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27. Januar 2014 09:48 Uhr

Gesellschaft

Cybermobbing: Ein Opfer erzählt

Mobbing und Cybermobbing: In jeder Klasse sind Kinder betroffen, werden ignoriert, gehänselt, beleidigt, bedroht, beschimpft, ausgelacht, gedemütigt und gequält. Ein heute erwachsenes Opfer erzählt.

  1. Sylvia Hamacher Foto: Picasa

  2. Wer andere klein macht, wird selber größer – ein Motiv für Mobbing. Foto: dapd

"Warum hassen mich die anderen so?" Diese Frage hat sich Sylvia Hamacher immer wieder gestellt. Eine Antwort hat sie nie bekommen. Anderthalb Jahre lang haben ihre Mitschüler ihr das Leben zur Hölle gemacht. Sie haben sie ignoriert, gehänselt, beleidigt, bedroht, beschimpft, ausgelacht, gedemütigt und gequält. Tag für Tag – in der Schule und im Internet. Die damals 14-Jährige wird depressiv, denkt irgendwann sogar daran, sich das Leben zu nehmen.

Heute ist Sylvia Hamacher 21 Jahre alt. Es geht ihr gut, sie kann über das Erlebte reden, weil sie es mit Psychologen und einer Mobbingexpertin aufgearbeitet hat. Mittlerweile studiert sie Psychologie. Sie geht als Referentin an Schulen und hat vor kurzem ein zweites Buch über ihre Erfahrungen als Mobbingopfer veröffentlicht.

"Die wussten genau, wie sie mich fertigmachen, verunglimpfen und bei Lehrern in ein schlechtes Licht rücken können – ohne erwischt zu werden." Sylvia Hamacher
Sylvia Hamachers Geschichte ist kein Einzelfall. "Im Schnitt sind in jeder Klasse ein oder zwei Kinder betroffen", schätzt Franz Hilt, Sozialpädagoge aus Freiburg und Leiter des Präventivprogramms Konflikt-Kultur innerhalb des Caritasverbands. Und wer glaubt, so etwas komme nur an Hauptschulen in Brennpunktbezirken von Großstädten vor, der irrt: "Es passiert überall, in Grundschulen genauso wie auf Gymnasien, auf dem Land genauso wie in der Stadt." Sylvia Hamacher machte ihre Mobbingerfahrungen an einem Gymnasium in Recklinghausen. Neu ist Mobbing nicht: "Mobbing gibt es, seit es Schule gibt", sagt Mechthild Schäfer, Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Deutschlands führende Expertin für Mobbing an Schulen.

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Der Begriff, der sich vom englischen "to mob" ("anpöbeln") herleitet, beschreibt ein vertrautes Phänomen: Es gibt wohl kaum einen Schüler, der nicht schon miterlebt hat, wie gleichaltrige Klassenkameraden einen anderen geärgert, gequält oder ausgegrenzt haben. Fast jeder Erwachsene kann sich an solche Situationen erinnern. Doch nicht alles, was nach Mobbing aussieht, ist es auch: "Man darf es nicht mit den normalen Nettigkeiten’ der lieben Kleinen verwechseln", sagt Mechthild Schäfer. "Mobbing sind nicht die Papierkügelchen, die mal fliegen oder der Schulranzen, der mal versteckt wird. Das Problem ist, wenn sich all diese Aktivitäten gegen ein Kind in der Klasse richten. Und das über einen längeren Zeitraum. Dann spricht man von Mobbing", erklärt die Psychologin.

Mobbing hängt mit Zwangsgemeinschaften zusammen

Mobbing kommt immer dann vor, wenn Menschen in Zwangsgemeinschaften leben müssen, denen sie nicht entfliehen können. "Das kann die Schulklasse sein, aber auch ein Arbeitsverhältnis oder eine Dorfgemeinschaft", sagt Franz Hilt. Dabei kann jeder zum Opfer werden, ein typisches Profil gibt es nicht.

"Alle Studien zeigen, egal welche Eigenschaften ein Kind hat: Grund für Mobbing ist immer die relative Position in der Klasse", sagt Mechthild Schäfer. Das heißt, dem gleichen Kind würde in einer anderen Klasse möglicherweise nichts passieren. "Es ist nur das Pech, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein."

Bei Sylvia Hamacher fing es aus heiterem Himmel an. Gerade war sie noch eine beliebte Schülerin – im nächsten Moment ignorierten ihre Freundinnen sie, weil sie nicht alle auf ihre Party eingeladen waren. "Anfangs dachte ich, das renkt sich wieder ein." Aber dem war nicht so. Ihre Mitschülerinnen ließen sie konsequent links liegen, sprachen kein Wort mit ihr. "Ich war weniger als Luft. Ich war Abfall." Körperliche Gewalt kam hinzu. Am Ende hatte sie die ganze Schule gegen sich.

Lehrer müssen Heranwachsenden ihre Grenzen aufzeigen

Aber wie kommt es dazu? Für Kinder und Jugendliche ist Anerkennung enorm wichtig, die bekommen sie in der Schule durch gute Noten. "Es gibt aber auch eine bequemere Art: Wer andere klein macht, wird selber größer", erklärt Sozialpädagoge Franz Hilt ein Motiv der Täter. Manche Kinder würden diese Methode schon im Kindergarten für sich entdecken. "Neuere Untersuchungen zeigen, dass – anders als lange Zeit angenommen – sich die Täter sehr wohl in Andere einfühlen. Sie verfügen sogar über eine erhöhte soziale Kompetenz, die sie gezielt nutzen, um bei ihren Opfern zielgenau die wunden Punkte zu finden", sagt Hilt.

Das kann auch Sylvia Hamacher bestätigen: "Das waren alle hochintelligente Personen. Die wussten genau, wie sie mich fertigmachen, verunglimpfen und bei Lehrern in ein schlechtes Licht rücken können – ohne erwischt zu werden." Apropos Lehrer: Psychologin Mechthild Schäfer sieht sie in der Verantwortung. Wichtig seien Lehrer, die Heranwachsenden Grenzen zeigen und sagen: Stopp, das ist hier nicht erlaubt. Wenn Schulleitung und Lehrer wegschauen oder Mobbing sogar tolerieren, lernen die Täter, dass sie erfolgreich sind, und machen weiter. Opfer lernen, dass es keinen Schutz gibt, die eigene Wertschätzung sinkt.

"Du bist nicht schuld!"

Auch Sylvia Hamacher hat irgendwann geglaubt, sie sei "hässlich, dumm und egoistisch" – und habe es verdient, so behandelt zu werden. Sie fühlte sich wertlos, ritzte sich und dachte daran, sich umzubringen. Betroffenen müsse gesagt werden: "Du bist nicht schuld!", sagt Mechthild Schäfer. "Denn es ist ganz egal, wie die Opfer auf die Angriffe reagieren, sie können lächeln, weinen, zurückschlagen. Die Täter instrumentalisieren ihre Reaktionen immer so, wie sie sie brauchen."

Die Lehrer von Sylvia Hamacher konnten oder wollten ihr nicht helfen – auch nicht, nachdem ihre Mutter Dauergast beim Schuldirektor war. Mit einem Klassengespräch glaubte dieser, das Mobbing beenden zu können. Sylvia Hamacher wollte bei dem Gespräch nicht dabei sein: "Ich wusste, ich werde an den Pranger gestellt, werde zur Petze abgestempelt. Und danach wird alles noch schlimmer." Und so war es.

Die Eltern von Sylvia Hamacher haben versucht, zu helfen – erfolglos. Das ist nicht ungewöhnlich. Glaubt man der Expertin Mechthild Schäfer, können sie relativ wenig tun, wenn Mobbing an der Schule stattfindet. "In der Klasse ist der Lehrer das Alphatier, der darüber entscheidet, wie die Kinder miteinander umgehen." Und ist erstmal die ganze Klasse gegen ein Kind, sei es fast unmöglich gegenzusteuern. "Dann können nur noch Profis helfen", weiß Franz Hilt aus seiner Erfahrung als Mobbingcoach zu berichten.

Experten: 20 Prozent aller Suizide sind auf Mobbing zurückzuführen

Der Psychoterror verfolgte Sylvia Hamacher bis nach Hause. Denn auch im Internet wurde sie von ihren Klassenkameraden gemobbt: "Die Schlampe machen wir fertig, so lange, bis sie freiwillig von der Schule geht", schrieb ein Peiniger per Nachrichtendienst Twitter. Cybermobbing oder das "Sich-fertig-Machen" im Internet ist eine weitere Spielart von Mobbing. "80 Prozent der Betroffenen werden online wie offline gemobbt", sagt Birgit Kimmel, medienpädagogische Referentin bei der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland Pfalz und pädagogische Leiterin der EU-Initiative Klicksafe. Beim Cybermobbing geschieht quasi das Gleiche wie an der Schule, nur nutzen die Täter eine andere Technik. "Das Schlimme dabei ist, dass es nicht mehr aufhört", sagt Mechthild Schäfer. Sogar, wenn man selbst gar nicht am Computer ist.

Eine Studie von 2013 zeigt: Jeder dritte Jugendliche hat Erfahrung mit Cybermobbing, viele als Täter und Opfer zugleich. Besonders verbreitete Formen von Cybermobbing seien Beschimpfungen und Beleidigungen, gefolgt von Gerüchten und Verleumdungen, sagt Kimmel. Nicht ganz so häufig, aber dafür umso dramatischer für ein Opfer ist es, wenn peinliche Bilder oder Videos ins Netz gestellt werden. "Wir wissen von Betroffenen, dass Cybermobbing als noch belastender empfunden wird als traditionelles Mobbing", berichtet die Medienpädagogin Kimmel.

Wie belastend, zeigt der Fall der Schülerin Amanda Todd aus Kanada. Sie wurde jahrelang für ein Oben-Ohne-Foto im Netz gehänselt. Sie wechselte mehrmals die Schule, bis sie sich 2012 im Alter von 15 Jahren das Leben nahm. So ein Fall ist in Deutschland nicht bekannt, wobei Experten davon ausgehen, dass 20 Prozent aller Suizide auf Mobbing zurückzuführen sind.

Dem Opfer sagen: Du bist nicht schuld!

Im Gegensatz zum klassischen Mobbing funktioniert Cybermobbing sehr einfach, schnell und erreicht ein großes Publikum: Die Täter bleiben weitgehend anonym, die peinlichen Fotos oder Lügen verbreiten sich wie ein Lauffeuer: "Egal wo ich hinging, nirgends war ich sicher. Jeder schien zu wissen, was im Netz über mich verbreitet wurde. Es genügte ja, meinen Namen zu googeln", beschreibt Sylvia Hamacher ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit. Hinzu kommt: Was einmal im Internet steht, lässt sich nicht mehr so leicht tilgen. Was tun, wenn das Mobbing immer schlimmer wird? Oft wird zu einem Schulwechsel geraten.

Auch Sylvia Hamacher hat sich letztendlich dafür entschieden. Nach einem körperlichen Angriff durch eine Mitschülerin, der sie für drei Tage ins Krankenhaus brachte, und Morddrohungen war dies der letzte Ausweg. Mobbing-Expertin Mechthild Schäfer rät nur "im Zweifelsfall" zu einem Wechsel der Schule, denn der Täter könne das als Bestätigung auffassen und sich das nächste Opfer suchen. Besser sei es, die gesamte Gruppe in den Blick zu nehmen, meint Franz Hilt, der vergangenes Jahr als Coach zu 85 Schulklassen in Baden-Württemberg gerufen wurde, um akute Mobbingfälle zu lösen. "Dabei geht es nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern das Opfer zu unterstützen, das Leid vor Augen zu führen und das Einfühlungsvermögen aller zu fördern."

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Autor: Birgit Herrmann