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23. Januar 2012

Eine zweite Zukunft

Vor elf Jahren adoptierte eine deutsche Lehrerin einen minderjährigen Flüchtling aus Westafrika.

Es war ein Sommertag vor elf Jahren. An Maria Pfeiffers* Tisch im Esszimmer saß, wie seit vier Wochen jeden Mittwochnachmittag, der sechzehnjährige Junge, um mit ihr Deutsch zu lernen. Da ließ sie Vokabeln und Grammatik für einen Moment beiseite und fragte: "Welche Pläne hast du? Wie stellst du dir deine Zukunft vor?" Benga musste nicht lange überlegen. "Ich werde die Kinder des Präsidenten töten", schoss es aus ihm heraus.

Nicht, dass der schwarze Halbwüchsige besonders gewalttätig gewesen wäre. Aber irgendein Ventil brauchte er offenbar für die schrecklichen Erlebnisse, die er hinter sich hatte: die nächtliche Razzia, die Festnahme seiner Eltern, die sich in einer der Oppositionsparteien gegen den Präsidenten des westafrikanischen Landes engagiert hatten. Benga musste mit ansehen, wie einer seiner Brüder erschossen wurde. Ihm war es gelungen zu entkommen. Schlepper brachten ihn über die Grenze – mit unbekanntem Ziel. Organisiert und finanziert hatte die Flucht die Partei seiner Eltern. Über Berlin und die Landesaufnahmestelle in Karlsruhe führte ihn sein Weg in eine Sammelunterkunft für Flüchtlinge in Merzhausen. "Ich fiel in ein tiefes Loch", erinnert sich der heute 27-Jährige. Zuhause war er in eine gute Schule gegangen. Hier war er zum Nichtstun verurteilt. Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie ebenso wie über sein eigenes zermürbte ihn. Er konnte kaum noch schlafen. "Ich hatte meine Zukunft verloren."

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Ihr einziges Ziel ist es,

zu überleben.

Maria Pfeiffer dachte an diesem Sommernachmittag zum ersten Mal daran, dem Heranwachsenden wieder zu einer Zukunft zu verhelfen, ihn zu adoptieren. Zumal sie große Sympathie für ihn empfand. Die allein lebende Deutschlehrerin ließ ihrem Gedanken Zeit zu reifen. Da sie eine große Wohnung hatte, bot sie ihm zunächst ein Zimmer an. Der ungewohnte Komfort konnte Benga nicht locken. "Er schlich sich rein, und war schon wieder weg", schildert sie seine Vorsicht und sein Misstrauen. "Ein ganz normaler Schutzmechanismus" ist das für Ernst-Ludwig Iskenius. Der Arzt und Traumatherapeut bei "Refugio", einer Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlinge in Villingen-Schwenningen, hat häufig mit Jugendlichen wie Benga zu tun. "Sie müssen sich mit allen Mitteln davor hüten, noch mal in eine gefährliche Falle zu tappen oder eine Enttäuschung zu erleben."

2011 stellten in Deutschland nach Auskunft des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 535 unter 16-Jährige und 1413 Jugendliche zwischen 17 und 18 Jahren einen Asylantrag. Nicht mitgerechnet jene, die – aus humanitären Gründen – ohne Asylantrag aufgenommen werden. "Separated children" (getrennte Kinder) heißen sie im englischen Sprachraum. Von "unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen" (UMF) spricht man in Deutschland. Ihre Zahl steigt, wie die der Flüchtlinge insgesamt, seit 2007 wieder. Ab 16 Jahren werden sie asylrechtlich wie Erwachsene behandelt. Sie müssen selbst einen Asylantrag stellen und unterliegen den üblichen Bedingungen eines Asylverfahrens. Weil sie sich ohne Eltern in einem fremden Land zurechtfinden müssen, wird ihnen ein ehrenamtlicher oder Amtsvormund zur Seite gestellt. Da sie meist keine Papiere bei sich haben, wird an ihren Altersangaben häufig gezweifelt und einfach von einem geschätzten Alter ausgegangen. Das hat sozial- und verfahrensrechtliche Konsequenzen. Je älter sie geschätzt werden, desto weniger Anspruch auf Jugendhilfe haben sie. Auch Benga hatte Hals über Kopf fliehen müssen und keine Papiere dabei. Es gelang, eine Geburtsurkunde aus seiner Heimatstadt aufzutreiben. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Die darüber zu entscheiden hatten, glaubten nicht, was er bei seiner Anhörung vorbrachte.

"Ihr einziges Ziel ist, zu überleben", sagt Iskenius. "Es ist bei Jugendlichen besonders ausgeprägt, dass die Traumata abgespalten werden – bis hin zur völligen Amnesie." Benga hangelte sich von Duldung zu Duldung. "Ich hatte Angst, abgeschoben zu werden." Bei einem Mitbewohner hatte er es erlebt. "Das sind Kinder, die ganz viel von anderen aufschnappen, auch falsche Geschichten, ohne dass sie wirklich wissen, worauf es ankommt", schildert Iskenius das innere Labyrinth, in dem die Flüchtlinge herumirren.

Seit 2005 geht es den "getrennten Kindern" in Deutschland etwas besser als noch bei Bengas Einreise: Das Jugendamt der Gemeinde, der sie zugeteilt werden, muss für ihren Schutz und eine gedeihliche Entwicklung sorgen. Statt in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge, müssen sie in einer Jugendhilfeeinrichtung oder bei Pflegeeltern untergebracht werden. Das Kindeswohl hat Vorrang vor dem Zuwanderungsrecht. Das Freiburger Jugendamt etwa bringt minderjährige Flüchtlinge ins Oberrimsinger Christophorus-Jugendwerk, bis eine Pflegefamilie gefunden ist.

"Ein großer Fortschritt", urteilt Ernst-Ludwig Iskenius. "Vorher sind viele einfach untergegangen." Ein Schicksal, das Benga erspart blieb. Bis Weihnachten ließ Maria Pfeiffer sich und Benga Zeit. Schließlich waren nicht nur die üblichen Probleme mit einem pubertierenden Jugendlichen zu erwarten. Benga kam aus einem völlig anderen Kulturkreis und hatte Dramatisches erlebt. Doch dann stand ihr Entschluss fest, und sie bot Benga die Adoption an. Die heute 62-Jährige mit dem herzhaften Lachen spricht von ihrem "Weihnachtsmärchen", wohl wissend, dass nicht alles nur märchenhaft gewesen ist. Aber "für mich war klar, dass ich von dem Zeitpunkt meines Adoptionsangebots an, komme was da wolle, an mein Versprechen gebunden bin".

Für Benga eine absolute Voraussetzung, um Vertrauen zu fassen. "Erst wenn man ihnen unumstößliche Sicherheit vermittelt, können die Jugendlichen ihre traumatischen Erlebnisse überwinden", sagt Iskenius. Es erscheint logisch, dass die zugesagte Sicherheit immer wieder auf die Probe gestellt wird, bis ein Jugendlicher an sie glaubt. Benga etwa traute der Behauptung nicht, dass das Adoptionsverfahren ihn vor der Abschiebung schützen würde. Vor der Adoption musste Maria Pfeiffer das Jugendamt überzeugen, dass sie als Mutter für Benga geeignet sei. "Wir prüfen ohne Unterschied, ob eine Adoption dem Kindeswohl dient", bekräftigt Friedrich Schmid vom Freiburger Jugendamt. Dass minderjährige Flüchtlinge adoptiert werden, komme vereinzelt, aber immer wieder mal vor. Meist von Pflegefamilien, die genügend Zeit hatten, ihr Kind kennen zu lernen. "Das läuft sehr gut."

Auch mit Benga läuft es sehr gut. Zwar musste er leider herausfinden, dass seine Eltern beide tot sind, eine Schwester verschollen ist und ein Bruder, den er ausfindig machen konnte, ihm fremd geworden ist. Aber Maria Pfeiffer, deren 93-jährige Mutter, ihre Schwester und Bengas Frau (24), die aus der gleichen Stadt kommt wie er, sind jetzt seine Familie. Benga hat seinen Hauptschulabschluss nachgeholt, eine Lehre gemacht und Arbeit gefunden. Der heute 27-Jährige ist ehrgeizig und wünscht sich, beruflich noch weiter zu kommen. "Ich liebe ihn als meinen Sohn", sagt Maria Pfeiffer, auch wenn er bis heute vermieden hat, sie mit "Mama" anzureden. Sie hofft auf Enkelkinder, für die sie die Oma sein könne. "Ich konnte lediglich einem den Platz geben, den ihm die deutsche Gesellschaft versagen wollte", zieht die politisch engagierte Frau heute Bilanz. "Aber es war das Sinnvollste und für mich Befriedigendste, was ich je in meinem Leben getan habe."

Autor: Anita Rüffer