Elementar wie der Tod: Einsamkeit

Eva Tenzer

Von Eva Tenzer

Mo, 21. November 2016

Liebe & Familie

Mal allein sein, ist schön. Wer sich dauerhaft einsam fühlt, wird früher oder später psychisch und körperlich krank /.

Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in den Bergen verbringen. Nach der Ankunft will das Paar noch mal kurz ins nächste Dorf, kommt aber nicht mehr zurück. Am nächsten Morgen stößt die Frau, egal wo sie hingeht, auf eine unsichtbare Wand. Abgeschlossen von der übrigen Welt, muss sie sich aufs Überleben in der Natur einrichten, denn jeder Versuch, der Isolation zu entkommen, scheitert. Im Film "Die Wand", der auf der Romanvorlage der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer basiert, spielt Martina Gedeck die von der Welt isolierte Frau sehr intensiv und schlägt die Zuschauer vom ersten Moment an in den Bann. Je länger der Film dauert, umso mehr überträgt sich die ausweglose Situation auf die Zuschauer. Die Wand wird zur Metapher für die totale Isolation eines Menschen.

Wohl die meisten Menschen dürften in einer Phase ihres Lebens schon allein gewesen sein oder sich zumindest so gefühlt haben. Das Phänomen ist gar nicht so selten: 16 Prozent der Deutschen empfinden laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2009 "manchmal" Einsamkeit, zwei Prozent fühlen sich "häufig" sehr allein. Bei den Über-60-Jährigen sind es bereits vier Prozent. Und die Zahl der Single-Haushalte auch in dieser Altersgruppe steigt immer weiter.

Eine Online-Befragung des Deutschen Studentenwerks (DSW) von 2013 ergab, dass 15 Prozent der Studierenden mit dem Wort "Stress" vor allem Einsamkeit assoziieren. Im Vergleich: Nur ein Prozent dachte dabei an Konkurrenzdruck. Außerdem klagen 15 Prozent der befragten Studierenden über Kontaktschwierigkeiten und 27 Prozent gaben eine übermäßige Internetnutzung an, aus der sich ebenfalls auf Einsamkeit schließen lässt. Laut DSW könne man von einem Anteil von mehr als zehn Prozent der Studierenden sprechen, die zumindest tendenziell einsam sind.

Eine im Dezember 2014 veröffentlichte Studie der TU Darmstadt deckte auf, dass jeder zweite Mieter in Deutschland keinen Kontakt mehr zu seinen Nachbarn hat. Trotzdem wünscht sich nur ein Drittel der Befragten mehr Kontakt. Diese Zahlen überraschen, denn noch nie waren die technischen Voraussetzungen eigentlich so ideal, um in Kontakt mit anderen zu kommen und dauerhaft zu bleiben. Soziale Netzwerke, Handy oder Skype machen uns rund um die Uhr und rund um den Globus erreichbar. Dennoch fühlen sich viele Menschen allein.

Einsamkeit ist ein unangenehmes, belastendes und manchmal schmerzliches Gefühl. Und es bleibt nicht ohne Folgen. Studien entlarven soziale Isolation als Hauptrisikofaktor für Krankheit und Sterblichkeit. Wer dauerhaft einsam ist, leidet eher unter Schlafstörungen, hat ein höheres Risiko für Bluthochdruck, Depressionen und ein weniger schlagkräftiges Immunsystem. Man wird anfälliger für Infektionskrankheiten, produziert mehr Stresshormone und braucht dreimal länger zum einschlafen als Nicht-Einsame. Und selbst wenn einsame Menschen gleich viel schlafen, fühlen sie sich anschließend weniger erholt. Auf Dauer sinkt die kognitive Leistungsfähigkeit und am Ende droht sogar der frühere Tod. Das zeigten große Metastudien in den vergangenen Jahren, für die Daten vieler Tausender Probanden aus früheren Untersuchungen ausgewertet wurden. Unter dem Strich zeigen die Ergebnisse, dass Einsamkeit für die Gesundheit so schädlich ist wie Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel. Nur dass wir darüber selten so offen sprechen wie über diese anderen Risiken.

Die gesundheitlichen Risiken werden meist damit begründet, dass einsame Menschen keine oder nur wenige Lebensratgeber an der Seite haben, also Menschen, die sie zu einem gesunden Lebensstil ermuntern und ungesunden Gewohnheiten entgegenwirken könnten. Eine weitere Rolle spielt, dass soziale Beziehungen, wie Studien zeigen, Stress mindern und somit vor stressbedingten Erkrankungen schützen. Wem dieser Schutzfaktor fehlt, wird eher krank.

Die Psychologin Eva Wlodarek schreibt in ihrem Buch "Einsam": "Einsamkeit rührt an die Wurzeln unserer Existenz. Sie erscheint so elementar wie die Liebe und der Tod. Wer das einmal durchlebt hat, wird es nie wieder vergessen." Deshalb gibt die Therapeutin viele Impulse, um Einsamkeit zu vermeiden und zu überwinden. Bei dem Gefühl, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein, werden nämlich die gleichen Hirnareale aktiviert wie bei körperlichem Schmerz. Das kann durchaus dazu motivieren, auf andere Menschen zuzugehen. In der Evolution entwickelte sich das schmerzhafte Gefühl möglicherweise als Warnsignal, um uns vor Isolation zu bewahren, vermuten Sozial- und Evolutionspsychologen. Denn es bringt Menschen dazu, soziale Kontakte zu suchen, bestehende zu verstärken oder alte zu erneuern.

Einsamkeit gibt es als objektive soziale Isolation oder als subjektives Gefühl, isoliert zu sein. Und dieses subjektive Gefühl kann eben auch da sein, wenn eine Person durchaus soziale Kontakte hat und viele Menschen kennt. Horst Heidbrink, Psychologe an der Fernuniversität Hagen mit dem Schwerpunkt soziale Beziehungen, bringt es so auf den Punkt: "Einsamkeit beschreibt einen gefühlsmäßig unangenehmen Zustand, den wir gern verändern würden. Alleinsein ist zunächst nur eine objektive Situation, die als unangenehm oder angenehm empfunden werden kann. Wir können uns inmitten vieler anderer einsam fühlen, gerade weil wir nicht allein sind, aber zu den anderen keine Beziehung, keinen Kontakt haben oder herstellen können. Und Alleinsein kann vor allem bei einem Zuviel an Kommunikation auch als Erholung empfunden werden." Dabei sind die Wahrnehmungen sehr individuell, wie Heidbrink betont.

Das Gefühl der Einsamkeit hänge von externen und internen Faktoren ab. "In einer Umgebung, in der wir uns fremd fühlen, wenn wir wenig Gemeinsames mit anderen Menschen sehen, wenn es uns schwer fällt, auf andere zuzugehen, entsteht es in jedem schnell. Wir unterscheiden uns alle in unseren Bedürfnissen nach Kontakt und Beziehungen, aber auch in Punkto Offenheit. Extraversion ist ja eines der zentralen Persönlichkeitsmerkmale. Je schneller wir uns anderen öffnen, umso eher finden wir Kontakt, umso größer ist allerdings auch das Risiko abgelehnt zu werden", sagt Heidbrink.

Überwiegt das Leid, gibt es auch Wege hinaus. Psychologen unterscheiden zwei Formen von Einsamkeit: Emotional einsam ist man, wenn ein enger Vertrauter fehlt, ein Partner, mit dem man sich eng verbunden fühlt. Soziale Einsamkeit dagegen entsteht bei einem grundsätzlichen Mangel an sozialen Beziehungen zu Familie, Freunden, Nachbarn oder Kollegen. So erleben etwa Verwitwete weitaus häufiger als Verheiratete emotionale Einsamkeit, seltener jedoch soziale Einsamkeit. Das Therapeuten-Paar Udo Baer und Gabriele Frick-Baer differenziert sogar noch weiter und unterscheidet fünf Formen der Einsamkeit: Kontakteinsamkeit, Freundschaftseinsamkeit, Intimitätseinsamkeit, Herzenseinsamkeit und Bindungseinsamkeit. In der Therapie versuchen sie, der individuellen Form eines Klienten auf die Spur zu kommen und jeweils passende Lösungen zu erarbeiten.

Wichtig ist, sich soziale Netzwerke zu schaffen. Initiativen und Kampagnen unterstützen das, zum Beispiel die "Initiative gegen Einsamkeit im Alter" oder "Wege aus der Einsamkeit", die als gemeinnützige Organisationen vor allem Senioren helfen. Aber auch Jüngere sind kreativ, etwa bei "JoinMyMeal", einer Internetplattform, über die man sich Gäste zum Essen einladen kann. Und auch moderne Technik kann helfen, beispielsweise Apps, die auf lokale soziale Gruppen und Aktivitäten hinweisen. Wer neu in einer Stadt ist, kann so schnell Anschluss finden.

Psychologen empfehlen auf der Basis von analysierten Wirksamkeitsstudien vor allem vier Dinge: Den sozialen Aktionsradius erweitern und aus eigenem Antrieb immer wieder Begegnungen suchen. Einen Aktionsplan erstellen, wie man sich regelmäßig in eine Gemeinschaft (Theatergruppe, Chor, Sportverein etc.) einbringen kann. Außerdem herausfinden, welche Beziehungen aussichtsreich sind und welche weniger. Und schließlich, Gutes von seinen Mitmenschen erwarten, freundlich auf andere zugehen und bereit sein, die eigenen Empfindungen zu offenbaren.