Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. Juli 2016

Liebe & Familie

Trotz Behinderung den Jakobsweg laufen

Der 49-Jährige aus Rottweil ist taubblind, er kann nichts sehen und nur wenig hören. Dennoch will er sich seinen Traum erfüllen und nach Santiago de Compostela laufen.

  1. Sven Fiedler und Taubblindenassistentin Sabine demonstrieren, wie sie mit dem Seilring laufen können. Foto: Sonja Zellmann

  2. Da geht’s lang zum Jakobsweg. Sven Fiedler ist zwar noch nicht unterwegs, aber längst im Aufbruch. Foto: Privat

Der Jakobsweg. Von der französisch-spanischen Grenze nach Santiago de Compostela. Rund 800 Kilometer auf 32 Etappen in 41 Tagen. Neun Ruhetage, 20 bis 30 Kilometer täglich. Start im April 2017. Das ist der Plan. Na und? Machen viele? Stimmt, doch der Mann, von dem hier die Rede ist, wird den Jakobsweg unter ungewöhnlichen Bedingungen laufen.

Sven Fiedler, 49 Jahre alt und aus Rottweil, ist taubblind. Er kann nichts sehen und nur wenig hören. Dennoch will auch er, wie so viele, mit der Wanderung einen Traum verwirklichen. Für sich selbst – und für alle Taubblinden: "Ich möchte zeigen, dass auch wir so einer Herausforderung gewachsen sind." Sven Fiedler will Vorbild und Stimme für die Taubblinden sein, deren Behinderung nur wenig bekannt ist. Denn nicht jeder hat so viel Elan, Mut und Selbstbewusstsein, sein Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen wie er. Das T-Shirt, das er sich für sein Großprojekt hat bedrucken lassen, trägt denn auch die Aufschrift: "Ich möchte mal weg – Taubblindheit hält mich nicht auf."

Werbung

Taubblindheit ist eine kombinierte Seh- und Höreinschränkung, bei der fehlende Höreindrücke nicht durch das Sehen ausgeglichen werden und fehlende Seheindrücke nicht durch das Hören (ausführliche Definition siehe Infobox). Taubblind ist nicht einfach taub plus blind. Grundsätzlich gibt es die angeborene und die erworbene Taubblindheit. Ob jemand gehörlos wurde, bevor er – oder sie – sprechen lernte, ob ein Taubblinder zuerst gehörlos und dann blind war, oder beides schon von Geburt an, bestimmt, welche Hilfe und Hilfsmittel er benötigt, um den Alltag bewältigen zu können. Da die Anerkennung der Taubblindheit als eigene Behinderungsform und daraus resultierend die Unterstützung der Betroffenen in Deutschland bislang nicht eindeutig geregelt ist, müssen Taubblinde ihre Rechte stärker selbst einfordern als andere Behindertengruppen.

Sven Fiedler war schon als Kind hör- und sehbehindert. Die Hörbehinderung war aber stärker – so stark, dass er in eine Schule für hörgeschädigte Kinder ging. Anschließend lernte er den Beruf des Technischen Zeichners, konnte diesen auch zehn Jahre lang ausüben. Doch die Sehkraft ließ immer mehr nach, und seit Weihnachten 2010 ist der 49-Jährige vollkommen blind. "Es folgte eine Zeit, die mich an den Rand der Verzweiflung brachte." Aber Sven Fiedler gab nicht auf, lernte zum Beispiel in einer Schule für Taubblinde die Blindenschrift und verschiedene Computerprogramme, so dass er heute mehrere eigene Webseiten selbst betreiben kann.

Hören kann Fiedler dank Hörgeräten an beiden Ohren etwas – wenn keine Nebengeräusche stören, und er sich auf das deutlich sprechende Gegenüber konzentrieren kann. Auch reden kann er verständlich. So ist die Kommunikation in seinem gemütlichen Wohnzimmer in Rottweil einfacher, als es die Autorin zunächst erwartet hatte.

Der Traum vom Jakobsweg begann zu einer Zeit in Sven Fiedler zu wachsen, als er noch sehen konnte. "Ich sah einmal eine faszinierende Dokumentation über den Pilgerpfad im Fernsehen", erzählt er. Später hörte er Hape Kerkelings Bestseller-Hörbuch "Ich bin dann mal weg", und der Wunsch vergrößerte sich. Eines Tages erzählte er einer Bekannten davon, die sich spontan bereit erklärte, ihn in dem Vorhaben zu unterstützen. Das war vor etwa anderthalb Jahren. Seitdem steckt Fiedler in seinen Vorbereitungen für die große Wanderung. Denn natürlich muss er dafür einiges mehr bedenken als jemand, der sehen und hören kann. Er kann nicht alleine losziehen, sondern ist auf Hilfe angewiesen. Und das in fremder Umgebung und unterwegs auf unbekannten Pfaden mehr oder weniger rund um die Uhr, sechs Wochen lang. "Dafür habe ich meine Taubblindenassistenten", erzählt der 49-Jährige. Das sind speziell ausgebildete Menschen, die ihn im Alltag unterstützen, wann immer er Hilfe anfordert. "Doch einer allein kann meine Betreuung auf dem Jakobsweg nicht übernehmen. Das wäre zu viel verlangt. Daher habe ich insgesamt sechs Assistenten, die die Zeit unter sich aufteilen."

Diese zu finden, dann kennenzulernen und mit ihnen zu wandern – all das gehört zur Vorbereitung dazu. Überhaupt das Wandern. "Bis vor einem Jahr hatte ich das noch nie richtig gemacht", berichtet Sven Fiedler. "Daher muss ich auch körperlich gut für die große Tour trainieren."

Sabine* ist eine der Taubblindenassistentinnen, die ihn auf dem Jakobsweg begleiten werden. Zudem hilft sie bei der Organisation der Wanderung. Auch sie sitzt heute in Rottweil in Fiedlers Wohnzimmer – falls es doch Kommunikationsprobleme geben sollte, und um gemeinsam mit ihrem Kunden verschiedene Lauftechniken zu demonstrieren. "Wenn wir mehrere Stunden am Stück unterwegs sind, ist es wichtig, dass wir unterschiedliche Methoden in petto haben, wie wir uns gemeinsam fortbewegen können", sagt Fiedler.

Eine Variante ist der so genannte Zangengriff: Sven Fiedler hält sich mit der linken Hand an Sabines rechtem Ellbogen fest oder umgekehrt. "Das ist auf Dauer aber anstrengend und daher für den Jakobsweg nicht so geeignet." Ohne sich zu berühren, können die zwei über ein zum Ring gebundenes kurzes Seil, das beide umfassen, lockerer Kontakt halten.

Nachdem Sven 2015 bereits einige Kurzwanderungen absolvierte, hat er vor zwei Wochen eine erste größere Vorbereitungstour beendet: in 14 Tagen einmal um den Bodensee. Dabei probierte er mit seiner Taubblindenassistentin Ulrike* verschiedene Lauftechniken aus und musste feststellen: Der Langstock, der typische Blindenstock, mit dem er hoffte, auf übersichtlichen Wegen ohne Hindernisse laufen zu können, ist keine Option: "Dieses ,dritte Bein’ war für mich eher hinderlich. Ich konzentriere mich lieber auf meine zwei Füße. Mit dem Stock verbrauche ich zu viel Energie und Kraft – und es geht zu langsam voran." Bewährt hat sich hingegen das Wandern mit dem Seilring. "Außerdem haben wir Gurte an Ulrikes Rucksack so zusammengebunden, dass ich mich daran festhalten konnte. Auch das war für uns beide angenehm."

Das Kommunizieren übt Sven Fiedler auf seinen Vorbereitungstouren ebenfalls. Wenn die Nebengeräusche zu stark werden, der Schweiß fließt, oder Sand aufgewirbelt wird, kreischen die Hörgeräte und nerven oder können beschädigt werden. Dann müssen sie raus, und Sven Fiedler und seine Taubblindenassistentin verständigen sich mittels taktilem Gebärden und Lormen. Taktiles Gebärden ist, wenn ein Taubblinder mit den Händen die Gebärden des Gesprächspartners ertastet, der wiederum die gängige Gebärdensprache der Gehörlosen "spricht". Da der Taubblinde die Gebärden nicht sehen kann, muss er Worte und Sätze erfühlen. Ähnlich funktioniert das Lormen – ein Alphabet, bei dem verschiedene Punkte auf der Hand jeweils für einen Buchstaben stehen. Werden sie nacheinander berührt, ergeben sich Worte. "Die Wanderung ohne Hörgeräte war eine spannende Erfahrung, aber ich habe gemerkt, dass ich meine Gebärdensprachkenntnisse für so einen Fall auffrischen muss, da ich sie nicht so oft nutze. Das Lormen klappte besser", berichtet Fiedler.

Es bleibt also noch einiges zu tun. In den nächsten Monaten plant der 49-Jährige einwöchige Trainingstouren im Schwarzwald und in den Vogesen. Im Winter möchte er seine Kondition im Fitnessstudio weiter steigern. Er ist super organisiert und überlegt sich genau, was er braucht, und wie er vorgehen möchte. Er hat beispielsweise genau ausgetüftelt, wie seine Taubblindenassistenten auf der Jakobswegwanderung eingesetzt werden, um das Vorhaben für alle möglichst angenehm zu machen: "Immer Drei werden da sein, Eine unterstützt mich morgens und abends im Hotel, Zwei laufen mit und an den Folgetagen wird durchgewechselt." Außerdem gibt es einen Fahrer, der ihn jeweils vom Hotel zum Etappenstartpunkt fährt, denn Fiedler wird nicht jeden Abend woanders übernachten, sondern nur alle paar Tage das Quartier wechseln, damit sich die Wohnumgebung nicht so oft ändert.

Sechs Wochen mit je drei Assistenten, für die die Reise Arbeit ist, nicht Urlaub – das gibt es natürlich nicht umsonst. Sven Fiedler rechnet neben seinen eigenen Reisekosten mit einem Betrag von rund 35 000 Euro für Assistenz, Übernachtung, Spesen sowie An- und Abreise seines Teams. Die Kosten für die Assistenten möchte er möglichst mit Spenden begleichen. Einige Sponsoren hat er schon gewonnen, aber noch sind die Kosten nicht gedeckt. Wenn nicht genug Geld zusammen kommt, muss die Tour womöglich kürzer ausfallen.

Freut er sich auf seine Reise? "Ich freue mich erst einmal auf die einzelnen Schritte meiner Vorbereitung, im Moment konkret auf die Touren im Schwarzwald und in den Vogesen. Dann gilt es, gesund zu bleiben", sagt er vorsichtig. Noch ist der Jakobsweg weit weg für ihn, noch ist er ein Traum, den er aber sicher leben wird. Kein Zweifel.

*möchte ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen.

Weitere Infos über Sven Fiedler, seine Pläne und die Möglichkeit, sein Projekt zu unterstützen: http://www.tbl-jakobsweg.de

Taubblindheit

In Deutschland gibt es etwa 6000 Taubblinde. Taubblind sind Menschen, auf die folgende drei Faktoren zutreffen:
» 1.
Sie sind blind, oder ihr Sehvermögen ist so gering, dass es auch durch den Einsatz von Sehhilfen nicht zu einer im Sinne der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft verwertbaren optischen Wahrnehmung gesteigert werden kann.

2. Sie sind taub, oder ihr Hörvermögen ist so gering, dass es auch durch den Einsatz von Hörhilfen nicht zu einer im Sinne der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft verwertbaren akustischen Wahrnehmung gesteigert werden kann.
3.
Fehlende Höreindrücke können nicht durch das Sehen, fehlende Seheindrücke nicht durch das Hören ausgeglichen werden, um so eine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Definition des Gemeinsamen Fachausschusses Hörsehbehindert/Taubblind (GFTB)  

Autor: sze

Autor: Sonja Zellmann