Das pure Leben

Jürgen Verdofsky

Von Jürgen Verdofsky

Sa, 08. November 2014

Literatur

Zwei imposante Fotobände über den Alltag in der DDR.

Es ist der Alltag, in dem Welten, die nicht zusammengehören, sich für Augenblicke berühren. Man behält sich gegenseitig im Auge, will aber nicht, dass der andere es merkt. Das ist eine sich wiederholende Grundsituation in Ost-Deutschland. Nichts anderes zeigt sich zwischen dem selbstgewissen Punk und dem altgedienten Volkspolizisten in der Ost-Berliner U-Bahn der 1980er Jahre auf dem Foto von Jörg Knöfel (1962-2011). Ein Fotograf ist ein in die Realität verschlagener Künstler. Arno Fischer, der Doyen einer Fotokünstler-Generation, hat es im Nachhinein als Credo gefasst: "Wir waren keine Widerstandskämpfer. Wir haben das pure Leben fotografiert."

Quer durch "Das pure Leben" im deutschen Zweitland bewegen sich die beiden Bände von 1945 bis 1990, unterteilt in frühe und späte Jahre. Zwei Schwarz-Weiß-Fotobücher ersten Ranges mit 330 Aufnahmen von gut sechzig ostdeutschen Fotografen auf 400 Seiten. Und nicht nur als Weitwinkel oder Schnappschuss, sondern auch als Fotografie aus ästhetischer Konsequenz. Befreit von den Zwängen der Zentralperspektive. Mit Urszenen des Nachkriegs fängt alles an, gefolgt vom Wiederaufbau unter der Losung "Stahl-Brot-Frieden" und von Militanz bei den Aufmärschen. Aber auch bei den beauftragten Pressefotografen gibt es atmosphärischen Beifang. Gebremstes Leben, Frauen und Männer, ja, Kinder, denen zwangsläufige Lebensversäumnisse vom Gesicht abzulesen sind. Die Menschen schnappen nach Leben, nach Liebe. Die Fotografen nach selbstbestimmter Arbeit.

Bald zeigen künstlerisch ausgerichtete Fotografen wie Evelyn Richter, Ursula Arnold, Roger und Renate Rössing den unersättlichen Tätigkeitsdrang im Privaten, Erwartung und Neugier, gezügelte Freude, aber auch Skepsis und Resignation. Das bleibt: Vierzig Jahre Leben in einem Warteraum der Verheißungen. Es musste noch etwas anderes geben als Arbeit, Heirat, Neubauwohnung, Kinder, Westfernsehen, Trabant, Ostseeurlaub und Westreise als Rentner. Der Pressefotograf Gerhard Weber fängt mit seinem Foto "Abstimmung" ein Ritual ein: Versammlungen, auf denen alle aneinander vorbeiblicken, als würde etwas geschehen, an das man morgen nicht erinnert werden will.

Unabhängige Fotografen verweigern sich der Vereinfachung. Der Herausgeber folgt diesem Selbstverständnis in seiner umsichtigen Bildanordnung. So entsteht eine Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. Besonders bei den Fotokünstlern, die mit der Leitfigur Arno Fischer konvergieren, finden sich Aufnahmen, die sich nicht auf ein "Wiedererkennen" beschränken. Hier gibt es in der Bildstille auch zeitlose Evokation. Und das gilt nicht nur für Sibylle Bergemann, Brigitte Voigt, Roger Melis, Helga Paris, Ute und Werner Mahler oder später für Gundula Schulze Eldowy und Harald Hauswald. Postuliert wird die Vorherrschaft der Ästhetik nie: Sie ist da. Die Bestände und Überschüsse in diesen außergewöhnlichen Bänden zum Bildgedächtnis der DDR sind beträchtlich. Das lässt sich anschauen wie neorealistisches Kino.
– Mathias Bertram (Hg.): Das pure Leben. Fotografien aus der DDR. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2014. Band 1: Die frühen Jahre, 1945-1975. Band 2: Die späten Jahre, 1975-1990. Je 200 Seiten, 165 Abbildungen, 24,90 Euro.