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15. Juli 2013 10:07 Uhr

Gesellschaft

Immer mehr Männer entscheiden sich fürs Single-Leben

Es gibt immer mehr Männer, die ohne Frauen auskommen: Vor allem junge Männer leben häufiger allein als früher – eine Beziehung, gar Heirat erscheint ihnen viel zu riskant.

  1. So entspannt kann das Leben ohne Frau und Kinder aussehen. Aber nicht für alle Männer ist das Single-Dasein ein Erfolgsmodell. Foto: Dpa

"Warum sollte ein Mann heute überhaupt das Risiko einer dauerhaften Beziehung oder gar Ehe eingehen?, fragte unlängst der Blogger Orangenfarmer in der Süddeutschen Zeitung. Das war bloß rhetorisch gemeint: "Um bei der ersten Gelegenheit entsorgt und als Unterhaltszahlsklave zu enden, der seine eventuellen Kinder nur sehen darf, wenn Sie es ihm erlaubt? Den meisten reicht es schon, in Schule und Beruf benachteiligt und vom feministischen Mainstream in Kunst, Kultur und Medien als Witzfigur, Hassobjekt und Quelle allen Übels verteufelt zu werden." Das ist inzwischen keine Einzelmeinung mehr.

"Und warum sollte ein Mann eine Familie gründen? Er kann auch ohne wunderbar leben." Zitty-Leser
Das Statistische Bundesamt in Deutschland hat vor kurzem einen Datenreport über Alleinlebende veröffentlicht. Während seit 1991 die Quote der Single-Frauen um 16 Prozent gestiegen ist, erhöhte sich jene der Männer sprunghaft um 81 Prozent. Diese Entwicklung betrifft vor allem junge Männer im heiratsfähigen Alter. 27 Prozent der 18- bis 34-Jährigen leben allein. Auch im so genannten mittleren Alter – von 35 aufwärts – lag der Anteil der alleinlebenden Männer signifikant über dem der alleinlebenden Frauen. 60 Prozent der alleinlebenden Männer im Alter von 35 bis 64 Jahren waren noch nie verheiratet; das Statistische Bundesamt bezeichnet sie als "echte Junggesellen". Das sind – in absoluten Zahlen – zirka sieben Millionen Männer im heiratsfähigen Alter, die sich der Beziehung mit einer Frau verweigern.

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Diese Zahlen werden noch durch eine andere Entwicklung auf Männerseite verstärkt. Während junge Frauen im Gegensatz zu früher heute schnell flügge werden, verbleiben junge Männer – ebenfalls im Gegensatz zu früher – heutzutage noch lange im Eltern-, respektive Mutterhaus. Etwa 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen leben im Hotel Mama; von den Dreißigjährigen sind es noch etwa 15 Prozent, und mindestens 5 Prozent der 40-jährigen Männer leben noch immer mit ihrer Mutter zusammen.

In vielen Internetforen ist die Warnung zu lesen: "Heirat kann Sie finanziell, gesundheitlich, gesellschaftlich und beruflich ruinieren. In unserem ’Rechtsstaat’ kann es Ihnen widerfahren, dass gegen Ihren Willen und ohne Ihnen anzurechnendes schuldhaftes Verhalten Ihre Ehe geschieden, Ihnen die Kinder entzogen, der Umgang mit diesen ausgeschlossen, der Vorwurf, Ihre Kinder sexuell missbraucht zu haben, erhoben und durch Gerichtsentscheid bestätigt wird und Sie zudem durch Unterhaltszahlungen unter das Existenzminimum herabgesetzt werden."

Die Ehe gilt nicht mehr als "sicherer Hafen"

Diese Befürchtungen als solche und als harte Realität werden vor allem in den vielen Trennungsforen immer aufs Neue beschrieben, aber auch zunehmend in Beratungsstellen, Paartherapien, Männergruppen oder Betroffenenvertretungen thematisiert. Hat man früher allgemeinhin von der Ehe als "sicherem Hafen" gesprochen, verbinden junge Männer heute eine Heirat mit den Gefahren des Risikos, der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und der Möglichkeit des Untergangs. Tatsächlich wird in Deutschland mittlerweile fast jede zweite Ehe geschieden.

Auch die Ehedauer hat sich stark vermindert. Aus dem verflixten siebten Jahr ist inzwischen das gefährliche vierte geworden. Rund 30 Prozent der Scheidungen passieren nach dem fünften Ehejahr. Fast zwei Drittel der Scheidungen gehen – nach Frauenemanzipation und Revision des Scheidungsrechts – von den Frauen aus. Auch da sehen sich die Männer in der Defensive. Nimmt man noch die unverheirateten Paare hinzu, dürften mindestens Dreiviertel aller Trennungen heute von Frauen initiiert werden.

Heirat und Ehe sind nicht die einzigen Traditionen, die sich dramatisch verändert haben. Gleiches ist geschehen mit den Geschlechterbeziehungen, den Arbeits- und Machtverhältnissen zwischen Frau und Mann oder den rechtlichen Grundlagen der Familie. Grob resümiert lassen sich diese Entwicklungen in einem Satz der amerikanischen Genderexpertin Peggy Drexler einordnen, den sie am 13. April in der Huffington Post notierte: "Für Frauen bedeutet die Veränderung Freiheit, Wahlmöglichkeiten und Aufbruch; für Männer bedeutet sie Konfusion." In diesem Sinne nennt auch die deutschsprachige Soziologie die Frauen Emanzipationsgewinnerinnen und die Männer Emanzipationsverlierer.

Das Modell des Mannes als Familienernährer erodiert

Fast 80 Prozent der Frauen sind heute erwerbstätig; dagegen hat sich die Quote bei den Männern von 90 auf 65 Prozent verringert. Ein Fünftel der Männer hat den Anschluss an die Arbeitswelt vollends verloren. Dementsprechend erodiert das herkömmliche Modell des Mannes als Familienernährer. Heute bringen schon nahezu die Hälfte der Frauen das Familieneinkommen auf, und Männer bestreiten den Haushalt. "Aus feministischer Sicht werden die jüngsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gewinne der Frauen immer als langsame, mühevolle Aufholjagd im fortgesetzten Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter dargestellt. Aber offenbar ist der Wandel viel radikaler: Die Frauen holen nicht mehr nur auf, sie werden zum Standard, an dem Erfolg gemessen wird".

Eltern, die sich vorstellen, dass sie stolz zusehen, wie ihr Kind heranwächst, hätten dabei heute im Regelfall ein Mädchen vor ihrem geistigen Auge und nicht mehr einen Jungen. Kein Wunder: Mädchen sind bereits in der Schule erfolgreicher, sie sind es auch in den Universitäten, und sie sind es in vielen Berufen. Mädchen sind flexibler, ehrgeiziger und lernbegieriger. Jungen hingegen bleiben zurück. Sie können sich an die neuen Bedingungen kaum oder nur mühevoll anpassen; sie haben zunehmend Probleme und keine Lösungsmuster dafür.

Das ist auch vielfach empirisch belegt, beispielsweise in der Sinus-Studie über die Lebensentwürfe und Rollenbilder 20-jähriger Frauen und Männer – in Auftrag gegeben von der Bundesregierung. Jungen Männern wird dort "ein deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft" zugeschrieben. Junge Männer heute befürchten, "dass in Wahrheit die Frauen die wichtigen Entscheidungen fällen und sie, die Männer, gar nicht mehr brauchen". Die jungen Männer sind nicht mehr nur "in Bezug auf Berufswahl und Arbeitsmarkt verunsichert, sondern auch im Privaten haben sie alle Sicherheit verloren". Sie erkennen sich als zurückgedrängt und nicht mehr ernstgenommen. "Die Männer leiden in ihrer subjektiven Befindlichkeit und fühlen sich in der Defensive: Die Frauen schreiben das Drehbuch." So beutelt die jungen Männer die Angst, bald "überflüssig" werden zu können.

Junge Männer im gesellschaftlichen Streik?

Eine Antwort ist die Lebensform als Single. Im Berliner Stadtmagazin Zitty schwärmt ein junger Mann: "Und warum sollte ein Mann eine Familie gründen? Er kann auch ohne wunderbar leben." Dieser Meinung sind inzwischen viele. Wenn man die Dinge allerdings längerfristig betrachtet, ist vieles dann doch nicht so toll. Männer, die allein leben, sind häufiger krank, signifikant häufiger depressiv und sterben früher als ihre verheirateten Geschlechtsgenossen. Auch materiell ist der männliche Single nicht durchgängig ein Erfolgsmodell. In Deutschland bestreiten fast 20 Prozent der allein lebenden Männer ihren Lebensunterhalt mit staatlicher Unterstützung, so das Statistische Bundesamt in seinem Datenreport über Alleinlebende.

Dramatisch bewertet die amerikanische Psychologin Helen Smith die Entwicklung in ihrem – Anfang Juni erschienenen – Buch "Men on Strike". Sie meint, dass junge Männer vermehrt in den Streik träten, weil die gesellschaftliche Entwicklung immer männerfeindlicher werde und sie mehr und mehr ihrer Zukunftsmöglichkeiten beraube. So bliebe ihnen nur als Antwort, sich arbeits-, beziehungs- und zeugungsmäßig zu verweigern. Das mag einigermaßen übertrieben klingen, enthält aber auch für unsere Breitengrade tendenziell Wahres.

Geburtenrate sinkt, demographische Ungleichgewicht vergrößert sich

Soziologen sehen bei diesen Männern bereits seit längerem die Gefahr eines männlichen Prekariats oder zumindest deutliche Bestrebungen, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen. Die Folgen sind schon deutlich: Auf dem Arbeitsmarkt fehlen männliche Auszubildende und Fachkräfte; die Sozialsysteme werden durch die Aussteiger übermäßig belastet; die Geburtenrate sinkt und das demographische Ungleichgewicht vergrößert sich. Auch die Frauen sind vielfach betroffen; so wird beispielsweise ihre Partnerwahl deutlich beschwerlicher.

Die US-amerikanische Soziologin Hanna Rosin zitiert in ihrem Buch eine erfolgreiche Managerin: "Die Männer sind entweder eingeschüchtert von mir (und meinem Gehalt), oder sie können sich ein Mädchen wie mich nicht leisten". Aber es ist ja noch schlimmer: Viele junge Männer wollen sich eine Frau gar nicht mehr "leisten".
Der Autor

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Politische Soziologie in Berlin, unter anderem Gutachter des Europarates für Männerfragen, Träger des Deutschen Sachbuchpreises, Autor von "Was vom Manne übrig blieb" (2012). Hollstein lebt in Basel.

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Autor: Walter Hollstein