Das Elend mit den Tieren und den Menschen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 05. Februar 2014

Literatur

Wolfgang Schorlaus neuer Krimi prangert die Fleischindustrie an.

Wolfgang Schorlau als Kriminalautor zu bezeichnen, greift zu kurz. Natürlich schreibt der Wahlstuttgarter spannende Krimis. Aber er versteht sich gleichermaßen als Aufklärer, indem er gesellschaftliche, politische und ökonomische Fehlentwicklungen beim Namen nennt und mit den Mitteln der Literatur anprangert: Das Empörungspotenzial, das Schorlaus Romane beim – kapitalismuskritisch eingestellten – Leser wecken, ist groß. Mit Hilfe seines wortkargen Ermittlers Georg Dengler hat Schorlau Machenschaften der Pharmaindustrie aufgedeckt und über die weit fortgeschrittene Privatisierung des Wassers aufgeklärt. Er hat den Hintergründen des bis heute mysteriösen Attentats auf dem Münchner Oktoberfests nachgespürt und das Engagement deutscher Soldaten in Afghanistan beleuchtet. Dafür hat er in jedem Fall penibel recherchiert.

Das gilt auch für seinen neuen Krimi "Am zwölften Tag". Denglers siebter Fall führt den Privatdetektiv auf das Feld der Lebensmittelindustrie. Genauer: zu den Ställen und Schlachtanlagen der Massentierhaltung. Man sollte das Buch nicht vor dem Frühstück lesen. Es könnte einem auf den Magen schlagen, was in mitunter ekelerregenden Szenen erzählt wird. Und man nimmt sich unter dem unmittelbaren Eindruck der Lektüre vor, nie mehr Fleisch zu essen – oder, na ja, wenigstens weniger und auf jeden Fall nur die Steaks vom Biometzger.

Tatort Cloppenburg: Hier stehen die größten Mastanlagen Deutschlands. Hier werden Schweine und Puten in riesigen Ställen zusammengepfercht, hier werden sie nach Erreichen des Schlachtgewichts industriell getötet und verarbeitet – mit Hilfe von Billiglohnkräften aus Rumänien und Bulgarien, die für zwei, drei Euro pro Stunde auch nachts Schwerstarbeit verrichten und einen Teil ihres Lohns in absurd überteuerte Mieten für ein Bett in einem Massenquartier stecken müssen. Ausbeutung ist ein zu harmloses Wort für diese moderne Sklavenhaltung – und man fragt sich, wer mehr zu bedauern ist: die nicht mehr wie Lebewesen behandelten Tiere oder die wie Arbeitstiere missbrauchten Menschen. Dass im entfesselten System von immer mehr und immer billiger beides Hand in Hand geht, spricht ohnehin für sich.

"Am zwölften Tag" ist mehr als Thriller denn als Kriminalroman angelegt. Das liegt daran, dass nicht der Ermittler selbst im Mittelpunkt steht, sondern sein halbwüchsiger Sohn Jakob, der sich einer kleinen Gruppe von selbsternannten Tierschützern angeschlossen hat – nicht so sehr wegen seiner Liebe zur Schöpfung im Allgemeinen, sondern weil er sich in Laura, die Chefin des Quartetts, verknallt hat. Die Jugendlichen, naiv wie sie sind, lassen sich anheuern, mit einer Nacht-sichtkamera die Zustände auf einem Bauernhof in der Nähe von Oldenburg festzuhalten. Offiziell unternehmen sie eine Reise nach Barcelona.

Beim Versuch, in den Stall einzudringen, werden sie brutal überfallen und eingesperrt – eine Rockerbande erledigt hier das miese Geschäft von anonym bleibenden Auftraggebern. Dass die jungen Tierschützer in höchster Lebensgefahr schweben, bekommen sie erst allmählich mit: Ihre Handys mussten sie abgeben, damit werden ihre Eltern, die sie an der Costa Brava wähnen, in Sicherheit gewiegt. Nur Hildegard, Denglers Ex-Frau, hat von Anfang an das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Es braucht lange, bis sie ihn überzeugt hat, dass er aktiv werden muss – und als der ehemalige BKA-Mitarbeiter endlich die Fährte aufgenommen hat, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Wolfgang Schorlau schreckt in seinem in kurzen Shots – sehr filmisch – geschriebenen Buch nicht vor dem Einsatz von drastischen Bildern und auch nicht vor drastischer Gewalt zurück. Die Methoden der Tierschlächter, allen voran des selbsternannten Hühnerkaisers Carsten Osterhannes, sind allerdings auch alles andere als zimperlich – und das Elend der Tiere und der Menschen ist grenzenlos. Möchte man in einer solchen Welt leben? Am Ende des Romans sind zwei Predigten von Monsignore Peter Kossen abgedruckt, gehalten in Lohne. Sie geben sehr zu denken.
– Wolfgang Schorlau: Am zwölften Tag. Denglers siebter Fall. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 340 Seiten, 9,99 Euro. Lesung: Der Autor liest am 5. Februar um 20 Uhr in der Buchhandlung Rombach in Freiburg. Restkarten an der Abendkasse.