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24. November 2014 11:16 Uhr

Beispiel Freiburg

Ehrenamtliche Mediatoren an Grundschulen – so arbeiten sie

Eine gute Lösung für beide Seiten – danach streben sie: BZ-Interview mit Rita Stamm und Reinhold Schlicksbier, ehrenamtliche Mediatoren an einer Grundschule.

  1. Mit Dir rede ich nicht mehr! Mediatoren helfen, den Streit wieder aufzulösen. Foto: Picture-Fact. (Fotolia)/Th. Kunz

  2. Reinhold Schlicksbier, Rita Stamm Foto: Thomas Kunz

Auch Grundschüler streiten sich, lügen sich mal an oder sind eifersüchtig. Oft räumen sie ihren Zwist selber wieder aus. An manchen Schulen können sie dabei aber auch die Hilfe von Mediatoren in Anspruch nehmen. Der Verein "Seniorpartner in School" bildet Senioren aus, die dann ehrenamtlich an Schulen als Streitschlichter arbeiten. Rita Stamm und Reinhold Schlicksbier sind an der Hebel-Grundschule im Freiburger Stadtteil Stühlinger aktiv.

BZ: Frau Stamm, Herr Schlicksbier, seitdem ich mit Ihnen einen Vormittag in der Hebel-Grundschule verbrachte, bin ich begeistert von der gewaltfreien Konfliktlösung, die Sie den Schülerinnen und Schülern anbieten. Ziehen alle, die mit ihren Problemen zu Ihnen kommen, so zufrieden strahlend von dannen, wie die Kinder, die ich erlebt habe?
Schlicksbier: Zumindest streben wir das an, und häufig gelingt das auch. Wir wollen ja, dass die Kinder wieder zu uns kommen, wenn sie Probleme miteinander haben. So können wir ihnen zeigen, wie wichtig es ist, miteinander zu reden und auf die Interessen des anderen Rücksicht zu nehmen. Gelingt uns das, haben wir unser eigentliches Ziel erreicht.

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BZ: Mit welchen Problemen kommen denn die Schülerinnen und Schüler zu Ihnen: Können Sie Beispiele nennen?
Stamm: Eifersucht spielt eine große Rolle, vor allem in Dreier-Konstellationen: Wer darf wann mit wem spielen?
Schlicksbier: Es gibt Kinder, die gerne andere foppen und dann erstaunt sind, dass sie Ärger kriegen. Dahinter steckt oft der Wunsch nach einem engeren Kontakt. Jungs rangeln gerne miteinander. Sie wollen ihre Kräfte messen. Sie provozieren sich im Spaß. Kommt es dann zu einer ernsthaften Auseinandersetzung, ist es wichtig, nach den Ursachen für die plötzlichen Aggressionen zu forschen.

BZ: Wie führen Sie das Gespräch mit den Kleinen?
Stamm: Es gibt feste Regeln, zu denen etwa gehört, dass die Kinder nicht miteinander, sondern nur mit uns sprechen, dass sie einander aussprechen lassen und sich zuhören. Wenn nach einer ersten Phase klar ist, um was es geht, ist es wichtig, dass die Kinder ihre Gefühle und die dahinterstehenden Bedürfnisse erkennen. Dann ist es ihnen auch möglich, eine für beide Seiten befriedigende Lösung zu finden.
Schlicksbier: Als Mediatoren müssen wir darauf achten, dass wir weder inhaltliche Vorgaben machen, noch Bewertungen vornehmen. Unsere Fragen sollen den Kindern helfen, sich die Gesamtsituation bewusst zu machen. Dann ergibt sich die Lösung wie von selbst. Wenn sie dann "zufrieden strahlend von dannen ziehen" ist das ein Zeichen dafür, dass sie die Lösung auch als Erlösung empfinden.

BZ: Gibt es auch Probleme, die mit einer Mediation nicht gelöst werden können?
Stamm: Wir konzentrieren uns auf jeweils konkrete Einzel-Konflikte, die die Kinder untereinander haben. Probleme, die im Elternhaus oder im Unterricht auftauchen, gehören nicht zu unserem Aufgabenbereich.
Schlicksbier: In unserer Ausbildung lernen wir, dass uns spätestens da, wo es um mögliche Gesetzesverletzungen oder um ernsthafte Störungen im psychischen Bereich geht, Grenzen gesetzt sind.

BZ: Sie arbeiten immer zu zweit. Kann das nicht eine Person alleine machen? Dann hätten Sie doppelt so viel Zeit für die Kinder... An Nachfrage fehlt es ja nicht, wie ich sehen konnte.
Schlicksbier: Unsere Erfahrung zeigt, dass die Arbeit allein sehr viel schwieriger ist. Gerade bei ernsthaften Auseinandersetzungen ist gut, wenn einer zuhört und dann eingreift, wenn das Gespräch zu stocken droht. Genauso wichtig ist aber auch die nachträgliche "Manöverkritik".

BZ: Gut, also zwei Personen. Und warum ein Mann und eine Frau? Spielt das für die Kinder eine Rolle?
Stamm: Die Kinder haben uns von Anfang an als eine sich ergänzende Einheit angesehen, eine Einheit, die sie auch aus ihrem familiären Umfeld schon kennen.

BZ: Wie sind da Ihre konkreten Erfahrungen?
Schlicksbier: Mütter werden oft als nachgiebiger und verständnisvoller empfunden. Wenn es um Sport oder die Einhaltung von Regeln geht, kommen auch die Väter ins Spiel. Es kommt auch nicht selten vor, dass sich Kinder ausdrücklich an einen von uns wenden, ohne dass der Andere deswegen abgelehnt würde.

BZ: Sie arbeiten auch mit Spielkarten. Warum eigentlich?
Stamm: In der Mediation ist es wichtig, dass Kinder sich über ihre Gefühle klar werden. Für Kinder der Grundschule ist es aber oft schwierig, sich in Worten genau auszudrücken. Deshalb verwenden wir ein Quartettspiel mit Bildern von Kindern, die jeweils ein bestimmtes Gefühl zeigen, in dem sich die Kinder wiedererkennen können.
Schlicksbier: Diese Karten sind inzwischen ein selbstverständlicher Teil unserer Arbeit. Oft fragen die Kinder von sich aus nach ihnen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten der Verständigung ohne Worte, auch wenn sie nicht so häufig zum Zuge kommen. Wir haben zum Beispiel eine kleine Sammlung von Gegenständen, die sich als Symbole eignen. Und in besonders schwierigen Fällen gibt es die Möglichkeit, die Kinder ein Bild auf einem großen Blatt Papier malen zu lassen. Jedes Kind ist frei in seiner Gestaltung. Sie können also malend zwar gegeneinander agieren, aber sie tun es miteinander.

BZ: Haben Sie auch schon Schulkinder und Lehrerinnen oder Lehrer in einer Mediation zusammengeführt?
Schlicksbier: Nein, das gehört nicht in unseren Aufgabenbereich.

BZ: Sprechen Sie überhaupt mit den Lehrern über Schwierigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler? Raten Sie ihnen gar, wie sie sich verhalten könnten?
Stamm: Die Kinder kommen mit dem Einverständnis der Lehrerkräfte zu uns und die informieren uns oft schon im Vorfeld über die Situation. Wir berichten später über das Ergebnis, ohne auf inhaltliche Einzelheiten einzugehen.
Schlicksbier: Wir haben es mit gut ausgebildeten und erfahrenen Pädagogen zu tun, die die Schülerinnen und Schüler viel besser kennen als wir. Es geht darum, sie in akuten Konfliktfällen zu entlasten und mit unserer Arbeit dazu beizutragen, das soziale Klima in der Klasse zu verbessern.

BZ: Wissen Sie, wie und ob Eltern auf Ihre Tätigkeit reagieren?
Schlicksbier: Wir haben inzwischen Hunderte von Gesprächen geführt und dabei zwei Mal negative Rückmeldungen erhalten, weil die Eltern unser Grundprinzip "schlichten statt richten" nicht akzeptieren wollten.

BZ: Wie kommt Ihre Arbeit in der Schule insgesamt an?
Schlicksbier: Wir haben von Anfang an Wohlwollen von Seiten des Kollegiums gespürt. Einige reagierten anfangs eher abwartend. Dann zeigte sich, dass die Kinder gern zu uns kamen und dass unsere Arbeit dazu beitrug, die Lehrerkräfte zu entlasten. Als wir dann gefragt wurden, ob wir zwei Mal in der Woche kommen könnten, hatten wir das Gefühl, wirklich dazu zu gehören.

BZ: Wird diese Art der Mediation nur an Grundschulen angeboten?
Schlicksbier: In Freiburg fast ausschließlich. In anderen Bundesländern arbeiten Mediatoren auch an Haupt-, Real und Gesamtschulen.

BZ: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, ehrenamtlich als Mediatoren zu arbeiten?
Stamm: Als Lehrerin am Gymnasium war es mir kaum möglich, mich um einzelne Kinder zu kümmern, wie es nötig gewesen wäre. Das kann ich jetzt tun.
Schlicksbier: Ich habe 30 Jahre an einer Privatschule gearbeitet und dabei auch einzelne Schüler betreut. Das war oft sehr anstrengend, vor allem, wenn sie schon etwas älter waren. Es hat aber auch viel Freude gemacht. Als ich von der Möglichkeit erfuhr, auch als Senior mit Grundschülern zu arbeiten, habe ich mich beworben.

BZ: Sind alle Mediatoren ehemals im Schuldienst gewesen?
Schlicksbier: Nein. In Freiburg gibt es unter anderen auch einen ehemaligen Forstbeamten, Ärzte und Ärztinnen, einen Banker, Hausfrauen eine Krankenschwester.

BZ: Wieviel Zeit – oder sogar Geld? – haben Sie in Ihre Ausbildung gesteckt?
Stamm: Die Ausbildung dauert zwei Mal eine Woche. Danach arbeitet man im Regelfall einmal vormittags pro Woche. Als Vereinsmitglied zahlt man 30 Euro pro Jahr und alle anfallenden Kosten für Materialien oder Fahrtkosten trägt man selbst.

BZ: Macht Sie diese Tätigkeit genauso glücklich wie die kleinen Menschen, die ich erlebt habe?
Schlicksbier: Ja, wenn auch aus anderen Gründen. Für uns ist es eine unbezahlbare Erfahrung: Wir zeigen Kindern, wie sie sich selbst helfen können.

Kontakt: SIS – Seniorpartner in School. Im Internet unter http://www.sis-bw.de oder http://www.seniorpartnerinschool.de Ansprechpartner für den Ortsverein Freiburg ist Reinhold Schlicksbier Tel. 0761/796158, E-Mail: reinholdschlicksbier@hotmail.com

Autor: Mechthild Blum