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05. November 2015

Veranstaltung

Basler "Sofalesung" will das Literatur in private Wohnräume und zu jungen Leuten bringen

Durch raschelndes Herbstlaub führt der Weg in ein ruhiges Wohnviertel in der Nähe des Basler Claraspitals. Vor einem ehemaligen Pfarrhaus in der Kleinriehenstraße weist das Schild „Sofalesung“ die Besucher darauf hin, dass sie an der richtigen Adresse gelandet sind.

  1. In lockerer Atmosphäre gestaltete die Basler Autorin Regula Wenger (rechts, mit Moderatorin Marion Regenscheit) die erste „Sofalesung“ dieser Saison in einer privaten WG in Basel. Foto: Roswitha Frey

Die Tür steht offen, durch den Flur geht es ins geräumige Wohn- und Esszimmer. Sechs Bewohner teilen sich dieses alte Haus. Die Wohngemeinschaft ist an diesem Abend Gastgeber der ersten Sofalesung des Literaturhauses Basel in der neuen Saison.

Literatur in private Häuser und Wohnräume zu bringen, ist das Anliegen dieses Formats, das seit einem Jahr sehr erfolgreich läuft. Meist sind es junge Autorinnen und Autoren, die in diesem persönlichen Ambiente lesen. An diesem Abend ist Regula Wenger aus Basel zu Gast, die in der WG ihren Debütroman "Leo war mein erster" vorstellt.

Es sind auffallend viele junge Zuhörer anzutreffen

Es herrscht eine ungezwungene, lässige, fast schon familiäre Atmosphäre. Gut 30 Zuhörer sitzen auf dem bequemen Sofa und den bunt zusammengewürfelten Stühlen und Sesseln. Kleine Hocker, ein Sitzkissen, alle verfügbaren Sitzgelegenheiten werden herbeigeschafft, damit alle Platz finden. Durch einen Türspalt zum Garten schlüpft eine graue Katze herein, die Autorin macht Fotos. Wer will, kann sich noch ein Glas Wein oder Wasser holen – es geht ganz leger zu. Projektleiterin Mariann Bühler vom Literaturhaus begrüßt die Leute mit einem "Hallo und herzlich willkommen" und erzählt, dass die Sofalesungen immer weitere Kreise ziehen, demnächst auch in Zürich und im Kanton Aargau anlaufen. Mit dieser unkonventionellen Art von Lesungen in Privathäusern will man jüngeres Publikum für literarische Stoffe begeistern. Was offensichtlich funktioniert, wie ein Blick in die Runde zeigt, in der auffallend viele junge Zuhörer anzutreffen sind.

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An einem roten Tisch sitzt Regula Wenger und gibt im Gespräch mit Moderatorin Marion Regenscheit Einblicke in ihr erstes Buch, dessen Titel mit falschen Erwartungen spielt. Eines wird gleich klar: Es ist kein 08/15-Buch und passt von daher ideal für eine so ungewöhnliche Sofalesung. Dabei ist das Thema, das die junge Journalistin und Schriftstellerin behandelt, ein düsteres: Es geht um den Tod. Hauptfigur des Romans ist Pia, eine junge Frau, die Wohnungen von Verstorbenen putzt und räumt. Wenn sie in die fremden Wohnungen kommt, begegnen ihr Dinge und Spuren der verstorbenen Menschen. Wohnungen sind oftmals ein Spiegelbild des Charakters des Bewohners und die übrig gebliebenen Gegenstände erzählen etwas über die Schicksale.

Regula Wenger liest ein paar Passagen, berührende und oft traurige Geschichten von einsamen Menschen, von kranken Menschen, von vergessenen Menschen. Leo, die Titelfigur, war ein einsamer Mann, in dessen Küche Pia noch abgelaufene Margarine wegwirft. Dann ist da Theresa, die an Brustkrebs gestorben ist. Überall in der Wohnung entdeckt Pia lange Haare und Nippes, die an die Tote erinnern. Basil, der an einer Hirnblutung starb, war ein leidenschaftlicher Sammler, und Geoffrey hielt sich Reptilien und Ratten in seiner Wohnung.

Alles ist sehr bildhaft beschrieben, hat etwas von Momentaufnahmen. Das Thema habe sie lange mit sich herumgetragen, erklärt Regula Wenger. Sie habe selbst schon die Erfahrung gemacht, wie es ist, in Wohnungen zu stehen und Existenzen auflösen zu müssen. "Es hat mich berührt, wie das Leben ein Ende nimmt", sagt die Autorin. In ihrem Buch gelingt ihr die heikle Gratwanderung zwischen Ernst und Humor, zwischen Melancholie und feiner Ironie. "Das ist alles nah beieinander, die Trauer und der Humor. Humor kann auch trösten, er hilft einem, das schwere Thema besser zu ertragen", sagt Regula Wenger, die auch eigene Erlebnisse und Erfahrungen in das Buch einfließen ließ. So habe sie der Fall eines Alkoholikers berührt, der sich buchstäblich aus dem Leben "gesoffen" hat. Die Polizei musste schließlich die Wohnung aufbrechen.

In fremde Wohnungen zu gehen und das persönliche Umfeld anderer Menschen zu sehen, das erlebt nicht nur die Romanfigur Pia. Auch die Besucher der Sofalesungen gehen in Häuser und Wohnungen fremder Leute: "Das ist für viele ein Anreiz, denn es macht neugierig zu sehen, wie andere Menschen leben", so Mariann Bühler. Die WG im alten Pfarrhaus macht es ihren Besuchern leicht. Die Gastgeber tragen kleine Schildchen, so dass man locker und ohne Scheu mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Und sie haben im Wohnzimmer sogar ein leckeres Büfett für die Gäste gerichtet.

Es gehöre schon Mut dazu, als privater Gastgeber die Türen für eine öffentliche Lesung aufzumachen, weiß Mariann Bühler. Sie ist immer auf der Suche nach aufgeschlossenen Literaturfreunden, die ihre eigenen Wohnräume, Ateliers, Häuser für Lesungen zur Verfügung stellen. Gerade für junge Autoren und Debütanten auf dem Literaturmarkt sind diese "Sofalesungen" ein tolles Podium, denn das Publikum zeigt sich experimentierfreudig und lässt sich gerne auf Neues, Unbekanntes ein. Die nächste Basler Sofalesung bestreitet am 6. Dezember der in Berlin lebende polnische Autor Matthias Nawrat. Ein passender Gastgeber in Basel wird noch gesucht.

Autor: Roswitha Frey