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06. August 2011

Die Welt hängt in der Schwebe

"Russische Zone": Christoph Meckels "schattenlos helle" Erinnerungen an eine Kindheit im "Nachkrieg " zwischen Verwüstung und Verheißung.

  1. Ein Kind zwischen Bedrängnis und Neugier: Radierungen Meckels in „Russische Zone“ Foto: verlag

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  3. Christoph Meckel Foto: bz

Lyrik, hat Günter Eich notiert, habe wesentlich mit dem "Dingwort" zu tun, schon das Verb sei letztlich ein Indiz für Handlung – und damit eine Angelegenheit des Romans. So gesehen, entfaltet Christoph Meckel in seiner jüngsten Publikation "Russische Zone" über weite Strecken eine lyrische Prosa, die nicht Handlung entwickelt, sondern Bilder aufbaut, Erinnerung fixiert und Erfahrung festhält. Meckels wunderbar geschmeidige, atmende und federnde Prosa des Dingworts folgt einer thematischen Spur, die seine Erinnerungsbücher an Marie Luise Kaschnitz ("Wohl denen die gelebt") und an Peter Huchel ("Hier wird Gold gewaschen") gelegt haben.

"Mich begleitete Ahnung in verwirrender Vielfalt": "Russische Zone" ist im Untertitel als "Erinnerung an den Nachkrieg" ausgewiesen, eine für Meckel bezeichnende Formel. Die Rede geht nicht von Nachkriegszeit oder von Stunde Null oder von Kahlschlag, sie zielt auf "Nachkrieg" – auch so ein "Dingwort", das die ersten Monate nach Kriegsende im Mai 1945 als Erinnerungsstoff, als Bildspeicher und Resonanzraum zu fassen sucht. Im Bemühen, "Ahnung in verwirrender Vielfalt" sprachlich zu bannen, begegnet Meckel in diesem Buch dem zehnjährigen Kind, das er "am Ende des ersten russischen Sommers" war.

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1945 markiert für den Autor eine kardinale Erfahrung – zwar hat das Kind noch kein Vokabular, das aus "Ahnung" Gewissheit machen würde, aber mit der Instinktsicherheit und Hellhörigkeit des Zehnjährigen ahnt dieser Junge, dass mit Kriegsende die Ideologien zerrieben und die Utopien zerschellt sind, für immer. "Ahnung, das wusste ich später, kommt nicht in der Einzahl vor." Die Welt ist kein bergendes Gehäuse mehr, sondern ein Schlachtfeld: Die Vermutung liegt nahe, dass dieses Instinktwissen des Kindes prägend ist für Meckels frühe Radierzyklen, dieses gewaltige graphische Werk womöglich entfesselt und über Jahrzehnte ästhetisch gesteuert hat.

Im Dezember 1944 flieht Christoph Meckel mit der Mutter und den beiden jüngeren Brüdern aus dem zertrümmerten Freiburg ins thüringische Erfurt, wo die Großeltern leben. Nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands erlebt das Kind zunächst das kurze Intermezzo der amerikanischen Besatzung: "Mit den Amis kam Musik in die freudlosen Tage. Zum ersten Mal hörte ich Tanzmusik, Blues und Cowboy-Songs aus geöffneten Fenstern." Sechs Wochen später marschiert die Rote Armee in Erfurt ein: "Von diesem Tag an lebten wir, schwer atmend, unter der russisch-sowjetischen Nebeldecke, die alles bedeckte und alles durchdrang, was vorhanden war und mit uns geschah." Den Diktaten der alliierten Siegermächte folgend, wird Deutschland zum Besatzungsgebiet, ein viergeteiltes, von Zonengrenzen zerrissenes Gelände, dem Alliierten Kontrollrat unterstellt, von Hohen Kommissaren beherrscht, von Millionen "Fluchtvagabunden" durchzogen.

"Mein Erinnern bleibt schattenlos hell, es verwehrt mir nichts, verklärt und verschleiert nichts von Krieg und Nachkrieg, Entsetzen und Tod. Es ist der Versuch einer Spiegelung dessen, was das zehnjahr-alte Kind im Tagtraum erfuhr; was mir gehören musste, weil ich es sah; was unabweisbar wirklich wurde, weil das Gedächtnis es festhielt und nicht wieder preisgab." Meckels "schattenlos helles" Erinnern rekonstruiert eine Kindheit im Nachkriegsalltag, zwischen Schwarzmarkt und Hamsterfahrten, Lebensmittelkarten und Kohlenklau, Ausgangssperre und russischen Razzien, Leiterwagen und Holzvergaser, Flüchtlingselend und alltäglichem Tod, Trümmerstädten und Hunger, "bloß die Männer, die Väter fehlten noch".

Ein Bonzen-Regime ist erledigt, der NS-Staat militärisch besiegt, ein neues System, eine neue staatliche Ordnung nicht einmal in Ansätzen erkennbar, die Welt hängt in der Schwebe, Niemandsland der Geschichte: "Russische Zone" ist, trotz aller "Spiegelung" von Not und Elend, noch im Nachhinein auch fasziniert von einem Moment anarchischer Freiheit; der "Nachkrieg" des Jahres 1945 ist für das Kind ein einziges "Abenteuer": "Von meinen Wegen und Abwegen wusste niemand, mich fragte keiner, wo ich gewesen war." Noch im Privatesten dokumentiert der Text, dass und warum 1945 beides war: Niederlage und Befreiung, Ende und Neubeginn, Verwüstung und Verheißung.

"Ich beobachtete alles, ahnte viel, und hatte vorm eigenen Erleben keine Angst. Die Neugier war stärker." Angstfreie Neugier – diese Basis ermöglicht dem Kind ein tastendes Erkunden der russischen Sprache, ein ahnendes Begreifen von Osten und slawischer Welt: "die kyrillische Schrift blieb Bildgeheimnis und Zauber, eine Partitur, die ich umsetzen lernte in Wörter und später im Westen vergaß". Kein Zufall, dass Meckel Jahrzehnte später eine "Nachricht für Baratynski", den großen Dichter und Freund Puschkins, schreiben wird; auch hier erweist sich die "Erinnerung an den Nachkrieg" als sprachlicher Reflex auf etwas, das in den poetisch vergegenwärtigten ersten Nachkriegsmonaten angelegt wurde. Oder umgekehrt – aus der "Russischen Zone" führen manche Wege tief in Meckels späteres Oeuvre hinein, sowohl in das dichterische wie in das graphische Werk. In einer Art Anhang zieht der Autor diese Motivlinie bis in die spätere Nachkriegszeit hinein: Im Paris des Jahres 1957, "in den Anfängen meiner russischen Neugierden", besucht der 22-jährige Christoph Meckel Paul Celan, den Übersetzer Jessenins, Bloks und Mandelstams.

Mag sein, dass es eines zeitlichen Abstandes von 65 Jahren bedurfte, bevor das hier beschworene Material der dichterischen Verarbeitung zugänglich war; so unverstellt hat sich Meckel jedenfalls kaum je der eigenen Vita zugewandt, den Fanalen der eigenen Biographie, ihren Abgründen, Brüchen und Schrecken. "Russische Zone" ist, vergleichbar Wolfgang Koeppens "Jugend", ein herausragendes Exempel jener autobiographischen Literatur, in der Dichtung und Wahrheit, das Geschehene wie das Imaginierte zu ihrem Recht kommen.

Womöglich enthält dieser hochkonzen-trierte Text Christoph Meckels primäre Erfahrung: "Die Gegenwart war ein schlechter Traum für viele, und für mich der lebendige Teil eines Schattenspiels mit den Toten. Von den Verbrechen der Deutschen erfuhr ich nichts. Ich hatte die Toten in den Trümmern gesehen, zerquetscht, verkohlt, halbiert, in Zuständen Fäulnis und Blut. Der gequälte Mensch war, was mich schlaflos machte."

– Christoph Meckel: Russische Zone. Erinnerung an den Nachkrieg. Libelle Verlag, Lengwil 2011. 112 Seiten, 16,90 Euro.




Autor: Hartmut Buchholz