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19. April 2010

"Ich will das nicht!"

MIGRANTEN II: Türkische Schülerinnen der Freiburger Hebelschule haben aus dem Thema Zwangsehe einen Film gedreht.

Zwangsheirat? So etwas gibt es doch gar nicht! Mit dieser Begründung wurde der Film "Der fremde Bräutigam" von verschiedenen Filmfestivals abgelehnt. Für Nedmije (16), Özge (16), Semra (16) und Kübra (15), Drehbuchautorinnen und Schauspielerinnen aus Freiburg, eine unverständliche Antwort, ist dieses Thema doch für viele Mädchen muslimischen Glaubens aktuell und zukunftsentscheidend.

Nun ist die Filmprojektgruppe der Freiburger Hebelschule doch für eine Auszeichnung nominiert, wenn auch nicht für einen Filmpreis. "Die Goldene Göre", ein Preis des Deutschen Kinderhilfswerkes, zeichnet Projekte von Jugendlichen und Kindern aus, die sich gegen Diskriminierung, Benachteiligung und Ungerechtigkeit einsetzen. Am 8. Mai entscheidet sich im Europapark Rust, welches der sechs nominierten Projekte den Preis gewinnen wird. Den Sonderpreis des Landes Baden-Württemberg hat die Freiburger Filmgruppe schon sicher.

Die vier Mädchen wirken selbstbewusst und stark. Sie betonen mehrmals, dass ihre Eltern sie nicht zwangsverheiraten würden. Woher kommt dann das Interesse für dieses heikle Thema? "Wir wollen den Menschen zeigen, dass das Thema nichts mit Islam zu tun hat. Viele wissen das nämlich nicht", erklärt Semra. Im Koran stehe davon nichts. Es handele sich um eine jahrelange Tradition, die in den Köpfen vieler Muslime jedoch noch stark verankert sei. Auch in ihrem persönlichen Umfeld: So wollte beispielsweise eine Freundin Urlaub in der Türkei machen. Als jedoch ihre Mutter ihren Pass am Flughafen eingezog, war der Jugendlichen klar, dass sie aus dem Urlaub nicht mehr nach Deutschland kommen sollte."Für die meisten Mädchen kommt die Liebe erst später und sie sind dann unglücklich. Man soll sich erst verlieben und dann heiraten", meint Nedmije. Und Semra würde ihrem Vater klar machen: "Ich will einfach nicht! Das ist das Wichtigste! Ich bin deine Tochter und ich will das nicht!" Man merkt den Mädchen schnell an, dass sie zwar ihren Glauben schätzen, die festgesetzten Konventionen jedoch unpassend finden. "Wir werden das ändern", ist sich Nedmije sicher. Die Jugendlichen sind bereit, zu kämpfen.

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Für ihre eigene Zukunft haben die vier Schülerinnen schon einen festen Plan. "Erstmal Schule, dann Ausbildung, Arbeit und dann heiraten. Ich will mein eigenes Geld verdienen und nicht von meinem Mann abhängig sein", sagt Nedmije. Doch schon bei der anstehenden Praktikumssuche stoßen die vier Mädchen auf Probleme. Semra trägt ihr Kopftuch freiwillig und mit Stolz, doch damit wird die Suche besonders schwierig. "Die Leute sollen sich nicht wundern, wenn wir heiraten, Kinder bekommen und zu Hause sitzen. Das wollen wir ja nicht, aber wir müssen halt!" Findet sie keine Praktikumsstelle, muss sie dem Hausmeister der Schule beim Putzen helfen – obwohl sie eigentlich Kinderpflegerin werden möchte. Oft sagen Menschen zu ihr: "Das ist doch nur ein Stück Stoff, zieh es doch aus." Semra fragt jedoch dagegen:"Wenn es nur ein Stück Stoff ist, warum stört es dann?" Über dieses Thema hat die Filmgruppe unter der Leitung von Barbara Davids schon ihren nächsten Film gedreht.

Auf die Frage, wie sie ihre Chancen bei der Verleihung der "Goldenen Göre" sehen, reagieren die Mädchen bescheiden: "Wenn nur ein Mensch zu uns kommt und sagt, dass er das Thema verstanden und begriffen hat, reicht uns das schon!"

Autor: Vanessa Kopp