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04. Januar 2011

Stéphane Hessels Vermächtnis

Widerstandskämpfer Stéphane Hessel ergreift das Wort.

  1. Empört sich: Stéphane Hessel Foto: afp

In den Pariser Buchhandlungen liegt es direkt neben der Kasse. Ein schmales Heft, nur dreißig Seiten stark, dessen Titel aber nicht zu übersehen ist. "Empört Euch!" prangt in großen schwarzen Lettern auf dem Umschlag. Die Kunden greifen zu. Rund 500 000 Exemplare, das Stück für drei Euro, mehr als der neue Bestseller des Erfolgsautors Michel Houellebecq, gingen in den Wochen vor Weihnachten über den Ladentisch. Manche Käufer ließen sich den Band gleich dutzendweise einpacken, um ihn Freunden und Verwandten unter den Weihnachtsbaum zu legen. Ausgaben für Polen, Griechenland, Italien, England und die USA sind geplant.

Im Alter von 93 Jahren, "wenn das Ende nicht mehr sehr fern ist", wie er schreibt, hat Stéphane Hessel noch einmal zur Feder gegriffen, um aus der Erfahrung seines Lebens als ehemaliger Widerstandskämpfer, Überlebender des KZ Buchenwald, Ko-Autor der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen und Anwalt der Entrechteten einen Aufruf an die heutige Generation zu richten. Gründe zur Empörung habe er sein ganzes Leben lang gesehen, und er sieht sie heute noch zur Genüge: die Behandlung von Ausländern, das Schicksal von Einwanderern ohne gültige Papiere, dass Los der Roma, die Aushöhlung sozialer Rechte, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Diktatur der internationalen Finanzmärkte und den Zustand der Erde. "Schauen Sie sich um", wendet er sich insbesondere an die Jugend, "Sie werden allenthalben Dinge vorfinden, die Ihre Indignation rechtfertigen."

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Ausgangspunkt sind für ihn neben der Erklärung der universellen Menschenrechte die Rückbesinnung die Werte der Résistance. Die heutige Lage sei nicht vergleichbar mit der unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Aber viele Punkte aus dem Programm des Widerstands wie der einer "echten wirtschaftlichen und sozialen Demokratie" seien unerfüllt geblieben. Um sie zu verwirklichen fordert er zur "friedlichen Auflehnung" auf. "Wo einer seiner Rechte enthoben ist, gehen Sie hin und helfen Sie ihm. Schlimm wäre es, gleichgültig zu bleiben."

Noch vor einigen Jahren hätte ein solches Buch kaum öffentliche Beachtung gefunden. Es bedurfte des Zusammentreffens zweier Faktoren, um einen solchen Erfolg zu ermöglichen, meint der Politologe Stéphane Rosès. Zum einen sei es die verbreitete Enttäuschung über das abgelaufene Jahrzehnt, in dem Ereignisse wie die Umweltkonferenz von Rio, die Menschenrechtskonferenz von Wien oder die Klimakonferenz von Kopenhagen vergebliche Hoffnungen erzeugt hätten, und zum anderen sei es die Stimme eines Mannes wie Stéphane Hessel, der sich von solchen Enttäuschungen nicht entmutigen lasse.

Autor: Hans-Hagen Bremer