Häusliche Gewalt

Zufluchtsorte für Frauen: Vor 40 Jahren wurde das erste deutsche Frauenhaus eröffnet

Ulrike Baureithel

Von Ulrike Baureithel

Mo, 07. November 2016

Liebe & Familie

Vor 40 Jahren wurde das erste deutsche Frauenhaus eröffnet – und mit ihm die Debatte über häusliche Gewalt /.

40 Millionen Mark, schreibt die "Courage" Mitte Oktober 1976, gebe der Staat für den Bau eines Frauengefängnisses aus. Doch wenn es um die Freiheit und Autonomie von Frauen gehe und um einen Zufluchtsort vor gewalttätigen Männern, knausere er. Die gerade neu entstandene autonome Frauenzeitung, die sich als erklärte Konkurrenz zu Alice Schwarzers "Emma" verstand, geht mit dem Berliner Senat und dem Bund hart ins Gericht. Zwei Jahre hat es gedauert, bis sich beide endlich dazu bereitfanden, 450 000 Mark für ein Frauenhaus lockerzumachen.

40 Jahre später liest sich dieser Beitrag wie der Auftakt zu den späteren Debatten in der Frauenhausbewegung, die mit der Gründung des legendären ersten Berliner Frauenhauses ihren allerersten institutionellen Erfolg feierte. Mit seiner Eröffnung am 1. November 1976 ließ sich auch in Deutschland nicht mehr aufhalten, was in anderen europäischen Ländern – zunächst im Londoner Stadtteil Chiswick – schon in die Praxis umgesetzt worden war: sichere Domizile zu schaffen, in die sich Frauen mit ihren Kindern vor den Übergriffen ihrer Ehemänner oder Partner flüchten konnten.

Vorangegangen war eine von den USA ausgehende Kampagne zum Thema Gewalt gegen Frauen. Die amerikanische Aktivistin Susan Brownmiller hatte mit ihrem 1975 veröffentlichten Buch "Against our Will" (Gegen unseren Willen, 1978) eine Saite laut angeschlagen, die in den diversen Selbsterfahrungsgruppen schon länger vibriert hatte. Statt Übergriffe gegenüber Frauen als individuelles Problem defizitärer Männer – und sie provozierender Frauen, so das Vorurteil – zu betrachten, hob Brownmiller die strukturelle Seite männlicher Gewalt hervor: Jeder Mann ist ein potentieller Gewalttäter, lautete die damals kursierende provokante Formel. Sexuelle Gewalt und Misshandlung sei kein Akt fehlgeleiteter Leidenschaft, sondern ein Machtinstrument, um Frauen einzuschüchtern und zu kontrollieren. Männer folgen, so die Schlussfolgerung, also nicht ihren unkontrollierbaren Trieben, sondern einer Matrix der patriarchalen Gesellschaft, in der die Frauen "in permanenter Angst" gehalten werden.

Damit verbunden war, so die Erkenntnis der Frauen, die verbissene Leugnung dessen, was sich tagtäglich hinter den Wohnungstüren abspielte. "Schrei leise, sonst hören dich die Nachbarn", lautete der Titel eines Buches von Erin Pizzey, der deutlich macht, dass Gewalt in den vier Wänden nicht nach draußen getragen werden durfte. Scham und Schande wogen scheinbar schwerer als die physischen und psychischen Verletzungen. Vielfach bewog aber auch die materielle Abhängigkeit viele Frauen dazu, lieber ihr Martyrium zu ertragen als ihre Peiniger anzuzeigen. "Die Angst", hieß es in einem ebenfalls in der "Courage" abgedruckten Flugblatt 1977, das auf den Tod einer misshandelten und vergewaltigten Frau reagierte, "ist unser schlimmster Feind. Sie ist es, die uns schwach macht und lähmt."

Ziel der Frauenhausinitiativen war es, die betroffenen Frauen auch zu stärken und zu ermutigen, das Schweigekartell zu brechen. Die Frauenhäuser sollten nicht nur ein Ort des Austauschs sein, sondern auch politische "Widerstandsnester". So wurden sie auch von Politik und etablierten Trägern wahrgenommen. Das setzte allerdings voraus, dass die Barriere zwischen den Mitarbeiterinnen und den Bewohnerinnen des Frauenhauses eingerissen werden musste. Autonomie bedeutete damals, dass alle gleichberechtigt teilhaben sollten, jede für alles qualifiziert erschien und es keine "Sprecherinnen" geben sollte, weshalb auch der Trägerkreis des ersten Frauenhauses in Berlin zunächst misstrauisch beäugt wurde. Dieser, so stand es in der "Courage", bestehe aus Frauen des "öffentlichen Lebens", die weder im Frauenhaus mitarbeiten noch die Idee der Bewegung mittragen.

Dieses Selbstverwaltungs- und Selbstermächtigungsprogramm war mit immensen Überforderungen verbunden, die in der Projektlandschaft der frühen achtziger Jahre zwar ebenfalls ihre Spuren hinterließen, im Falle der Frauenhäuser aber besonders gravierend waren. In einem zwölf Jahre später erschienen Beitrag resümiert die Soziologin Carol Hagemann-White, die maßgeblich an der Gründung des ersten Frauenhauses beteiligt war, dass die Belastungen und Kosten dieser Arbeit nur zu bewältigen sind, wenn die Mitarbeiterinnen "auf Abstand" gehen und sich nicht dauernd mit den Opfern identifizieren. Das aber widersprach dem Selbstverständnis, als Teil einer feministischen Befreiungsbewegung agieren zu wollen.

Eine besondere Rolle spielten die Frauenhäuser auch bei den Debatten um das Verhältnis zu Männern und zum Staat. Aus nachvollziehbaren Gründen sollte das Frauenhaus ein ausschließlich weiblicher Ort sein, zu dem Männer keinen Zutritt hatten. Das war nur möglich, wenn sie "autonom" blieben, also nicht in den Zugriff etwa von Wohlfahrtsverbänden als Träger gerieten. Dadurch wiederum beschnitten sich die Initiativen der Möglichkeiten, an öffentliche Gelder heranzukommen.

Die sogenannte "Staatsknete-Debatte" tobte insbesondere im vom Bund alimentierten Westberlin, wo es einfacher war, an Projektmittel zu kommen. Während viele in dieser Zeit entstandene autonome Selbsthilfegruppen Staatsgelder ablehnten und ihre Projekte ehrenamtlich organisierten, pochten die Berliner Frauenhausaktivistinnen darauf, dass für die Verletzungen, die das Patriarchat den Frauen zufügt, gefälligst auch der Staat aufzukommen habe. Das war im Rahmen des dreijährigen Modellprojekts auch der Fall. Notruf- oder Frauenhausinitiativen in der Provinz konnten davon allerdings nur träumen, oft dauerte es zehn Jahre und mehr, bis die Länder zumindest einen Teil der Kosten übernahmen. Im autonomen Frauenhaus Lübeck beispielsweise mussten sich noch 1993 sieben Personen ein 24 Quadratmeter großes Zimmer teilen.

Bis heute werden die autonomen Frauenhäuser – je nach Finanzlage der Länder – pauschal nach der Anzahl der Plätze und nicht, wie immer wieder gefordert, bundeseinheitlich nach der Anzahl der tatsächlich dort lebenden Frauen finanziert. Die Einrichtungen beklagen immense Überbelegung, gerade weil es unter den Flüchtlingen viele gewaltbetroffene Frauen gibt. Oftmals müssen sie aufgrund fehlender Kapazitäten abgewiesen werden: 2015 fragten in Berlin 556 Frauen mit 759 Kindern erfolglos einen Frauenhausplatz nach. Für die Flüchtlingsfrauen kommt aufgrund ihres unsicheren Status finanziell niemand auf.

Die von der Frauenhausbewegung angestoßenen Debatten haben juristisch viel bewegt, zum Beispiel dass Vergewaltigung in der Ehe heute strafbar ist. Trotzdem erleben noch 40 Prozent aller Frauen in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Übergriffe. Daran konnte auch die Frauenhausbewegung nichts ändern. Sie hat aber wesentlich dazu beigetragen, dass die Ausmaße des Geschehens sichtbar geworden sind.