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10. November 2014

Interview

Wie können Eltern ihren Kindern Geborgenheit vermitteln?

Stundenlang schuckeln oder schreien lassen? Pausenlos bespaßen oder auch mal eigenen Bedürfnissen nachgehen? Wie viel Zuwendung braucht ein Kleinkind und wann ist es zu viel des Guten? Ein Interview.

  1. Ein Teddy kann trösten. Elterliche Zuneigung ersetzt er nicht. Foto: dpa/Kathrin Blum

  2. Martina Brehm Foto: Kathrin Blum

  3. Luzia Melder Foto: Kathrin Blum

Über das Thema Verwöhnen und (zu viel) Aufmerksamkeit sprach unsere Redakteurin Kathrin Blum mit der Psychologin Martina Brehm und der Heilpädagogin Luzia Melder.

BZ: Man verwöhnt ein Kind zu sehr, wenn man es ständig herumträgt und keine Minute sich selbst überlässt: Mit diesem Vorwurf sehen sich viele junge Eltern konfrontiert. Egal ob die eigenen Eltern, Großeltern oder Bekannte – viele mischen sich ein und wissen es besser. Haben sie Recht?
Brehm: Nein, ganz kleine Kinder kann man gar nicht verwöhnen. Studien zeigen, wie wichtig es für eine sichere Bindung und damit die weitere Entwicklung eines Babys ist, gerade zu Beginn feinfühlig sowie zeitnah auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren. Das gilt für das gesamte erste Lebensjahr. Die Ängste oder auch Vorwürfe, das Kind in den ersten Lebensmonaten zu verwöhnen, sind vollkommen unbegründet.
Ein fortlaufender

Anpassungsprozess der Eltern ist notwendig.

Luzia Melder, Heilpädagogin

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Melder: In diesem Zusammenhang spielt auch eine wichtige Rolle, inwieweit es Eltern gelingt, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen. In den ersten Lebenswochen und Lebensmonaten verläuft ein Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Gleichzeitig ist aufgrund der Reifung und Entwicklungsschritte des Kindes ein fortlaufender Anpassungsprozess der Eltern notwendig. Es geht darum, was Kinder in ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe brauchen. In jeder Lebensphase gibt es außerdem Entwicklungskrisen und neue Situationen, denen sich die Eltern anpassen müssen – etwa in Bezug auf das Schlafverhalten.

BZ: Warum fällt es manchen Eltern schwer, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen?
Brehm: Kinder sind sehr unterschiedlich. So unterscheiden sich Säuglinge von Anfang an in ihrem Temperament und wie einfach sie "zu lesen" sind, das heißt wie leicht ihre Bedürfnisse und ihr Befinden für Bezugspersonen erkennbar sind. So ist es zum Beispiel bei manchen Säuglingen nur schwer zu erkennen, ob sie müde oder überreizt sind. Und auch die Eltern sind mit unterschiedlichen Ressourcen und Erfahrungen ausgestattet.
Melder: Einige Säuglinge und ihre Eltern haben schwierige Startbedingungen – verursacht beispielsweise durch eine Frühgeburt oder eine Krankheit und einen langen Krankenhausaufenthalt. Dies belastet die ersten Wochen und Monate mit zusätzlichen Sorgen und Ängsten auf Seiten der Eltern. Eine wichtige Rolle spielt grundsätzlich die Situation der Eltern. Wie gut gelingt der Übergang von Partnerschaft zur Elternschaft? Besteht ein soziales Netz? Gibt es Unterstützungsmöglichkeiten für die junge Familie und werden sie angenommen?

BZ: Was raten Sie Eltern, die in diesem Bereich Schwierigkeiten haben?
Melder: Die Eltern sollten sich und dem Kind Zeit geben, einander kennenzulernen. Das bedeutet, ihr Kind zu beobachten und zu schauen, was es braucht und wie es auf Ansprache und Berührung reagiert. Dabei kann es wichtig sein, die "guten Phasen" am Tag für die Zwiesprache mit dem Kind zu nutzen. Diese liegen meist am Vormittag nach dem Aufwachen. Wir raten Eltern, nach positiven Ansätzen zu suchen, also zu schauen, wo es schon Erfolge gibt, was gut funktioniert hat.
Brehm: Manchmal ist es so, dass Eltern extrem erschöpft sind, sich niedergeschlagen fühlen oder das Gefühl haben, dass ihnen das Kind fremd ist. Dies kann mit den Startbedingungen, mit geringer sozialer Unterstützung oder der eigenen Lebensgeschichte der Eltern zusammenhängen. In dieser Situation würden wir raten, mit dem Kinderarzt zu sprechen, oder sich an eine Beratungsstelle zu wenden.
BZ: Das Einschlafen ist ein großes Thema für viele junge Eltern. Manche Kinder müssen stundenlang herumgetragen werden, bis sie die Augen zu machen. Verwöhnt das die Kinder?
Brehm: Viele Kinder brauchen in den ersten Lebensmonaten Unterstützung beim Einschlafen. Sie müssen lernen, selbstständig in den Schlaf zu finden. Dies ist unter anderem auch ein Prozess der Hirnreifung und, mit zunehmendem Alter, der Lernerfahrung des Kindes. Viele Kinder fallen im ersten Lebensjahr mit häufigem Schreien, Ein- und Durchschlafschwierigkeiten auf. Dies ist für die meisten Eltern in hohem Maße anstrengend und belastend und geht häufig damit einher, viele Ratschläge zu erhalten. Es kann in dieser Situation für Eltern sehr entlastend sein zu wissen, dass es sich um eine Entwicklungskrise handelt, die auch "normal" ist. Darüber hinaus besprechen wir mit den Eltern, dass unter anderem ein am Kind orientierter Tagesrhythmus, feste Einschlafrituale, Vermeidung von Überreizung und Übermüdung für diese Kinder meist hilfreich sind und sie in ihrer Selbstregulation unterstützen.
Melder: Zu den Einschlafhilfen gehört anfangs häufig Stillen, Tragen und Schaukeln des Kindes. Im weiteren Verlauf kann es dazu kommen, dass die Kinder diese und weitere Einschlafhilfen vehement einfordern, und die Einschlafrituale immer mehr Zeit brauchen. Dies kann für die Eltern enorm belastend sein. In dieser Situation empfehlen wir einerseits eine allmähliche Reduktion aufwändiger Einschlafhilfen und andererseits darauf zu achten, an welchen Punkten sich das Kind bereits selbst regulieren kann. Schlafstörungen können zu einer ausgeprägten Erschöpfung der Eltern führen und können verbunden sein mit Gefühlen der Hilflosigkeit, Niedergeschlagenheit und Gereiztheit. Hier ist es wesentlich, zuallererst Entlastung für die Eltern zu schaffen. Dies kann heißen, dass die Eltern sich nachts abwechseln, die Großeltern zur Unterstützung hinzugezogen werden oder nach anderen Entlastungsmöglichkeiten geschaut wird.
Zuviel Aufmerksamkeit

verhindert wichtige

Lernerfahrungen.

Martina Brehm, Psychologin
BZ: Sie sagen, Kinder können in ihrem ersten Lebensjahr nicht verwöhnt werden. Wie aber sieht es im zweiten und dritten Jahr aus?
Brehm: Auch in diesem Alter lassen sich keine pauschalen Aussagen treffen. Aufgabe der Eltern ist es zuallererst, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. In einem weiteren Schritt müssen die Kinder die Erfahrung machen, dass ihr Handeln Einfluss auf die Welt nimmt und sie Selbstwirksamkeit erleben. Autonomieerfahrungen und Lernerfahrungen sollten unterstützt werden.
Melder: In dieses Entwicklungsalter gehören auch Trotzanfälle, die eine große Herausforderung darstellen können und bisweilen von den Eltern als provozierend erlebt werden. Sie sind jedoch ein wichtiger Teil der Autonomieentwicklung, und es geht auch darum, dass die Kinder lernen, sich emotional zu regulieren. Auch hier benötigen Kinder individuell unterschiedliche Unterstützung. Es ist wichtig, dass diese Konflikte nicht zu Machtkämpfen werden. Missverständnisse gibt es immer wieder. Auch sie gehören dazu.

BZ: Gibt es ganz generell ein Zuviel an Aufmerksamkeit?
Melder: Natürlich haben Eltern auch eigene Bedürfnisse und Aufgaben zu erledigen, die sie nicht immer zurückstellen können. Dadurch erfahren Kinder, dass sie nicht permanent Mittelpunkt der elterlichen Aufmerksamkeit sind. Es ergeben sich daraus auch Freiräume, in denen die Kinder eigene Erfahrungen sammeln können. Ein Kind wird nicht permanent nach Aufmerksamkeit suchen, wenn es die Gewissheit hat, dass die Eltern in der Regel ansprechbar und emotional verfügbar sind.
Brehm: Ein Zuviel an Aufmerksamkeit würde bedeuten, ein Kind in seiner Autonomieentwicklung einzuschränken und wichtige Lernerfahrung, auch im Sinne von Selbstwirksamkeit, zu verhindern.

ZUR PERSON: Zwei Fachfrauen

Luzia Melder, Diplom-Heilpädagogin, und Martina Brehm, Diplom-Psychologin, sind Mitarbeiterinnen des Sozialpädiatrischen Zentrums am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Freiburg. Sie betreuen dort unter anderem die Eltern-Baby-Sprechstunde, in der Eltern mit ihren Kindern im Alter von null bis drei Jahren bei frühkindlichen Regulationsstörungen beraten werden. Das Angebot richtet sich insbesondere an Eltern von ehemals frühgeborenen, entwicklungsverzögerten und chronisch kranken Kindern. Schrei-, Schlaf- und Fütterprobleme, sogenannte Regulationsstörungen, treten bei diesen Kindern besonders häufig auf.  

Autor: kbl

Autor: kbl