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25. Juni 2012

Eric Breitinger im Interview

Autor zum Thema Adoption: "Kinder verkraften die Wahrheit"

Was erzählen Adoptierte, was sollten Adoptiveltern wissen? Eric Breitinger kennt sich da aus. Er wurde einst selbst adoptiert und hat sich in seinem Buch "Vertraute Fremdheit" ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Ein Interview.

  1. Eric Breitinger Foto: Mechthild Blum

  2. Pop-Diva Madonna mit ihrem Adoptivsohn David aus Malawi Foto: AFP, Mechthild Blum

Brad Pitt und Angelina Jolie, Tom Cruise und Nicole Kidman, Madonna, Steven Spielberg und viele andere: Sie haben Kinder adoptiert – wahlweise aus Korea, Vietnam, Kambodscha, Malawi, Äthiopien. Ob mit oder ohne Partner und oft zu ihren leiblichen Söhnen und Töchtern hinzu. Wie es diesen oder Adoptivkindern generell geht, danach wird selten gefragt. Der Journalist Eric Breitinger, selbst adoptiert, hat nun 16 von ihnen in seinem Buch "Vertraute Fremdheit" porträtiert.

BZ: Herr Breitinger, würden Sie Kinder adoptieren? Und wenn ja: Warum? Wenn nein: Warum nicht?
Eric Breitinger: Das ist jetzt aber schwierig. Vielleicht hätte ich Kinder adoptiert, wenn ich keine eigenen gehabt hätte und der Kinderwunsch sehr stark gewesen wäre. Und dann hätte das Kind nicht älter als ein halbes Jahr sein sollen, weil es da noch die Chance hat, eine neue Bindung zu entwickeln. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dafür entschieden hätte.

BZ: Mit wie vielen Adoptierten haben Sie gesprochen, bevor Sie Ihr Buch schrieben?

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Breitinger: Mit 25 bis 30 Personen. Einige von ihnen wollten allerdings nicht namentlich erwähnt werden.

BZ: Für jeden von uns wirkt die Qualität der Erlebnisse aus der Kindheit im späteren Leben fort. Gibt es tatsächlich, unabhängig davon, bei welchen Eltern Adoptierte aufwachsen, einen gemeinsamen Nenner?
Breitinger: Ja. Alle haben das Trauma des Weggegebenseins erlebt. Fast alle müssen damit klar kommen, dass sie eine soziale Familie und biologische Eltern haben. Viele leiden darunter, dass sie ihren sozialen Eltern körperlich nicht ähnlich sehen. Sie brauchen oft länger, ihre eigene Identität zu entwickeln. Schließlich fehlen ihnen die Wurzeln, das Wissen, woher sie kommen.
BZ: Dieses Trauma des Weggegebenseins: Wie wirkt es sich im Alltag aus?
Breitinger: Fast alle haben auch später ein verletzbareres Selbstwertgefühl – eine Folge der Kränkung, als Kind verlassen worden zu sein. Manche fühlen sich ihr Leben lang Second-Hand. Gemäß vielen Studien leiden früh verlassene Kinder überproportional an Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefiziten.

BZ: Kinder aus anonymen Samenspenden, heißt es in einer großen US-Studie, die Sie zitieren, erkranken in ihrem späteren Leben deutlich häufiger an schweren Depressionen als Kinder, die bei ihren Eltern aufgewachsen sind, mehr noch als Adoptierte. Denn die haben wenigstens die Chance, ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen . . .
Breitinger: Ja, es gibt deutliche Parallelen. Beide leiden, wie die Studie zeigt, oft am Rätsel ihrer Herkunft, sind unsicher bezüglich ihrer Identität und fühlen sich oft isoliert in der eigenen Familie. Als besonders anfällig für Depressionen und psychische Krankheiten erwiesen sich die Samenspender-Kinder, deren Eltern ihnen ihre Abstammung verheimlicht hatten und zufällig auf die Wahrheit stießen. Lügen vergiften vieles.

BZ: Mangelndes Selbstwertgefühl ist aber kein spezifisches Symptom Adoptierter.
Breitinger: Ja klar, das sind nicht die einzigen, die sich in ihrer Haut unsicher fühlen. Aber im Unterschied zu leiblichen Kindern ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass sie sich damit herumschlagen müssen.

BZ: Kinder, die durch eine Eizellenspende im Leib ihrer späteren Mutter heranreifen, haben im Leben weniger Probleme?
Breitinger: Das ist nicht untersucht, soweit ich weiß. Generell gilt: Auch vorgeburtliche Erfahrungen werden nicht vergessen. Hinzu kommt: Samenspender und Eizellspenderinnen sind ihre biologische Väter und Mütter. Wie gesagt: Ein Kind will wissen, wem es ähnlich sieht und wo es herkommt.

BZ: Die Hälfte der adoptierten Kinder in Deutschland werden von Stiefmutter oder Stiefvater adoptiert. Und ein Teil davon weiß entweder von seinem leiblichen Elternteil oder kennt ihn sogar. Gilt Ihre These auch für sie?
Breitinger: Das Leben dieser Kinder wird nicht vom Grundthema des Weggegebenseins bestimmt. Sie kämpfen aber oft auch mit Loyalitätskonflikten ihren verschiedenen Eltern gegenüber.
BZ: Ich selbst kenne zwei Adoptierte, die sich in ihrer Adoptionsfamilie keineswegs fremd fühlen. Und auch in entsprechenden Foren äußern sich etliche ähnlich . . .
Breitinger: . . . Kann gut sein. Alle Studien sagen, dass bei Kindern, die kurz nach der Geburt bis zu unter einem halben Jahr weggegeben werden, eine gute und stabile Bindung an die neuen Eltern entstehen kann und spätere Probleme oft nicht so gravierend sind. Für später adoptierte Kinder wird es schwieriger, diese Bindung zu entwickeln. Viele haben später Angst vor Trennungen oder lassen sich erst gar nicht auf Beziehungen ein.

BZ: Was haben Sie selbst als besonders bedrückend in Ihrer Kindheit erlebt?
Breitinger: Ich war die ersten Jahre in einem katholischen Nonnenheim, bis ich zu einer Pflegefamilie kam. Da mich meine leibliche Mutter nie zur Adoption freigab und mich ab und zu besuchte, war ich hin- und hergerissen. Mit meiner Volljährigkeit habe ich mich dann von mir aus von meiner Pflegefamilie adoptieren lassen.

BZ: Kann eine Adoptionserfahrung nicht auch stark machen?
Breitinger: Aber ja! Auf der mythologischen Ebene schon gibt es viele Adoptierte, die als Halbgötter den Himmel bevölkern. Menschen wie Apple-Gründer Steve Jobs sind ein gutes Beispiel dafür, dass das Gefühl des Weggegebenseins zugleich ein Gefühl der Ungebundenheit erzeugen kann, die viel Platz für Kreativität lässt. Man kann neue Wege gehen, klebt nicht an Traditionen.

BZ: Eine Adoption ist immer eine Chance für Kinder, die sonst in einem Heim aufwachsen würden. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Breitinger: Tendenziell ja.

BZ: Werden die potenziellen Eltern darüber aufgeklärt, wie sie zum Besten des Kindes mit der Adoptionssituation umgehen sollten?
Breitinger: Hoffentlich ja, sie werden in Deutschland heute zumindest auf Herz und Nieren geprüft. Das war noch vor 40 Jahren nicht so ausgeprägt.

BZ: Sie sprechen in Ihrem Buch oft von der Motivation der Adoptiveltern, die nach einem Ersatz für ein ungeborenes Kind suchen. Selbst aber kommen sie kaum zu Wort. Ein Buch mit Porträts von Adoptiveltern wäre eine schöne Ergänzung, finden Sie nicht?
Breitinger: Es gibt schon sehr viele Bücher aus der Warte der Eltern, in meinem kommen nun erstmals die Adoptierten zu Wort . . .

– Eric Breitinger: Vertraute Fremdheit. Adoptierte erzählen. Christoph Links Verlag, Berlin 2011, 208 Seiten, 14,90 Euro.

ADOPTION

Zum Wohl des Kindes

Wer ein Kind adoptieren oder zur Adoption freigeben möchte, der sollte sich an eine Adoptionsvermittlungsstelle wenden. Die Stadt Freiburg nennt hier das örtliche Jugendamt. Anerkannte Vermittlungsstellen in freier Trägerschaft sind in Baden-Württemberg zudem die Evangelische Beratungs- und Vermittlungsstelle in Württemberg (Stuttgart) sowie die Adoptionsvermittlungsstelle beim Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V. (Stuttgart). Wer ein Kind aus dem Ausland zu sich nehmen möchte, kann sich an die Bundeszentralstelle für Auslandsadoption in Bonn wenden. Die Adoptionsvermittlungsstellen haben den gesetzlichen und fachlichen Auftrag, für jedes zu vermittelnde Kind die am besten geeigneten Eltern zu finden. Der zentrale Gesichtspunkt einer jeden Adoption ist das Wohl des Kindes.
Im Jahr 2008 wurden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 4201 Kinder und Jugendliche adoptiert, rund die Hälfte von Stiefeltern. Auf ein zur Adoption freigegebenes Kind kommen noch immer zehn Elternbewerbungen.  

Autor: BZ

Autor: Mechthild Blum