult, wird aufmerksamer – und auch leistungsfähiger.

  1. Einfach mal still stehen und in sich hineinspüren. Foto: pinkyone (adobe.com)

  2. Den Boden unter den Füßen spüren. Foto: Nentwig

Die erste Aufgabe klingt lösbar: einfach mal hinstellen. Ohne sich anzulehnen. Die Hände aus den Hosentaschen, die Arme an den Seiten baumeln lassen. Beide Füße stehen auf dem Boden, das Gewicht ist gleichmäßig verteilt. "Für viele Kinder ist das extrem schwierig", sagt Vera Kaltwasser. "Einfach zu stehen, das kann der Anfang für eine Verfeinerung der Selbstwahrnehmung sein, spielerisch können die Kinder mal in die rechte Fußsohle spüren, dann in die linke, und so Kontakt mit dem Körper aufnehmen." Vera Kaltwasser ist Lehrerin an einer Frankfurter Schule und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Achtsamkeit. Sie hat die sogenannte Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR, Mindfulness-Based Stress Reduction) bei Jon Kabat-Zinn, dem Erfinder dieses Programms, gelernt – eigentlich für sich selbst. Das hat ihr so gut getan, dass sie irgendwann auf die Idee kam, einen Teil dieser Methoden bei ihren Schülern auszuprobieren.

Allein die Vorstellung bewirkt eine körperliche Reaktion

Das bewusste Stehen gehört zu den Stillephasen, die Kaltwasser immer wieder in den Unterricht einflicht – schon bei den Jüngsten. "Aischu" heißt das von ihr entwickelte Konzept, das Kinder und Jugendliche in kleinen Schritten dafür begeistern soll, ihre Innenwelt zu erkunden und sich selbst besser spüren zu lernen. Spielerisch werden körperorientierte Übungen angeboten, aber auch kurze Einheiten, die altersgerecht Wissen über den menschlichen Organismus vermitteln. "Ich bitte die Kinder zum Beispiel, sich eine Zitrone vorzustellen. Dann nehmen sie erstaunt wahr, dass ihnen das Wasser im Mund zusammenläuft. Eine Vorstellung bewirkt also eine körperliche Reaktion", erklärt Kaltwasser. "So verstehen die Kinder, dass sie sich mit Befürchtungen und Sorgen – obwohl es nur Gedanken sind – in Stress versetzen. Der nächste Schritt ist dann, dass Kinder und Jugendliche lernen, selbsttätig ihre Stressreaktion zu entschärfen, indem sie zum Beispiel bewusst auf den Atem achten." Es gehe ihr, sagt die Pädagogin, vor allem darum, dass die Kinder zu Forschern in eigener Sache werden. Das gelinge nur, wenn es möglich ist, Erfahrungen mit der eigenen Wahrnehmung zu machen und diese auch hinterfragen zu lernen.

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Auch wenn es von außen nicht so aussieht: Achtsam sein, meditieren ist ein hochaktiver Prozess. Der Geist wird geschult. So ist der Fokus zum Beispiel der Atem. Immer, wenn die Gedanken abschweifen, wird die Wahrnehmung wieder zum Atem zurückgeholt. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass aufmerksamer wird, wer regelmäßig seine Achtsamkeit schult. Indirekt wirkt sich das auch auf die Leistungen der Schüler aus. Denn wer unter Stress steht, sieht oft die einfachsten Lösungen nicht, auch Höchstleistungen erbringt niemand in angespanntem Zustand. Die besten Ideen kommen, wenn man entspannt ist. Auch das haben Studien gezeigt, und genau diese Erfahrung macht Vera Kaltwasser mit ihren Schülern. "Wichtig ist, dass wir Achtsamkeit nicht als Werkzeug zur Selbstoptimierung entwerten, sondern das ethische Potential erkennen, das sich entfaltet, wenn wir lernen, bewusst mit uns und dem Anderen umzugehen", betont die Frankfurter Lehrerin, "es darf nicht der Eindruck entstehen, als sei Achtsamkeit ein schnelles Allheilmittel und man bräuchte nur mal hie und da eine Übung in den Alltag einstreuen, um wieder besser funktionieren zu können."

"Mir hat mal ein kleiner Junge nach den ersten Übungen gesagt: Ich bin jetzt ein Freund mit mir. Das trifft es ziemlich gut, finde ich", Vera Kaltwasser
Der Schlüssel zur erfolgreichen Achtsamkeit ist die Kontinuität. Viel wichtiger als eine lange Übungsdauer ist es, regelmäßig zu üben, und wenn es nur wenige Minuten sind. "Deshalb ist es großartig, wenn Kinder nicht nur in der Schule meditieren, sondern auch die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern auf mehr Achtsamkeit im Alltag achten", sagt Vera Kaltwasser. Sie rät davon ab, das Meditieren zu einem festen Programmpunkt im oft sowieso schon zu vollen Tagesplan eines Kindes zu machen. Stattdessen sollten Eltern aufmerksam registrieren, wann sich ein guter Zeitpunkt ergibt, um in konkreten Situationen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Wenn zum Beispiel ein Kind frustriert nach Hause kommt und sagt, der Lehrer könne es nicht leiden. Dann bietet es sich an, dem Ärger oder der Enttäuschung zwar Raum zu geben, aber auch Einflussmöglichkeiten aufzuzeigen, wie der Stress, den so eine Zurückweisung auslöst, entschärft werden kann. So können schon früh Bewältigungsstrategien gelernt werden.

Sich achtsam mit dem Nicht-tun auseinandersetzen

In Zeiten der ständigen Reizüberflutung durch Medien und digitale Geräte ist Achtsamkeit ein Weg, der Kindern und Jugendlichen dabei helfen kann, ihre Selbstwahrnehmung zu verfeinern. "Mir hat mal ein kleiner Junge nach den ersten Übungen gesagt: Ich bin jetzt ein Freund mit mir. Das trifft es ziemlich gut, finde ich", sagt Vera Kaltwasser. "Über den Atem machen sich die Kinder mit sich selbst vertraut. Sie lernen, freundlich und liebevoll mit sich selbst und anderen umzugehen und frühzeitig zu merken, wann sie sich mit Gedanken mal wieder die Hölle heißmachen." Während Kinder im Außen oft an Grenzen stoßen, anecken, reguliert werden, können sie beim In-sich-selbst-hineinhorchen ganz neue Erfahrungen machen. Sie merken, dass sie sich die Welt oft selber machen, dass es etwas ändert, wie man die Dinge sieht. Achtsam sein kann auch im Umgang mit Medien helfen. Kaltwasser rät Eltern, nicht einfach ein Verbot auszusprechen, sondern sich achtsam mit dem Nicht-tun auseinanderzusetzen und dem Nachwuchs vorzuschlagen: Spüre mal nach, was das mit dir macht, wenn du nicht auf dem Smartphone spielst, sondern einfach dasitzt. Das ist im Grunde die gute alte Langeweile – und die führt bekanntlich zu kreativen Höhenflügen.

Wie schwierig es für Kinder ist, eine Vorstellung von Zeit und dem Nicht-tun zu haben, zeigt sich oft ganz am Anfang der Achtsamkeitspraxis. Vera Kaltwasser fragt die Kinder dann gern, ob sie es schaffen, mal 30 Sekunden lang die Augen zu schließen. Na logo, lachen die Jungen und Mädchen, das ist doch einfach. Und staunen nach fünf Sekunden, wie lange das doch dauert. "Nach etwa sechs Wochen", schätzt Vera Kaltwasser, "sind meist alle Kinder mit im Boot und können stillstehen oder die Augen mal eine halbe Minute lang schließen." Bei denjenigen, die dann immer noch stören, weil sie nicht innehalten können, sollten Lehrer und Eltern genauer hinschauen: "Das ist eine Art Hilferuf, denn diese Kinder merken in den Stillephasen zum ersten Mal, was eigentlich in ihnen vorgeht, und das können sie mitunter nicht aushalten."

An einem Baum mit den Fingerspitzen die Rinde fühlen

Das Interventionsprogramm Aischu war inzwischen auch auf dem wissenschaftlichen Prüfstand. Niko Kohls und Sebastian Sauer, Forscher an der Ludwig-Maximilian-Universität München, haben in einer kleinen Pilotstudie untersucht, welchen Einfluss die Achtsamkeit auf Aufmerksamkeitsleistung, Lebensqualität, Wohlbefinden und Stress von Fünftklässlern hat. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Achtsamkeit in allen Punkten positiv auswirkt, besonders auffällig war die verbesserte Aufmerksamkeitsleistung. Die Wissenschaftler betonen, dass die Studie Pilotcharakter hat und die Ergebnisse nur als erste Anhaltspunkte dienen könnten, die weiter abgesichert werden müssten.

Die Frage, ob Achtsamkeit Kindern und Jugendlichen tatsächlich gut tut, kann die Wissenschaft also noch nicht beantworten. "Wir wissen zwar sehr viel über die positive Wirkung auf Erwachsene, doch für Kinder und Jugendliche gibt es schlicht noch viel zu wenig Daten", sagt Professor Gunther Meinlschmidt von der Psychologischen Fakultät der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum. Das Thema ist jedoch so spannend, dass derzeit einige Studien und Untersuchungen dazu laufen. Was man jetzt schon weiß: Stress kann zu Veränderungen an den Genen führen, die nicht vererbt sind . Daraus abzuleiten, dass Entspannung und Achtsamkeit also gut tun müssen, ist jedoch zu einfach gedacht. "Das erscheint zwar durchaus plausibel, aber wir wissen es einfach noch nicht", sagt Meinlschmidt. "Wir nehmen ja auch nicht einfach Medikamente, die Erwachsenen helfen, und geben sie Kindern – der Effekt kann hier ein ganz anderer sein."

Was allerdings nicht heißt, dass erst auf wissenschaftliche Beweise warten sollte, wer seinem Kind Gutes tun will. "Bevor wir etwas in den Lehrplan aufnehmen, sollten wir mehr darüber wissen", sagt Meinlschmidt. "Als Eltern aber mit dem Kind das Innehalten und Wahrnehmen zu üben, davon können alle profitieren." Zum Beispiel bei einem Waldspaziergang den Geräuschen lauschen, an einem Baum mit den Fingerspitzen die Rinde erfühlen – das kann schon die Achtsamkeit fördern.
Achtsamkeit üben

Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit. Dabei werden innere und äußere Erfahrungen registriert und zugelassen, ohne diese jedoch zu bewerten. Ein guter Start ist es, sich einfach hinzusetzen und eine Minute lang nichts zu tun, als seinen Atem zu beobachten. Bei Kindern genügen schon 30 Sekunden. Manchen hilft es, eine Hand auf den Bauch zu legen und den Atem so besser zu spüren. Nach und nach können Sie diese kleine Meditation ein wenig verlängern. Manchen genügen fünf Minuten, andere meditieren gerne 20. Auch im Alltag lässt sich Achtsamkeit integrieren. Schärfen Sie Ihre und die Sinne Ihres Kindes: Wie fühlt es sich an, über Betonplatten zu laufen, wie über Rasen? Was hört man abends noch draußen? Wie fühlen sich Alltagsgegenstände an – die Zahnbürste, eine Buchseite, das Lieblings-T-Shirt? Wie riecht es zu Hause? Und was schmeckt man beim Eis zuerst? Trainieren Sie das regelmäßig, nimmt die Achtsamkeit bald ganz selbstverständlich einen wichtigen Platz im Leben Ihres Kindes ein.

Autor: Claudia Füßler