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22. November 2014

KRIMINALROMANE: Lässige Plauderer

Howard Linskey und Jim Nisbet.

So geht es zu in der Schattenwelt: Jim Nisbet lässt einen Szene-Musiker von einem gruseligen Abenteuer erzählen; bei Howard Linskey plaudert Gangsterboss Blake über seine neuerlichen Sorgen.

GANGLAND

In "Crime Machine" stieg die Plaudertasche David Blake vom Rechtsberater zum inoffiziellen Chef der Mafiabande in Newcastle auf. Dem charmanten, redseligen Ich-Erzähler nahm man alles ab, die (gespielte) Blauäugigkeit, die Umstände, das "Schuld-sind-immer-die-anderen" und überhaupt: Man hatte fast Mitleid mit dem Gangsterboss wider Willen. Ob die Geschichte der Wahrheit entspricht, steht auf einem anderen Blatt. Auch in "Gangland", dem zweiten Teil der dreibändigen Reihe, hört sich alles amüsant an: Politiker sind kaum besser als Schutzgelderpresser, weil auch nur auf den eigenen Vorteil bedacht, Polizisten entweder dämlich oder auf der richtigen Seite und Profifußballer koksende öffentlichkeitsgeile überbezahlte Nichtsnutze.

Eloquent zieht Ich-Erzähler Blake den Rest der Welt durch den Dreck. Da wirkt selbst ein Gangsterboss redlich in seiner ehrlichen kriminellen Art. Linskey schildert den Realitätsverlust bzw. die moralischen Verrohung äußerst unterhaltsam: clever und smart. Nur ein paar Einschübe – quasi objektiv erzählt – rücken den Maßstab zurecht und handeln davon, wie brutal und rücksichtlos es zugeht. Ansonsten erlebt man, wie Blake und seine Mannen mit Verrat und dem Versuch einer feindlichen Übernahme knallhart umgehen und dabei noch mit altehrwürdigen Tugenden aufwarten.

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Durch den Ich-Erzähler wirkt alles authentisch und ehrlich bei aller Augenzwinkerei: Die Barbaren sind immer die anderen. Aber wie gesagt: Das ist Strategie und Beleg dafür, was Sprache kann.

DER KRAKE AUF MEINEM KOPF

Auch Jim Nisbet, gnadenloser Chronist amerikanischen Wahns und gesellschaftlicher Implosion, hat in "Der Krake auf meinem Kopf" einen Ich-Erzähler gewählt: Der plaudert auf lässige Art von derbem Drogenkonsum und gesellschaftlichen Niederungen. Curly Watkins, einst ein Punk, wovon die tätowierte Krake auf seinem Kopf Zeugnis ablegt, schlägt sich als erfolgloser Berufsmusiker durchs Leben, indem er in Cafés nette Liedchen trällert. Immer mal wieder kommt er auf die Idee, seinen alten Kumpel Ivy Pruitt zu besuchen, um den genialen Drummer zu überreden, wieder Schlagzeug zu spielen. Doch der zynische Heroinsüchtige sorgt sich lieber um seinen Stoff, arbeitet als Dealer und Schuldeneintreiber. Die Dritte im Boot, Lavinia, eine bleiche Göttin der Finsternis, hat eine Marktlücke gefunden und liefert Drogen aller Art im Heim-Service. Blöderweise gerät Pruitt in die Fänge der Drogenfahndung. Lavinia will ihrem Lieblingskonsumenten die Kaution stellen und überredet Watkins mitzumachen beim Schuldeneintreiben.

Der Ich-Erzähler und Ex-Lover von Lavinia inszeniert eine Art schwarze Bohème mit bühnenreifen Dialogen, Heroin-Kochshow und lustigen Abenteuern. Bis der Zufall erbarmungslos zuschlägt. Nisbet übernimmt und liefert das schockierende Psychogramm eines Irren. Es kann immer schlimmer kommen.

– Howard Linskey: Gangland. Roman. Deutsch von Conny Lösch. Knaur Verlag, München 2014.413 Seiten, 9,99 Euro.
– Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf. Roman. Deutsch von Ango Laina und Angelika Müller. Verlag Pulp Master, Berlin 2014. 320 Seiten, 14,80 Euro.

Autor: Joachim Schneider