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02. April 2009 16:05 Uhr

Der Peter-Huchel-Preisträger Gerhard Falkner

Hyperion zum halben Preis

Der Lyriker Gerhard Falkner ist der Peter-Huchel-Preisträger 2008. Ausgezeichnet wurde sein Band "Hölderlin Reparaturen". Ein Porträt des in Berlin und Bayern lebenden Autors.

  1. Er spricht – und die Gattung erbebt: der Huchel-Preisträger Gerhard Falkner. Foto: hanisch

Heute erhält der in Berlin und Franken lebende Lyriker Gerhard Falkner in Staufen den Peter-Huchel-Preis – am Geburtstag des Namensgebers. Seinen Band "Hölderlin Reparatur" kürte die siebenköpfige Jury der vom Land Baden-Württemberg und dem SWR vergebenen Auszeichnung zum herausragenden Gedichtband des Jahres 2008. Ein Porträt.

Wenn der 1951 geborene Dichter Gerhard Falkner regelmäßig seine polemischen Blitze auf die Lyrik-Szene schleudert, ist es ratsam, in Deckung zu gehen. Denn der Zorn des "Minnesängers der Moderne" (Kurt Drawert über Falkner) ist gewaltig. Falkner spricht – und die Gattung erbebt. Zuletzt hatte er in einer Philippika in der Literaturzeitschrift Bella triste Hiebe ausgeteilt und sich zum Dichterkönig inthronisiert. Der neue "Ausdrucksglanz" der Generation der 30- bis 40-Jährigen, so ließ Falkner wissen, habe seinen Ursprung in den von ihm selbst in den 1980er Jahren entwickelten Sprechweisen. Diese programmatische Unbescheidenheit stieß auf heftigen Widerspruch.

Wer nun die Gelegenheit wahrnimmt und Falkners 1981 veröffentlichten und im vergangenen Jahr wiederaufgelegten Erstling "so beginnen am körper die tage" auf seine antizipatorische Kraft hin studiert, der erlebt tatsächlich eine Überraschung. Diese Gedichte haben auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung ihre Frische bewahrt. Diese frühen Gedichte, so Falkner im Rückblick, "überfielen mich wie Schweißausbrüche..., sie gründeten nicht auf Ehrgeiz, sondern auf Erregung". Dieses körperhafte Erregungspotenzial und ästhetische Schönheitsverlangen findet man auch in den nachfolgenden Bänden "der atem unter der erde" von 1984 und "wemut" von 1989.

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Mit "wemut" hatte sich der aus der fränkischen Provinz stammende und in Berlin lebende Falkner von der Lyrik verabschieden wollen, in Abkehr von den Boulevard-Tendenzen eines gedichtblinden Literaturbetriebs. 1990 zog er sich für einige Zeit aus dem literarischen Leben an die Westküste der USA zurück, durchbrach aber die selbst auferlegte poetische Mangelwirtschaft und feierte 1996 mit dem Auswahlband "X-te Person Einzahl" ein Comeback.

Bereits im Debütbuch Falkners trifft aber – ausgehend von der absoluten Poesie Hölderlins – ein radikales Schönheitsverlangen auf moderne Ernüchterungs-strategien, die das aufgerufene Pathos wieder dekonstruieren. Die Lust an der ästhetischen Konfrontation des Gegensätzlichen, die er als sprachliches Entzündungsmoment bis in den Kern seiner Gedichte treibt, bestimmt auch das neueste lyrische Projekt des Autors. In dem mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichneten Band "Hölderlin Reparatur" will Falkner wieder die Gegensätze synthetisieren: lyrische Verzauberung und Entzauberung, hoher Ton und coole Werbeformel, Gesang und Gegengesang. In den "Sätzen gegen die Unruhe" heißt es: "Die Hölderlin Reparatur bebildert mit ihren Gedichten die Idee des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentierten und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen." So sehr man die "Reparatur"-Bedürftigkeit Hölderlins anzweifeln mag, so muss man konzedieren, dass Falkner kein Risiko scheut und sich mit Verve in seine "Material(schlachten)" mit der Lyrik-Geschichte wirft. Vor allem in seinen "Reparaturtexten" und "Reklamationen" entwickelt er schrille Kontrafakturen zu einigen Hymnen Hölderlins, in denen der klangliche Zauber des Urtextes nachhallt, zugleich in lakonischer Härte Gegenwarts-Bilder eingestreut werden. Die stärksten Gedichte finden sich in der Abteilung "Weißes Fleisch", in der sich der Autor aus der Fixierung auf die Texte der poetischen Urahnen löst und die Hölderlin’sche Erhabenheitssprache für eine eigene Tonsetzung und Textgestalt nutzt.

Auch finden sich bei Falkner ganz hypnotische, leise Melodien, die traditionellen Volksliedstrophen sehr nahe sind, aber aufgeladen mit halluzinatorischer Phantasie: "durch deinen Gang bin ich geschritten / durch seine Halle weit gestellter Beine / nur matt beleuchtet vom Geleucht der Blicke / durchschritt ich ihn in seiner ganzen Breite / ich habe unter diesem Gang gelitten, seiner Weite / wie ließ er mich mit diesem Raum alleine / es war, als ob die Zeit den Raum zu dehnen scheine / von innen und entlang der Schwellung deiner Beine."

Im Finalkapitel, den turbulenten "Material(schlachten)", entschließt sich Falkner zu einer Partitur der Kontraste. Hier prallt der hymnische Ton auf technische Fachsprachen, kollidiert die Beschwörung des antiken Mythos mit den Trivialmythen der "telenovelas". Am Ende wird "Hyperion zum halben Preis" ausgerufen. Von ironischen Gesten sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Hoffnung auf die Revitalisierung einer "lichtdurchsickerten Sprache" hat Gerhard Falkner noch nicht aufgegeben.
– Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2008. 110 Seiten, 19,60 Euro.
– so beginnen am körper die tage. Gedichte. LyrikEdition 2000, München 2007, 104 Seiten, 11,50 Euro.
– Lesung mit Gerhard Falkner am 3. April 2009 um 20 Uhr im Literaturbüro in Freiburg. Moderation: Bettina Schulte.

Autor: Michael Braun