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12. Januar 2012 08:51 Uhr
Umdenken
Gleichgeschlechtliche Pflegefamilien sind selten
Immer mehr gleichgeschlechtliche Paare entdecken das Modell Pflegefamilie für sich. Doch noch sind schwule und lesbische Pflegeeltern alles andere als alltäglich.
Frauen wie Sandra Wohlfahrt (Name geändert) sind eine Ausnahme: Die Berlinerin ist Pflegemutter und lesbisch. Seit drei Monaten hat sie ein zweijähriges Mädchen in Kurzzeitpflege, 2004 nahm sie bereits den gerade geborenen Marc (Name geändert) auf, den sie mittlerweile adoptiert hat. "Damals wollte ich noch ein weiteres Kind, aber ich konnte da schon gar keines mehr kriegen", sagt die 50-Jährige, die noch einen 14-jährigen leiblichen Sohn hat.
Bundesweit werden Daten zu gleichgeschlechtlichen Pflegeeltern nicht statistisch erfasst. Laut Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung gibt es allein in Berlin rund 1.350 Pflegefamilien, in denen etwa 2.750 Pflegekinder leben. Davon sind circa 65 in rund 50 gleichgeschlechtlichen Pflegefamilien untergebracht. Gemeinsam adoptieren aber dürfen gleichgeschlechtliche Paare nicht.
So ist es auch bei Sandra Wohlfahrt und ihrer Partnerin – Adoptivmutter von Marc ist allein Wohlfahrt. In der Woche ist sie alleinerziehend, am Wochenende macht ihre Partnerin die Familie komplett. "Bei Marc ist sie von Anfang an dabei und hat sich auch sofort als Mutter gefühlt", erzählt Sandra Wohlfahrt. Ob im Umgang mit Behörden oder den leiblichen Eltern ihrer Pflegekinder – schlechte Erfahrungen hat sie bislang nicht als lesbische Pflegemutter gemacht.
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"Die Trägerschaft in Berlin hat sich darauf eingestellt, dass es immer mehr Bewerber aus dem homosexuellen Klientel gibt und dass diese besonderen Familienformen für manche Kinder ganz gut sind", sagt Constanze Körner vom Bildungs- und Sozialwerk des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg. Lesbisch-schwule Paare oder Einzelpersonen seien es gewohnt, sich mit besonderen Situationen auseinanderzusetzen und gelten als sehr reflektiert, urteilt die Projektleiterin für Regenbogenfamilien.
In der Regel führe eine unterschiedliche sexuelle Orientierung nicht zu Problemen zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern: "Die Vorurteile gegenüber Homosexuellen werden oft in der persönlichen Begegnung aufgelöst", sagt Körner. "Und wenn jemand nicht möchte, dass sein Kind bei gleichgeschlechtlichen Paaren groß wird, wird das auch nicht weiter verfolgt."
Laut Angelika Fischer-Stier vom Mannheimer Pflegekinderdienst könnte das Potenzial für die Vermittlung an schwul-lesbische Pflegeeltern noch besser genutzt werden. "Das setzt aber das Umdenken von Fachkräften voraus. Unter anderem gibt es die Haltung, in gleichgeschlechtlichen Paaren drohe Kindern aus schwierigen Verhältnissen eine gesellschaftliche Ausgrenzung – das halte ich für eine komplette Fehleinschätzung", sagt Fischer-Stier.
In und außerhalb Mannheims leben insgesamt rund 350 Pflegekinder in Pflegefamilien, die durch das Jugendamt Mannheim vermittelt wurden. Drei von ihnen sind bei Frauenpaaren untergebracht, eines bei einem Männerpaar.
Auch in eher kleineren Städten ist das Interesse gleichgeschlechtlicher Paare an Pflegschaften mitunter verhältnismäßig groß, wie etwa im rund 90.000 Einwohner zählenden Hanau in der Nähe von Frankfurt am Main. Angela Greib vom Magistrat der Stadt Hanau zufolge wurden in den vergangenen Jahren in Hanau sieben Kinder an ein Männerpaar, zwei Frauenpaare und eine alleinerziehende Pflegemutter vermittelt, die ebenfalls in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt.
"In Frankfurt ist es natürlich viel selbstverständlicher, dass ein Frauenpaar sich als Frauenpaar zu erkennen gibt als in der Kleinstadt", sagt die Sozialarbeiterin. Ein weiterer Vorteil einer Großstadt sei das Angebot schwul-lesbischer Elterninitiativen und Mutter-Kind-Gruppen, durch die eine sehr gute Vernetzung möglich sei. "Ich kann jedoch nicht sagen, dass man im kleinen Bereich mehr Schwierigkeiten hätte", sagt Greib.
Doch der Alltag ist nicht immer leicht, weiß Körner: "Wenn man als schwules oder lesbisches Paar sein Kind in der Kita anmelden will, heißt es mitunter: "Sie wollen wir hier nicht haben." Wer sich als homosexuelles Elternpaar nach draußen begebe, erlebe oft "ein dickes Coming-out" – und sei es nur auf den Spielplatz.
Der Grund für die Probleme: "Die Gesellschaft hat ein sehr geprägtes Bild, was Familie sein soll. Und das aufzubrechen ist natürlich sehr schwierig, weil das Thema immer noch tabuisiert ist", sagt Körner. Dabei sollte es nicht auf die Gleich- oder Zweigeschlechtlichkeit ankommen, sondern auf die Fähigkeit, Kindern ein Zuhause und Geborgenheit zu geben.
Tabus und gesellschaftlicher Druck sind auch Sandra Wohlfahrt und ihrer Familie nicht fremd. Neulich habe Marc einen Familienbaum aus dem Unterricht mitgebracht, in den er einen Papa gemalt habe, erzählt Wohlfahrt. Auf ihre Frage "Wer ist denn das? Du hast doch gar keinen Papa", habe der Siebenjährige rumgedruckst und meinte, die anderen hätten auch alle einen Papa. "Es könnte ihn schon sehr treffen, wenn jemand sich negativ darüber äußern würde, dass er zwei Mütter hat", fürchtet Wohlfahrt.
Autor: Philipp Isenbart (epd)
