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05. Oktober 2015

Expertenwarnung

Schwangere sollen überhaupt keinen Alkohol zu sich nehmen

Kein Glas Wein zum Essen, kein Feierabendbier, nicht mal Schnapspraline oder Dessert mit Schuss: Schwangere sollten keinen Alkohol zu sich nehmen. Denn die Folgen von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft sind schwerwiegend.

  1. Das Ungeborene verträgt keinen Alkohol Foto: dpa

Wie viele Menschen
in Deutschland sind betroffen?
In Deutschland kommen etwa 2000 Kinder im Jahr mit massiven Behinderungen zur Welt, weil die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Nach Angaben der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml gehen einige Fachleute sogar von 4000 Kindern aus, die mit dem Fetalen Alkohol Syndrom (FAS), also dem Höchstmaß an Behinderung wegen Alkohol, zur Welt kommen. Geschätzte 10 000 weitere Kinder werden mit geringfügigeren Beeinträchtigungen – mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) – geboren. 500 000 bis 600 000 Erwachsene leben heute in Deutschland mit FASD, so eine zurückhaltende Prognose von Fachleuten.

Was geschieht mit Ungeborenen, wenn Mütter Alkohol trinken?
Der Alkohol gerät nach den Worten der Vorsitzenden des Vereins FASD Deutschland, Gisela Michalowski, ungefiltert über die Plazenta in den Blutkreislauf des Ungeborenen. Innerhalb weniger Sekunden hat der Fötus den gleichen Promillegehalt wie die Mutter. Das ungeborene Kind kann aber den Alkohol schlechter abbauen. Es braucht ungefähr zehnmal so lange wie die Mutter, um wieder nüchtern zu werden: Wenn die Mutter am Wochenende Alkohol trinke, sei das Kind noch am Donnerstag betrunken. Besonders groß sind die Auswirkungen während der ersten drei Monate, weil in dieser Zeit Organe und Gehirn besonders intensiv entwickelt werden.

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Was können Folgen des
Alkoholkonsums sein?
Jedes zweite betroffene Baby ist später selbst suchtgefährdet. Außerdem kommen die Kinder häufig zu klein und zu leicht auf die Welt. Kleinwuchs kann die Folge sein. Möglich sind auch Erkrankungen von Niere oder Herz. Zudem zeigen sich später geistige Behinderungen. Im Gesicht kann es zu Auffälligkeiten wie eine schmale Oberlippe oder kurze Lidspalten kommen. Die Beeinträchtigungen bleiben in der Regel ein Leben lang.

Weshalb ist das FASD so wenig bekannt?
Selbst Fachärzte wie Gynäkologen oder Kinderärzte, aber auch Hausärzte sind wenig sensibilisiert für das Thema. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Symptome nicht erkannt werden. Oft werden deshalb betroffene Menschen falsch behandelt. Aber auch bei den Eltern ist das Problem noch nicht richtig angekommen.

Wer sollte aufklären – und wie sollte geklärt werden?
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), und die FASD Deutschland fordern deutlich mehr Aufklärung in allen gesellschaftlichen Bereichen. So seien weitere Präventionskampagnen und Warnhinweise nötig, die deutlich sichtbar auf allen alkoholischen Getränken stehen. Die Aufklärung sollte auch so früh wie möglich ansetzen, zum Beispiel im Sexualunterricht der 3. Klasse, so die FASD Deutschland.

Wie sieht die Versorgung von
Menschen mit FASD aus?
Die Versorgung von Erwachsenen mit FASD sei in Deutschland katastrophal, kritisiert Gisela Michalowski. Sie verlangt, dass alle durch Alkohol in der Schwangerschaft verursachten Schäden als Behinderung anerkannt werden. Es sei für Menschen mit FASD wichtig, dass sie sich an Zentren wenden können, wo ihre Behinderung richtig diagnostiziert und therapiert werden kann. Zudem bräuchten sie Hilfe bei banalen Alltagsherausforderungen wie der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises, fordert Michalowski. Familien benötigten professionelle Einrichtungen und Unterstützer, die Menschen mit FASD dauerhaft betreuen könnten.

Autor: Rupert Mayr (dpa)