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17. Mai 2013 00:00 Uhr

Neues Buch von Wolfram Wette

Anton Schmidt: Ein Held der Menschlichkeit

Feldwebel Anton Schmidt, gehörte zu den wenigen Angehörigen der Wehrmacht, die sich der Gewaltherrschaft Nazi-Deutschlands widersetzt haben. Der Waldkircher Historiker Wolfram Wette hat ihm ein Buch gewidmet.

  1. In der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, der so genannten Wehrmachtsausstellung, waren 2002 auch Porträts von Soldaten zu sehen, die Widerstand leisteten. Links: Feldwebel Anton Schmid Foto: dpa

  2. Wolfram Wette Foto: Timm

Anton Schmidt wurde am 13. April 1942 im Alter von 42 Jahren hingerichtet, erschossen von einem Exekutionskommando im Hof des Gefängnisses Stefanska im litauischen Wilna (Vilnius). Er hatte auf einem Lastwagen seiner Dienststelle Juden aus der litauischen Stadt transportieren wollen, um sie vor den Erschießungen durch die SS zu retten, wie er es bereits zuvor einige Male getan hatte.

Ob seine letzte Aktion bei einer Kontrolle aufflog oder verraten wurde, ist heute nicht mehr feststellbar. Genauso wenig wie der Wortlaut des Urteils gegen Schmid: Er kam vor ein Kriegsgericht, aber die Prozessakten sind verschollen. Überhaupt gibt es nur wenige Quellen, aus denen etwas über das Leben dieses Mannes herauszulesen wäre.

Der Waldkircher Historiker Wolfram Wette hat es trotzdem unternommen, Anton Schmid ein biographisches Buch zu widmen. Für ihn ist der Feldwebel, so der Untertitel seiner Studie, "Ein Held der Humanität". Wette ist nicht der erste, der Schmid würdigt. Nach dem Weltkrieg hat der Autor Herrmann Adler, der Schmid das Überleben in Wilna verdankte, über ihn geschrieben. Im Jerusalemer Eichmann-Prozess war von ihm die Rede, die Kunde von seinem Einsatz für die Juden verbreitete sich über Hannah Arendts berühmtes Buch über den Prozess. Arno Lustiger, Historiker des Rettungswiderstandes, schrieb über Schmid ebenso wie es Simon Wiesenthal tat, der Verfolger der Nazi-Verbrecher. Manche Legende entstand dabei auch über Anton Schmid, die Wette nun behutsam widerlegt.

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Unter den zahlreichen Veröffentlichungen des Waldkircher Historikers über die Geschichte des Militärs in Deutschland und vor allem im "Dritten Reich" ist das Buch "Feldwebel Anton Schmid" ein Gegenstück zu dem vor zwei Jahren erschienen Buch "Karl Jäger – Mörder der litauischen Juden". Dies war die Biographie eines – aus Waldkirch stammenden – SS-Kommandeurs, der für den Tod von mehr als 130 000 Menschen verantwortlich war. Stellte Wette dort dar, wie aus einem als feinsinnig beschriebenen Mann der Verantwortliche für die Massenerschießungen von Juden in Litauen wurde, so stellt er in dem neuen Buch dar, wie ein einfacher, christlicher Mensch, der eigentlich ein Wiener Handwerker gewesen war, auf demselben Schauplatz sich verantwortlich fühlte für jüdische Mitmenschen.

Schmid war nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen im September 1941 als Leiter einer Sammelstelle für versprengte, also von ihren Einheiten getrennte Soldaten in Wilna stationiert worden. Ihm unterstanden auch Werkstätten, in denen Textilien für die Armee hergestellt wurden. Dort brachte er jüdische Zwangsarbeiter unter, sorgte für sie und schützte sie vor dem Zugriff der SS und der litauischen Hilfspolizei. Einige Menschen, die aus dem Ghetto, in das die Juden der Stadt gepfercht worden waren, hatten fliehen können, versorgte er mit falschen Papieren oder brachte sie in seiner Wohnung unter. Weil einige Juden glaubten, in anderen litauischen Städten seien sie sicher, begann Schmid dann mit den heimlichen Transportfahrten, die schon nach Kurzem das Ende aller seiner Rettungsversuche bedeuteten.

Warum hat der Feldwebel Anton Schmid getan, was ihn schließlich das Leben kosten sollte? Zwei Briefe, die er vor seiner Hinrichtung an seine Frau schreiben durfte, zeugen davon: "(...) ich habe nur als Mensch gehandelt und wollte ja niemandem wehtun", erklärt er sich ihr. Und: "Ich habe ja nur Menschen, obwohl Juden, gerettet vor dem, was mich ereilte, und das war mein Tod."

Es ist schwer für einen Historiker, einen Menschen lebendig werden zu lassen, der wenig hinterlassen hat. Trotzdem wünschte man sich von Wettes Buch manchmal etwas mehr emphatisches Erzählen statt analytischer Beschreibungen wie dieser: "Schmids militärischer Ungehorsam (war) eine unmittelbare Konsequenz seiner Humanität, die für ihn von größerem Gewicht war als das mit härtesten Sanktionen bewehrte militärische Regelsystem." Denn es geht Wette ja um eine Heldengeschichte.

Im BZ-Interview zu seinem Buch über Karl Jäger sagte der Historiker, die Geschichte, wie mit solchen Figuren nach dem Krieg umgegangen worden sei, gehöre unbedingt zu einer Biographie dazu. Damit aber nicht genug: Wette will selbst Einfluss nehmen auf diesen Umgang. Im Fall Anton Schmid hat er sich, er berichtet es selbst in seinem Buch, 2011 mit vier weiteren Historikern dafür eingesetzt, dass nach Schmid eine Liegenschaft der Bundeswehr benannt wird, nachdem die vom damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping so benannten Feldwebel-Anton-Schmid-Kaserne in Rendsburg geschlossen worden war.

Es geht Wette darum, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstandenen demokratischen Zivilgesellschaft Helden zu geben, die sie den Kriegshelden, den Helden der militarisierten Gesellschaft von früher, entgegenstellen kann. Sein Buch über Anton Schmid ist die Begründung, warum er dem Feldwebel posthum den Titel eines Helden der Humanität verliehen wissen will. Auch wenn der sich einfach als Mensch verstanden hat.
– Wolfram Wette: Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013. 320 Seiten, 24,99 Euro.

Autor: Thomas Steiner