Überleben im Chatroom

Michael Buselmeier

Von Michael Buselmeier

Sa, 15. November 2014

Literatur

Die exzessiven, manischen Jahre sind vorbei: Natascha Wodins Roman "Alter, fremdes Land" / .

Fast ungeschützt ist Natascha Wodin hervorgetreten mit existentiell radikalen, autobiographisch grundierten Texten. Der Roman "Einmal lebt ich" von 1989 berichtet detailliert von der extrem harten Kindheit und Jugend der 1945 in einer Barackensiedlung in Fürth als Tochter russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter geborenen Autorin, die sich – von der Mutter, die sich ertränkte, verlassen, vom nahezu stummen Vater gequält – stets als Außenseiterin verstand. Eine extreme Liebes- und Hassgeschichte schildert ihr 2009 erschienener Roman "Nachtgeschwister". Er beschreibt die dreizehn Jahre währende Beziehung Wodins zu dem genialischen, aus dem sächsischen Braunkohlerevier um Leipzig stammenden Dichter Wolfgang Hilbig. Unersättliche Liebesnächte wechseln mit Faustschlägen und Messerattacken des schwer traumatisierten Alkoholikers, der 2007 an Krebs starb. Beide kommen aus der Finsternis, sind von Verfall und Tod umgeben, von Schlamm- und Schimmelwelten fasziniert. Vor allem das egomanische Schreiben hat ihnen beim Überleben geholfen.

Auch Natascha Wodins jüngster Roman "Alter, fremdes Land" handelt vom Überleben. Die Schriftstellerin Lea fühlt sich mit erst 63 Jahren von Altersschwäche befallen. Auch alte Bekannte sehen entstellt aus, sind oft kaum noch wiederzuerkennen. Sie selbst wird als "Muttchen" angesprochen, und aus dem Spiegel starrt sie "eine fremde alte Frau" an. Ihr Körper kommt ihr wie ein "Dreckbeutel" vor. Animalische Furcht befällt sie, auch Panik: "Was war das für ein Leben, das schon im Augenblick seiner Entstehung den Tod hervorbrachte?"

Seit dem Mauerfall bewohnt Lea allein in Berlin am Prenzlauer Berg eine abgedunkelte Wohnung in einem Hinterhof, mitten in der kurzweiligen Welt junger Menschen, einem "multikulturellen Disneyland". Seit etwa zehn Jahren hat sie kein Mann mehr berührt. Auch die Bücher, die ihr sonst Halt gaben, "haben sie verlassen". Doch mit dem neuen Computer und dem Internet-Anschluss scheint sich Leas einsames und nutzloses Leben zu revolutionieren. In einem Chatroom lernt sie einen Anonymus kennen, der sich "Ghostdog" nennt und in Sehnsucht nach gelähmten Frauen verzehrt. Von nun an verbringt Lea ihre Nächte in digitalen Welten, überflutet von sexuellen Angeboten, und fühlt sich nicht mehr so allein. Viele, die ihr hier begegnen, sind Familienväter, im Grund Erniedrigte und Beleidigte, Analphabeten, aber sie trifft auch auf "schriftkundige Sonderlinge", auf Ulrich etwa, einen hoch gebildeten Herrn, der an "Unverschämtheit und Direktheit", an Tabulosigkeit alle anderen übertrifft, das "Traumbild eines Mannes" mit einer "subversiven erotischen Energie".

Während Lea anfangs versucht, sich als junge Frau darzubieten, merkt sie bald, dass ihr wirkliches Alter sogar einen Vorzug bedeutet in den Augen der Sex suchenden Jungmänner, was ihrem Ego schmeichelt. Im Chatroom kann sie jeden haben, und sie wird süchtig nach anonymen Begegnungen. Auch wenn hier Worte die einzige Berührung sind, wird sie noch einmal "in die Wildnis gerissen", in den Rausch, in ein "unersättliches Begehren", das keine Erfüllung findet. Mit dem virtuellen Leben glaubt sie einen "durch und durch literarischen Ort" entdeckt zu haben, einen Ort der Fiktionen und Phantasien. Lea wird zum "Junkie der digitalen Welt", sie leidet an Schlafmangel. Doch all den Abseitigkeiten und Perversionen, die sich ihr mit einem Mausklick offenbaren, fehlt die Aura des Besonderen. Der Leser kennt diese Psychopathen und potentiellen Selbstmörder längst aus den alltäglichen Medien, und sie langweilen ihn eher.

Mit einigen ihrer Partner aus dem Chatroom trifft sich Lea auch in ihrer Berliner Wohnung, doch der katholische Pfarrer aus Kärnten, der sadistische Fesselkünstler und Studienrat und der sexbesessener Ägypter enttäuschen sie. Nur Ruslan, ein dreiundzwanzigjähriger Pianist, der ihr Enkel sein könnte, schenkt ihr für kurze Zeit so etwas wie Erfüllung. Danach schmerzt ihr alternder Körper umso mehr.

Ihr Alter bleibt ihr

unbegreiflich
Am Ende sind zwei Jahre vergangen. Lea ist fünfundsechzig, doch ihr Alter bleibt ihr weiterhin unbegreiflich und unwirklich. Von der Promiskuität, den vielen jungen Männern und ihren Wünschen, hat sie genug. Die Löwin ist müde geworden, leidet an Übersättigung. Was sie im Chatroom gesucht haben mag – Zuflucht, Zweisamkeit, vielleicht sogar Liebe – , hat sie dort nicht gefunden, aber das, was sie gefunden hat, hätte sie nach eigenem Bekenntnis "niemals zu suchen gewagt."

Ein Experiment am eigenen Körper also? Die Sexpartner treten einer nach dem anderen auf, präsentieren ihre Eigenarten und gehen wieder ab. Auch die Altersgebrechen, die in aller Mund sind, Alzheimer und Krebs, werden breit besprochen. Lea, weiterhin einsam, kehrt zögernd an ihren Schreibtisch zurück, wieder allein mit den Wörtern, reflektierend und ihre Kinderlosigkeit beklagend. Was sollte sie auch anderes tun? Immerhin hat sie die Chatrooms überlebt. Sie ist noch einmal davongekommen. Aber es ist auch etwas Halbherziges in diesem Weitermachen, ein vergleichsweise kühler und distanzierter Ton, den man von Natascha Wodins früheren Büchern so nicht kennt. Es scheint, als hätte sie der "Schreibzwang" verlassen, diese wilde "Dringlichkeit", die ihr eigen war und sie so eng mit ihrem Nachtgefährten Wolfgang Hilbig verband.

– Natascha Wodin: Alter, fremdes Land. Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2014. 211 Seiten, 19,90 Euro.