Eröffnung der Passage 46

ANGERISSEN: The Art of Being...

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 04. November 2017

Literatur & Vorträge

Besser hätte man die tote Passage 46 unter dem Freiburger Theater nicht erwecken können: Was läge näher, als den Betrieb an gleich zwei Bar-Theken – so wollte es der groß denkende und kläglich scheiternde damalige Investor und Kunsthändler Henrik Springmann – mit einer Lesung beziehungsweise Rezitation über die "Kunst, betrunken zu sein" neu anzukurbeln? Natürlich hatte niemand im erstaunlich zahlreich erschienenen Publikum die Absicht, die exzessiven literarischen Ausflüge an die Tresen dieser Welt beim Wort zu nehmen: Getränke wurden unter den Anwesenden – wenn überhaupt – in sehr gemäßigten Dosen konsumiert.

Wäre auch schade gewesen, der von Jürgen Reuß und Stephan Kuss zusammengestellten Textcollage nicht mit klarem Kopf zu folgen. "The Art of Being Drunk", so der korrekte Titel der Veranstaltung, ist der Auftakt einer ganzen Reihe von Lesungen über weitere interessante menschliche Verhaltensweisen, so wie die Literatur sie festgehalten hat. Die Kuratoren des Formats saßen selbst mit auf dem Podium, doch der Auftritt von zusätzlich vier Schauspielern aus dem neuen Freiburger Schauspielensemble degradierte sie zu Randfiguren: Die Kunst zu sprechen beherrschen die Experten und Expertinnen vom Fach nun mal besser als jeder Laie.

Die Zuschauer hatten jedenfalls ihre helle Freude besonders an Janna Horstmann, die aus Flann O’Briens Erzählung "Durst" eine burschikose One-Woman-Show machte. Auch Marieke Kregel, Holger Kunkel und Martin Müller-Reisinger waren mit Engagement bei der Sache. Kein Wunder: Boten die Ausschnitte aus den Phantasien einschlägig trinkfester Autoren wie Ernest Hemingway, Charles Bukowski, Jörg Fauser, Clemens Meyer oder Viktor Jerofejew doch einen durchaus unterhaltsamen Einblick in Zeiten, die von der rauschfeindlichen Gesundheitskultur unserer Tage äonenweit entfernt zu sein scheinen.

Dass mit der Alkoholsucht im Ernstfall indes nicht zu kokettieren ist, führt das extrem elende Ende von Uwe Johnson vor Augen. Der Schriftsteller, der nur 49 Jahre alt wurde, lag nach seinem Tod 19 Tage lang unentdeckt in seiner Wohnung in Sheerness on Sea auf der Isle of Sheppey. Man fand ihn neben einer ungeöffneten Flasche Rotwein auf dem Tisch, zwei leere daneben. Schnell zurück ins Leben! Zum Smalltalk an die Bar! Ein Loblied auf die Faulheit ("The Art of Being Lazy") folgt am 14. Dezember im Literaturhaus.