Gaslighting

Wenn andere unsere Wahrnehmung manipulieren

Julia Naue

Von Julia Naue (dpa)

Mo, 06. Februar 2017

Liebe & Familie

Gaslighting ist eine besonders perfide Form des psychischen Missbrauchs / Häufig sind Frauen davon betroffen.

Das Bild ist weg. Es hängt nicht an seinem Platz. "Bella, wo ist das Bild?", will Paul wissen. Bella ist den Tränen nahe. "Ich schwöre, ich hab es nicht genommen", beteuert sie. Paul weiß das. Statt sie zu beruhigen, sagt er: "Du verlierst deinen Verstand." Bella und Paul gibt es nicht wirklich. Sie sind die Protagonisten eines britischen Films von 1940. "Gaslight" nennt er sich. Und das, was Paul macht – seine Frau in den Wahnsinn treiben – , nennt sich Gaslighting, benannt nach dem Film.

Gaslighting ist, wenn jemand die Realität so manipuliert, dass man selbst den Bezug zu ihr verliert, wie die Autorin Christine M. Merzeder erklärt. Sie hat ein Buch über narzisstischen Missbrauch geschrieben. Gaslighter sind Meister der Manipulation. Sie sagen Dinge wie: "Das war nicht so, das musst du dir eingebildet haben." Oder: "Wie kannst du das nur vergessen haben? Das habe ich dir doch ganz genau gesagt." Die Opfer des Gaslightings nehmen das oft anfangs noch nicht ernst, denken: Das stimmt doch nicht. "Dann kommt es zu einer Erosion des Glaubens an sich selbst", sagt Merzeder. Schließlich verlieren sie den Bezug zur Realität, der Gaslighter hat sein Ziel erreicht. Er hat die Kontrolle über sein Opfer.

Gaslighting – das Wort haben in diesem Zusammenhang wohl nur wenige schon mal gehört. "Es ist ein Orchideenbegriff für ein sehr verbreitetes Phänomen", sagt Christa Roth-Sackenheim, die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater. "Es ist ein völlig normales menschliches Bedürfnis, die eigene Wahrnehmung mit der von Bezugspersonen abzugleichen", erklärt Roth-Sackenheim. Entspricht diese Wahrnehmung nicht mehr der eigenen, verändern sich die eigene Wahrnehmung sowie das persönliche Koordinaten- und Wertesystem völlig.

Die Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie beobachtet, dass häufig Frauen Opfer von Gaslighting werden. "Das ist eine Einschätzung aus der Arbeit in meiner Praxis", erklärt sie. Es könne aber auch sein, dass Frauen häufiger Hilfe suchen – belastbare Zahlen gibt es nicht. Auch die Münchner Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki beobachtet, dass es oft Frauen trifft. "Sie lassen sich leichter gefügig machen", sagt sie. "Aber ich bin sicher, dass es auch Frauen gibt, die Gaslighter sind." Doch wer sind diese Gaslighter überhaupt – und warum machen sie das? "Es sind Menschen, die eigentlich sehr unsicher sind", sagt Wardetzki. Sie wirken nach außen oft sehr selbstbewusst und eigenständig. Die Täter wollen Kontrolle über ihr Opfer, es isolieren. So halten sie ihre Umgebung stabil. Schwierig ist es für die Opfer, diesen psychischen Missbrauch zu erkennen. "In der Regel braucht man da Hilfe von außen, von guten Freunden", sagt Wardetzki. Das ist häufig problematisch, weil Gaslighter ihre Opfer bewusst isolieren. Auch Bella im Film kommt nicht ohne Hilfe aus ihrer Misere. Ein aufmerksamer Kommissar, der ihrem mörderischen Ehemann auf der Spur ist, unterstützt sie. Für Bella geht es schließlich gut aus – sie schlägt Paul mit seinen eigenen Waffen: Als Paul in der Falle sitzt und ihre Hilfe braucht, sagt sie nur: "Jetzt bist du hilflos – und ich bin verrückt." Helfen kann oder will sie ihm nicht.