Keinen Tag länger als Frau leben

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 13. August 2012

Liebe & Familie

Manuel Garcia kam als Mädchen zur Welt und lebt heute als Mann: Er veröffentlichte ein Buch über Transmänner.

Wohl eine Seite lang war der Text, den Manuel Ricardo Garcia für seinen Arbeitgeber – ein Architekturbüro in Berlin – sorgfältig vorbereitet hatte. Geleitet hatte ihn das Gefühl, sich erklären, sich beschreiben, sich rechtfertigen zu müssen. Als er vor seinen Chefs stand, verwarf Garcia spontan den ausführlichen Text und sagte den einzigen, alles entscheidenden Satz: "Ich bin transsexuell."

Rund zehn Jahre ist das her – und der heute 43-Jährige berichtet von diesem ohne Zweifel einschneidenden Erlebnis eher beiläufig. Er ist nicht aus München angereist, um ausführlich über sich zu reden. Vielmehr möchte er das Projekt vorstellen, an dem er "mit Herzblut" gearbeitet hat: ein Fotobuch mit dem englischsprachigen Titel "TransMen of the World". Garcia, Architekt, Künstler und Aktivist in der Transsexuellenbewegung , ist zweieinhalb Jahre lang in der Welt umher gereist um Männer zu fotografieren, die, wie er, mit weiblichen Körpern geboren wurden. Die, wie er, als Mädchen und Frau von ihrer Umwelt erkannt und erzogen wurden – sich in diesem Körper doch nie wohl fühlten und daher irgendwann beschlossen, das Geschlecht anzunehmen, mit dem sie sich identifizieren konnten: das männliche.

Garcia wusste "schon immer", wie es sich anfühlt, nicht integriert zu sein. Äußerlich ähnelt er seinem mexikanischen Vater – Augen und Haare sind tiefschwarz, die Haut hat einen dunklen Goldton. Ein Exot in der katholisch geprägten Kleinstadt in Bayern, in der er mit seiner Zwillingsschwester bei seiner deutschen Mutter aufwuchs. Dazu kam die Gewissheit, im falschen Körper zu leben. Mit 17 floh Garcia aus der provinziellen Enge nach München. Er suchte Menschen, die ihn verstehen würden, und fand sie bei den Schwulen und Lesben. Garcia studierte Architektur und arbeitete in Architekturbüros in München, Berlin und Washington DC. "Ich habe sehr, sehr viel gearbeitet – es war meine Art, mit der Situation umzugehen", berichtet er. Bis es nicht mehr weiter ging. "Ich weiß es noch wie heute: Eines Morgens in Berlin schaute ich aus dem Fenster und wusste: ich will nicht einen Tag länger als Frau leben; dann will ich lieber gar nicht mehr leben", das war sein Coming Out, erzählt Garcia.

Manche hatten Angst –
um sich und ihre Familien

Er fand in Berlin einen Arzt, der ihm ohne Gutachten sofort Testosteron verschrieb. Das Hormon vermännlicht den weiblichen Körper innerhalb relativ kurzer Zeit – sichtbar. Es wachsen Haare im Gesicht und am Körper, die Stimme wird tiefer, die Muskeln kräftiger. Alle Frau-zu-Mann-Transsexuellen nehmen lebenslang Testosteron. Um ihren Körper dem männlichen Geschlecht weiter anzugleichen, können – das freilich ist individuell sehr verschieden – Operationen folgen: Die Brustdrüsen werden entfernt, die Gebärmutter, die Eierstöcke, ein künstlicher Penis (aus einer Spenderregion vom Unterarm oder Bein) wird aufgebaut. Vor diesen Eingriffen ist es in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, dass die Betroffenen Psychotherapeuten konsultieren. Nicht etwa, um therapiert zu werden – denn Transsexualität ist keine Krankheit und daher weder heil- noch therapierbar. Doch braucht der Mensch, der seine geschlechtliche Identität ändern möchte, zwei unabhängige Gutachten. Etwa, damit die Krankenkasse die Kosten für mögliche Operationen und Hormone übernimmt. Aber auch, damit der Transsexuelle seinen Vornamen gerichtlich ändern und sein verändertes Geschlecht in den Pass eintragen lassen kann.

In Deutschland, so kompliziert und langwierig die Prozedur für den Einzelnen ist, ist es immerhin möglich, das Geschlecht anzunehmen, mit dem ein Mensch sich wohl fühlt und identifiziert. "So gesehen, leben wir auf einer Insel der Seligen", weiß Garcia – speziell, seit er Transsexuelle in Ländern besucht hat, in denen es weder gesellschaftlich akzeptiert noch gesetzlich geregelt ist, das Geschlecht "anzupassen".

Damit sind wir wieder bei Manuel Garcias Buch. Auf die Idee, es zu machen, kam er, weil er selber auf der Suche nach einem solchen Werk war – einfach, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben: Wie sehen andere Frau-zu-Mann-Transsexuelle aus? Was denken, wie leben sie? Mit wem leben sie, treiben sie Sport? Doch selbst im Buchladen in San Franciscos Homoviertel Castro fand sich kein solches Druckwerk. "Also musste ich es wohl selber machen", sagt Garcia. Ihm war klar, es sollte ein Fotobuch werden, das die Vielfalt der Transmänner transportierte: Menschen unterschiedlichen Alters, Nationalität, Hautfarben, Kulturen und Stadien der Geschlechtsanpassung. Die Arbeit gelang – jedoch nur, weil es das Internet gibt. "Ich bin in der Szene vernetzt, habe die Schwulen/Leben/Transgender-Organisationen angemailt, habe gegoogelt – und trotzdem habe ich etwa in Istanbul ein halbes Jahr gebraucht, bis ein Kontakt zu Stande gekommen war."

Nicht jeder Transmann, der einmal gefunden war, wollte in die Öffentlichkeit. "Manche hatten einfach Angst – um sich, um ihre Familien, die bedroht werden, weil Transsexualität nicht sein darf in der Gesellschaft." Doch Garcia gab nicht auf, er reiste zunächst durch Europa, später bis nach Südafrika, Thailand, Malaysia. "Ich hatte wahnsinnig Angst, vor Ort versetzt zu werden, schließlich bin ich jedes Mal eigens für ein Treffen losgeflogen", erzählt Garcia, der für sein Herzensprojekt den Beruf des Architekten erst einmal an den Nagel hängte, von Erspartem lebte und zwischendurch jobbte. In den USA, in New York City hat ihn tatsächlich ein Transmann versetzt – und so bemühte Garcia sich, damit die Reise nicht umsonst war, vor Ort einen Ersatz zu finden. Es gelang, allerdings in Baltimore. "Es waren viele schöne Begegnungen", zieht Garcia Bilanz. Er blättert im Buch und hält gleich am Anfang inne. Simone aus Mailand ist 21 Jahre alt – "für ihn war ich ein bisschen wie ein Vater." Simone hat keinen Kontakt zu seiner Familie und schreibt dennoch: "Ich bin ein Transmann und ich bin stolz."

Die Mehrheit der Fotografierten außerhalb von Europa ist jung, in den Zwanzigern häufig. Dass der Kontakt und letztlich das im Selbstverlag erschienene Buch zustande kam, sei nur dem Internet zu verdanken, meint Garcia. Online knüpfen die Männer Kontakt zueinander, bilden Netzwerke. "Die älteren in diesen Ländern outen sich nicht, aus Angst."

Während Garcia weiter durch sein Buch blättert, werden die individuellen Geschichten der Abgebildeten lebendig. Der 20-jährige Ironyam aus Bangkok schreibt, es gebe in Thailand nur eine kleine Frau-zu-Mann-Transsexuellen-Gemeinde. "Wir haben nicht viel Einfluss." Garcia erläutert, dass es zwar eine Menge guter Operateure in Thailand gebe, doch seien deren Kunden überwiegend Ausländer. Es gebe keine gesetzlichen Regelungen für einheimische Transmänner, also bekämen sie auch kein Geld, um die Operationen zu bezahlen. Im Iran, der häufig als positives Beispiel dargestellt würde, sei die Situation vertrackt, ja "dramatisch": So zahle der Staat zwar einen Teil der Operationen, doch stecke dahinter, dass er strikt gegen Homosexualität sei. Wer sich zu seiner Transsexualität bekenne, sei "gesellschaftlich tot". Kourosh, ein 25-jähriger Iraner, hat es am eigenen Leib erfahren und ist geflohen. Nie wieder werde er dorthin zurückkehren, hat er Garcias Buch anvertraut, auch, wenn er seine Heimat manchmal vermisse.

Auch in Deutschland ist die Unwissenheit groß

Während seiner Pubertät habe er nur noch sterben wollen, berichtet Themba (26) aus Soweto in Südafrika. Sehr ernst blickt er in Garcias Kamera, hinter sich Wolkenkratzer, eine mehrstöckige Schnellstraße. "Niemand war da, um mir den Weg zu zeigen." Es sei ihm beigebracht worden, dass es nicht afrikanisch sei, transsexuell zu sein – das sei vielmehr eine Modeerscheinung aus dem Westen. Diskriminiert zu werden, angegriffen zu werden – das kennt Themba, der sich von den gesellschaftlichen Verhältnissen aber nicht einschüchtern lässt. "Ich bin akzeptiert, weil ich unverblümt bin." Heute setzt er sich für die Gruppe der Transsexuellen ein, damit es die noch viel Jüngeren nicht so schwer haben mögen, wie er.

Lange kann man sich mit Garcias Buch beschäftigen. Die Geschichten der 30 Menschen, die dort mal mehr, mal weniger von ihrem Leben preisgeben, berühren und wecken Interesse. Auf manchen Bildern sieht man Operationsnarben am Oberkörper, manche Männer blicken skeptisch in die Kamera, viele ernst, einige lächeln still. Sie sind in der Umgebung aufgenommen worden, in der sie leben – mehr oder weniger anerkannt von der Gesellschaft. Auch aus Deutschland sind Transmänner dabei: Jakob aus München zum Beispiel. "Es war eine lange und schmerzhafte Reise", beschreibt der 25-Jährige seinen bisherigen Lebensweg. Garcia ergänzt: Auch, wenn es in Deutschland das Transsexuellengesetz gibt, ist der Weg des Einzelnen hin zu seinem Identitätsgeschlecht fast immer schwierig. Depressionen, Magersucht, Drogenabhängigkeit – mit diesen Problemen kommen viele Transsexuelle zu Ärzten oder Therapeuten, die jedoch häufig nicht erkennen, dass sie einen Transsexuellen vor sich haben. "Die Unwissenheit ist noch immer groß", weiß Garcia. Auch dagegen anzugehen, ist sein Ziel.

– Fünf von Manuel Garcias Bildern aus der Serie "TransMen of the World" haben 2011 den zweiten Platz des internationalen Fotowettbewerbs Pride Photo Award gewonnen. Das Buch ist erhältlich über die website: http://www.garcia-photography.com