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21. Januar 2017 12:37 Uhr

Literatur

"Bachs Welt" rekonstruiert das Leben der Musikerfamilie

Wie es gewesen sein könnte: Volker Hagedorn zeichnet in "Bachs Welt" die Geschichte der berühmten protestantischen Musikerfamilie nach. Am Ende entsteht ein schlüssiges Bild.

  1. Geißel der Bach-Familie: die Pest (Arnold Böcklin, 1898) Foto: BZ

  2. Volker Hagedorn Foto: Verlag

Ohne Luther kein Bach. Den meisten gilt der Leipziger Thomaskantor als Inbegriff des protestantischen Kirchenmusikers. Auch wenn die Wissenschaft Johann Sebastian Bachs Beziehung zur Theologie nicht einheitlich bewertet, so hat Albert Schweitzers berühmter Aphorismus "Musik ist für ihn Gottesdienst" für Bach-Verehrer Gültigkeit. Schließlich genießt die Musik im Protestantismus Luther’scher Prägung als Ausdruck von Lob und Dank im Gottesdienst einen besonderen Stellenwert.

Die Verbindung zum Reformator hat aber auch noch eine andere, "dynastische" Komponente: Ohne Luther keine Familie Bach. Zumindest keine, die so klar in der Ausübung ihrer Tätigkeiten auf Region und Inhalt fixiert gewesen wäre. Das zu zeigen war gewiss nicht primäres Anliegen des Autors Volker Hagedorn. Aber die Lektüre seines aktuellen Buches unterstreicht: Die solitäre Geschichte dieser Familie hätte es ohne die Reformation so nicht gegeben. Luther sei Dank.

Unsere Kenntnis von "Bachs Welt" fußt in der Familiengeschichte

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Hagedorns Buchtitel führt zunächst in die Irre. "Bachs Welt" schildert nicht das Zeitalter des bedeutendsten Vertreters des deutschen Barock, sondern die "Familiengeschichte eines Genies", wie es der Untertitel präzisiert: Johann Sebastians Vorwelt. Nun weiß jeder halbwegs an Bachs Leben Interessierte um die dürftige Quellenlage in der Ahnengalerie. Unsere Kenntnis von "Bachs Welt" fußt vor allem in der überlieferten Familiengeschichte. Dagegen ist das Wissen über die "Welt" zwischen 1590 und 1690 sicher umfassender. Wie also soll der Mangel an Überlieferung, an gesicherten Erkenntnissen dem Versuch einer glaubwürdigen Familiengeschichte standhalten? Hagedorn macht aus der Not eine Tugend.

Der Autor entwirft aus dem gesicherten Wissen über die Welt von damals und den Erkenntnissen und Spekulationen über die Familie eine spekulative Geschichte: "So könnte es gewesen sein." Mit Sätzen wie diesen definiert der Musikwissenschaftler und -kritiker Hagedorn seine Ausführungen nicht selten als Konstrukt. Immer dann, wenn er der Substanz sehr nahe ist, ihm aber die nötigen Überlieferungen und Belege fehlen. Man könnte solches Vorgehen von vorneherein als unseriös abtun, wäre da nicht die Akribie, mit der der Autor seine Erkenntnisse zu einem Ganzen formt. Hagedorn geht vor wie ein Archäologe, dem bei der Rekonstruktion einer Amphore wesentliche Elemente – Scherben – fehlen, der aber aufgrund profunder Kenntnis des historischen Umfelds dennoch ein schlüssiges Bild davon zeichnen kann.

Das Buch beginnt gleich mit einer Spekulation

Und so beginnt "Bachs Welt" gleich mit einer Spekulation: dem Bach’schen Schöpfungsmythos (basierend auf einer Abschrift Johann Sebastians von 1735), demzufolge der Bäckermeister Veit Bach aus dem habsburgischen Preßburg (heute Bratislava) flieht ins thüringische Wechmar, in die Heimat seiner Familie. Also beginnt es mit dem Bekenntnis zum Protestantismus. Denn Veit Bachs "Rückkehr" ist dem Glauben geschuldet, den er im katholischen Preßburg nicht mehr unbeschadet ausüben kann. Johann Sebastians Ururgroßvater – bekennender Lutheraner, Bäcker und Musikant: So steht es in Johann Sebastians Genealogie.

Wo Volker Hagedorn sich nicht auf Quellen aus der Familie et cetera berufen kann, geht er einen anderen – vergleichenden – Weg. Er studiert Quellen aus der Zeit und sucht so plastisch zu illustrieren. Gerade das ist eine große Stärke dieses lesenswerten, feuilletonistisch verfassten Buches. Weil es Brücken baut. Und einen Eindruck der Zeitumstände liefert, einen empathischen überdies. Wie sollte es auch anders sein angesichts eines Zeitalters, das dominiert war von Kriegen und Seuchen, von bitterer Armut und religiösen Dogmen.

Hagedorn listet seine Quellen im Anhang penibel auf

Sehr eindringlich gelingt das zum Beispiel im Falle jenes Johann Christian Bach, einem Cousin des Vaters von Johann Sebastian, der 1682 der Pest in Erfurt erliegt. Fünf Erwachsene und sechs Kinder dieses Zweigs der Familie werden binnen kürzester Zeit Opfer des "schwarzen Tods"; die Stadt wird über Jahre "bannisirt" von ihrer Umgebung. "...Johann Christian ist unwohl. Beim Gehen wird ihm unbehaglich an diesem verregneten Sommerabend. Mattigkeit, Schwäche in den Beinen, Atemnot, ein inneres Brennen...": Die Anschaulichkeit, mit der Hagedorn den Verlauf der Krankheit darstellt, hat er entlehnt – aus Alessandro Manzonis Roman "Die Brautleute". Der Konjunktiv wird so zum Indikativ.

Hagedorn verschweigt seine Quellen nicht, listet sie und Anmerkungen dazu im Anhang penibel auf. Weshalb der Autor indes auf die Zuordnung durch Fußnoten verzichtet hat, bleibt sein Geheimnis. Wollte er dem Eindruck einer Pseudowissenschaftlichkeit entgegenwirken? So jedenfalls erschwert er dem Leser oft den Zugang zu seinen Informationen.

Der Autor "switcht" zwischen Geschichte und eigenen Recherchen

Stichwort Lesbarkeit: In seiner Darstellungsform "switcht" Hagedorn nicht selten abrupt: zwischen Geschichte und eigenen Recherchen. Der Musiker und Journalist hat sich auf Thüringen-Reise begeben. Zu den Originalschauplätzen, oder besser gesagt: dem, was heute daraus geworden ist. Oft genug, wie in Wechmar, stehen längst andere Gebäude dort, wo Hagedorns Geschichte(n) spielen. Selbst das Wirtshaus von 1767 ist bereits zu jung. Das Collage-Prinzip tut der Darstellungsform gut.

Nicht nur, dass es auflockert, es unterstreicht den Reportagecharakter und wartet mit manch erhellender Assoziation auf. Etwa wenn der Autor auf Analogien stößt zwischen der "fernen Realität" und der "virtuell erweiterten Welt" der Smartphone-Gegenwart, zwischen deren Gräueln und jenen des Dreißigjährigen Kriegs. "Ist unser Leben nicht ähnlich lebensgefährlich?", mailt Bach-Nachfahre Elmar von Kolson dem Autor. Solches unterstreicht die Gegenwart der Vergangenheit. Bloß wäre es hilfreich gewesen, diese Blöcke auch graphisch von jenen aus der Historie abzuheben.

Wertvolle Hinweise zu den erhaltenen Musikdokumenten

In summa lohnt die Lektüre von "Bachs Welt". Denn die Spurensuche im sozialhistorischen Umfeld lässt dieses unruhige Zeitalter nach Reformation und Gegenreformation dreidimensional erstehen. Sie gibt auch Erklärungen dafür, weshalb die Menschen in ihren religiösen Überzeugungen einen Halt fanden. Und warum der Musik eine so wichtige Bedeutung darin erwuchs. Dass die Begabungen auf diesem Gebiet innerhalb gleich mehrerer Zweige einer Familie über so viele Generationen hinweg so reich gesät waren, bleibt gleichwohl ein Wunder.

Hagedorn gibt wertvolle Hinweise und Erklärungen zu den erhaltenen Musikdokumenten und deren Gehalt. Besonders spannend ist das letzte Kapitel, das die Genese und die Odyssee des "altbachischen Archivs" erzählt – von Arnstadt über Berlin, Ullersdorf und Kiew schließlich zurück nach Berlin. Letzteres nur dank eines schmalen Fensters, das sich in der Geschichte der spannungsvollen deutsch-russischen Beziehungen nach der Wende öffnete.

Somit ist der Leser angekommen nach 400 Seiten langer Reise, auf der er gut daran tut, immer wieder auf die hintere Umschlagklappe des Buches zu schauen, um den Stammbaum der Bachs zu studieren. Um welchen Johann Christoph geht es jetzt gerade wieder? Ganz Neues über die Welt der Bachs wissen wir am Ende vielleicht nicht. Aber ein bisschen besser verstehen wir ihre Zeit. Vor allem aber, bei aller Konstruktion: Der Autor hat der Familie ihre Würde gelassen. Und unsere Bewunderung für sie weiter vergrößert.

Volker Hagedorn: Bachs Welt. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 416 Seiten, 24,95 Euro.

Autor: Alexander Dick