Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. März 2017

Alle hatten einen Traum

Die Frage nach Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht: Hamid Sulaimans Graphic Novel "Freedom Hospital".

  1. Die Stimme des Volkes: aus Hamid Sulaimans „Freedom Hospital“ Foto: Jeremie Lortic/Hanser Verlag

  2. Hamid Sulaiman Foto: Jeremie Lortic

"Sie haben uns zu Monstern gemacht", sagt Abu Taysir zu der Apothekerin Yasmin. "Sie" – das sind die Soldaten des Assad Regimes, vor denen Abu Taysirs Einheit der Freien Syrischen Armee die nordsyrische Stadt Houria schützen soll. Dort betreibt Yasmin das "Freedom Hospital", ein geheimes Krankenhaus für Widerständler. Doch nach einer Demonstration gegen Assad riegeln dessen Truppen die Stadt ab. Die Lebensmittel gehen aus, die Medikamente, das Trinkwasser. Abu Taysir, der aus dem friedlichen Widerstand kommt, will die Belagerung durchbrechen. Er bittet Yasmin um Unterstützung. Die Aktion verschärft das Töten. Irgendwie haben Yasmin und Abu Taysir Anteil daran.

"Freedom Hospital" heißt auch die eindringliche Graphic Novel von Hamid Sulaiman. Der gebürtige Syrer spricht die Fragen an nach Schuld und Unschuld, nach Recht und Unrecht. Hauptsächlich schildert er aber den Bürgerkriegsalltag aus Sicht der Rebellen. "Freedom Hospital" handelt von Not, Terror und Tod, aber mehr noch von Menschen, ihren Wünschen, Ängsten und Wandlungen. Sulaiman versucht, Klischees und Pathos zu vermeiden. Er wählt einen fast dokumentarischen Ansatz. Waffen sind mit einer Art Etiketten versehen, die Typ, Herkunftsland und Benutzer ausweisen. Auf manchen Seiten platziert Sulaiman ein Youtube-Logo, so dass der Eindruck entsteht, er zeichne Videoclips nach. Seine schwarzweiße Grafik ist schroff und schablonenhaft. Sie arbeitet vereinzelt mit drastischen Kunstgriffen, ästhetisiert den Krieg aber nie.

Werbung


Sulaiman zeigt exemplarisch, wie der Widerstand zersplittert, was die Menschen antreibt, warum sie helfen oder morden. Das heterogene Ensemble besteht überwiegend aus dem Personal und den Patienten der Rebellen-Klinik: Die Leiterin Yasmin stammt aus einer moderaten sunnitischen Familie. Ihr Freund Fawaz, von Geburt her Alawit, ist Arzt im "Freedom Hospital". Patient Hawal, ein Kurde, wartet auf eine Spenderniere. Der ehemalige Assad-Soldat hat drei Kugeln abbekommen, als er während einer Demonstration zum Widerstand überlief. Seine Freundin Zahabiah kocht für die Klinik. Die streng sunnitischen Eltern verbieten ihr zu studieren. Langzeitpatient Walid Abu Qatada ist Salafist.

Am Rand und in der losen Rahmenhandlung tauchen weitere Figuren auf wie Abu Taysir. Der Widerstand eint anfangs alle. Sie reden miteinander und spielen zusammen Fußball. Lachen und Liebe sind so gegenwärtig wie Sorgen und Bedrohung. Doch ihre Träume unterscheiden sich: Yasmin seinerseits sehnt die friedliche Rebellion herbei, Walid Abu Qatada den Gottesstaat. Hawal und Zahabiah wollen in die Schweiz fliehen. Viele gemeinsame Hoffnungen verpuffen, wie etwa die, das Assad-Regime werde schnell fallen. Verzweiflung, Geld und auch Propaganda treiben die Widerständler auseinander. Sie beginnen sich zu bekämpfen. Das "Freedom Hospital" wird zerstört. Der Krieg gebiert seine Monster.

Hamid Sulaiman wuchs in Damaskus auf. Er studierte Kunst und Architektur, unterstützte den Widerstand, geriet mehrfach in Haft. Im Jahr 2011 floh er über Jordanien nach Paris, wo er heute lebt. An "Freedom Hospital" arbeitete er vier Jahre lang. Die Zeichnungen waren in einigen Ausstellungen zu sehen, bevor sie als Graphic Novel erschienen sind. "Das Problem ist nicht, recht oder unrecht zu haben", sagt eine der Figuren. Sie hat mehrfach die Fronten gewechselt: Assad-Regime, Rebellen, Kalifat... Sie kennt das "Freedom Hospital" und erklärt Yasmin gegen Ende, dass keine der Parteien, mit denen er im Bürgerkrieg kooperiert hat, recht oder unrecht gehabt habe: "Alle diese Menschen hatten einen Traum. Aber deiner war der schönste." Yasmin führt ihn, ihr "Freedom Hospital", in einem türkischen Flüchtlingslager fort. Ein halbwegs versöhnlicher Ausklang.

Hamid Sulaiman: Freedom Hospital.
Aus dem Französischen von Kai Pfeiffer. Hanser Berlin, München 2017. 288 Seiten, 24 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger