Europa

Leidingen: Vom Gegeneinander zum Miteinander

Marcel Burkhardt

Von Marcel Burkhardt

Mo, 19. Juni 2017

Liebe & Familie

Einst trennte die Grenze Deutsche und Franzosen in Leidingen, heute setzen sie ein Zeichen für Europas Einheit /.

Die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland verläuft quer durch das Dorf Leidingen. Einst zerriss sie die Gemeinde. Heute sind sich Lothringer und Saarländer wieder einig. Zwei Bürgermeister arbeiten daran, dass das so bleibt.

Dorfbürgermeister Barthélémy Lemal hat die französische Flagge eingeholt. Statt Blau-Weiß-Rot wehen nun die Symbole der Europäischen Union – zwölf goldene Sterne auf blauem Grund – über den Köpfen der Bewohner von Leiding, das nur ein paar Schritte weiter auf deutschem Gebiet Leidingen heißt. Lemal wollte an der lothringisch-saarländischen Grenze bewusst ein Zeichen setzen: "Für die Einheit zwischen Franzosen und Deutschen und überhaupt zwischen den Europäern", wie der 61-Jährige sagt.

Lange stritten sich Deutsche und Franzosen um dieses Grenzgebiet – und kämpften in Kriegen erbarmungslos gegeneinander. Aus den katastrophalen Folgen muss man doch gelernt haben, sagt Lemal, und schaut mit Sorge auf nationalistische Kräfte in Frankreich und Deutschland, die auch nach den jüngsten Wahlschlappen weiter gegen die Europäische Union wettern. Lemal, ein Stahlwerker mit freundlich-zupackender Art, fragt: "Wo kämen wir denn hin, wenn die Grenzen wieder hochgezogen werden würden?" Er winkt ab. Lieber nicht zu viel darüber nachdenken und sich den sonnigen Tag verderben lassen. Statt sich voneinander abzugrenzen, arbeiten der französische Bürgermeister und sein deutsches Pendant, der Ortsvorsteher Wolfgang Schmitt (62), seit Jahren gemeinsam an Ideen und Projekten. "Wir wollen, dass das ein Dorf ist", sagt Lemal. Die beiden Kirchen und die beiden Postboten sollen das einzig sichtbar Unterschiedliche zwischen Franzosen und Deutschen sein. Sprachbarrieren müssen Lemal und Schmitt keine überwinden. Das zeigt sich während eines Spaziergangs durchs Dorf. Denn der regionale Dialekt, das Moselfränkische, verbindet Franzosen und Deutsche in Leidingen, das halb französisch, halb deutsch ist. Vor fast 200 Jahren ist die Grenze quer durch den Ort gezogen worden. Auf der einen Seite der "Neutralen Straße" leben heute 170 Deutsche, auf der anderen Seite circa 30 Franzosen.

"Die müssen damals besoffen gewesen sein, das Dorf einfach so zu teilen", sagt Schmitt und schüttelt leicht den Kopf, während er über die Neutrale Straße geht, die im Französischen "Rue de la Frontière" heißt. "Wenn hier heute ein Gauner etwas anstellen würde und dann über die Neutrale Straße spaziert, können theoretisch weder deutsche Polizisten noch französische Gendarmen was machen", sagt er und lacht. Es gäbe dann wohl doch ausreichend Zugriffsmöglichkeiten.

Zwei Nationen in einem Dorf – und das Miteinander funktioniert inzwischen wieder. Einmal symbolisch: So hat Schmitt, von Beruf Kommunikationsdesigner, ein Bild geschaffen, auf dem ein junger Deutscher und eine junge Französin zusammensitzen und sich an den Händen halten und fast küssen. Die Schilder stehen am Ortseingang und begrüßen Besucher mit der Aufschrift "Willkommen – Bienvenue". Am Ortsausgang heißt es: "Au revoir – Auf Wiedersehen" (siehe Foto).

Außerdem gibt es zwei "Grenzblickfenster". Eins auf der deutschen Seite des Dorfes, eins auf der französischen. Die Fenster sind geöffnet und geben den Blick frei auf Wiesen, Felder, Wälder, sanft geschwungene Hügel und die Kirchtürme der jeweils anderen Dorfseite. Dazu ein Gedicht mit der Zeile: "Am helllichten Tag mitten auf der Straße hab ich die Grenze gefunden – Was hatte die da verloren?"

Auf den Fenstergläsern blicken sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle an. "Ihr guter Geist schwebt über der Landschaft", sagt Schmitt. "Conny und Charly sind unsere Helden. Sie haben mit dem Élysée-Vertrag erreicht, dass die Verletzungen auf beiden Seiten der Grenze verheilen konnten." Lemal stimmt zu: "Die Menschen dieser Gegend haben viel mitgemacht. Wir können froh sein, dass wir heute im friedlichen Miteinander leben."

In Leidingen haben sie aber nicht nur ein Gespür für Symbolik, sondern auch fürs Praktische: Etwa, als es darum ging, das Dorf mit einer Tempo-30-Zone sicherer für Kinder zu machen, haben sie auf beiden Seiten Hand in Hand gearbeitet. Sie haben gemeinsam einen "Grenzblick"-Weg für Wanderer gebaut, der Jahr für Jahr mehr Touristen in die Gegend lockt. Und wenn es im Winter schneit, räumt der französische Gemeindediener den Schnee auch auf der deutschen Dorfseite weg.

Oder Hilfe andersherum: Die französischen Dorfbewohner hatten lange Zeit Sorgen um ihr Wasser. Das Problem: Es kam einfach kaum was an. "Wenn die Mutter geduscht hat, konnte sich der Vater nicht mehr die Hände waschen, so gering war der Druck", berichtet Lemal und lacht. Inzwischen hängen die Häuser mit am deutschen Netz und Wasser fließt reichlich.

Aber auch beim Feiern kommen sich Deutsche und Franzosen in Leidingen näher. Wenn die Deutschen etwa ihren Maibaum schmücken und aufstellen, sind die Franzosen ganz selbstverständlich mit dabei. Angeregt durch den deutschen Brauch, haben die französischen Nachbarn inzwischen nachgelegt und laden nun die Leidinger Nachbarn zu einem eigenen, neuen Frühlingsfest ein, bei dem sie einen Kastanienbaum pflanzen. Sowas kann schon helfen, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken.

Früher war das noch anders, erinnert sich Wolfgang Schmitt. Da habe ihm eine alte Leidingerin immer gesagt: "Wolfgang, pass uff die Franzosen uff!" Auf der anderen Seite gab’s die Skepsis gegenüber "den Deitschen".

Für manch ältere Dorfbewohner ist die Grenze in den Köpfen auch heute noch mehr als eine wache Erinnerung. "Nach dem Krieg war dort drüben Feindesland", sagt eine hochbetagte Frau. "Die Grenze war ein Schutz für uns." Nach dem Abbau der Schlagbäume sei aber nach und nach eine Art "neuer Gemeinschaft" entstanden.

Eine Gemeinschaft, die auch die lokale Wirtschaft befördert. Etwa das kleine Geschäft von Petra Johannes, die Marmeladen und Liköre herstellt und unter dem Label "GrenzGlück" vertreibt. Jetzt im Sommer verkauft sie ihre Ware direkt auf der Neutralen Straße an die Wanderer, die das deutsch-französische Dorf entdecken wollen. Für viele Besucher, sagt Johannes, sei der Gedanke an eine Grenze inzwischen fast etwas "Exotisches".

Bei den jungen Leuten im Dorf gebe es sogar überhaupt kein Grenz-Bewusstsein mehr, ergänzt Ortsvorsteher Schmitt. Manchmal erzählt er ihnen deshalb, was die Trennung für die Menschen hier bedeutet hat. Durch das alte Gegeneinander zwischen französischem und deutschem Staat ging zum Beispiel ein Riss quer durch Schmitts Familie. Sein Vater, ein Franzose, kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland. Viele seiner Familienmitglieder hatten ihm das übelgenommen.

"Heute sind die alten Wunden hier in der Grenzregion geheilt", sagt Schmitt. "Aber wir müssen dranbleiben, dürfen nicht zurückfallen." Mit seinem französischen Amtskollegen sieht er sich an einem Strang ziehen: "Mit dem Lemy kannst du wirklich was machen." Beide lächeln sich an. Vor ihrer Zusammenarbeit kannten sie sich nicht persönlich. Heute sieht der eine im anderen nicht nur einen Kollegen, sondern einen Freund.