Ascona / Monte Verità

5. Eventi Letterari: Dem Paradies bleibt die Zukunft

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 11. April 2017

Literatur & Vorträge

In Ascona und auf dem Monte Verità fand zum fünften Mal das Festival Eventi Letterari statt.

Das Paradies ist näher gerückt. Von Freiburg bis zum Lago Maggiore braucht man mit dem (in der Schweiz stets pünktlichen) Zug jetzt nur noch vier Stunden. Der Gotthard-Basistunnel, mit 57 Kilometern der längste der Welt – wie eine freundliche Stimme kurz vor der Einfahrt in zwanzig Minuten Schwärze aufklärt – , spart Zeit und Landschaft. Und dann ist man plötzlich schon in Bellinzona und atmet die erste mediterrane Luft. Es ist wie eine Befreiung. Diese Befreiung müssen sie auch gespürt haben, die Anarchisten, Künstler, Lebensreformer und Hedonisten, als sie um die Wende zum 20. Jahrhundert jenen Hügel bei Ascona entdeckten, der seitdem Monte Verità heißt.

Der Berg der Wahrheit: Das klingt nicht eben bescheiden. Wahr ist, dass die Erhebung magnetisch aufgeladen ist: Hier treffen unterschiedliche tektonische Gesteinsschichten aufeinander. Den "Berg der Unruhe" nennt Marco Solari den Monte. Er muss es wissen. Der Tessiner, der im Vorstand großer Schweizer Unternehmen gearbeitet hat und seit 2000 Direktor des Filmfestivals von Locarno ist, hat da seine einschlägigen Erfahrungen. Auch ihn hat der Berg immer wieder in Unruhe versetzt. Seine Geschichte. Seine bis heute anhaltende Faszination.

Das von Solari ins Leben gerufene Literaturfestival "Eventi letterari Monte Verità Ascona" soll den Ort wiederbeleben. An seinen Geist der Utopie anknüpfen und damit das durch Touristen reich gewordene Tessin als Kulturlandschaft jenseits des Wettbewerbs um den Goldenen Löwen weiter sichtbar machen. Das ist nicht leicht – obwohl die Voraussetzungen nicht besser sein könnten. Welches Literaturfestival kann sich einer Landschaft wie der am Lago Maggiore erfreuen, wo die Wildheit der Alpen auf eine üppige südliche Vegetation trifft? Welches Literaturfestival kann sich auf einen magischen, kulturgeschichtlich aufgeladenen Ort wie den Monte Veritá beziehen? Welches Literaturfestival kann mit großen Namen aufwarten wie Orhan Pamuk oder Ian McEwan – in diesem Jahr waren die Literaturnobelpreisträgerin von 2015 Swetlana Alexijewitsch, der spanische Schriftsteller Alberto Manguel und der große Reisende Christoph Ransmayr zu Gast. Auch der künstlerische Leiter könnte nicht weltläufiger sein: Joachim Sartorius, ehemaliger Generalsekretär des Goethe-Instituts und Leiter der Berliner Festspiele, selbst ein bemerkenswerter Lyriker und Herausgeber zahlreicher Anthologien, brillierte mit eleganten Einführungen zu den Lesungen.

Und doch: Den Geist der Utopie wieder und wieder zu beschwören – alle bisherigen Festivalausgaben führten ihn im Titel: in diesem Jahr lautete er "I Luoghi dell’Utopia" ("Die Orte der Utopie") – , kann auf Dauer bemüht wirken. Ein Glücksfall allerdings war die Anwesenheit des Autors von "Atlas eines ängstlichen Mannes" und "Cox oder Der Lauf der Zeit". Der auch von Gestalt imposante Christoph Ransmayr bestritt nicht nur als suggestiver Erzähler, der seine Zuhörer auf zauberischen Wegen nach China entführte, die fabelhafte Eröffnungslesung. Sie fand nicht auf dem Monte Verità statt, der als Veranstaltungsort mit logistischen Problemen (keine Parkplätze, teure Mieten) zu kämpfen hat, sondern in einem schneeweißen Zelt direkt am See.

Die Utopie ist der

"Impuls unseres Handelns"

Ransmayr tauchte auch tags drauf in der Casa Anatta auf dem Berg der Wahrheit auf, wo Medienvertreter zur Vorabbesichtigung der legendären Ausstellung "Die Brüste der Wahrheit" von Harald Szeemann eingeladen waren. Der Schweizer Künstler und Ausstellungsmacher hatte in den 1970er-Jahren den Monte für sich neu entdeckt und mehr als 1000 Objekte zusammengetragen, um seine Geschichte zu dokumentieren. Das nach theosophischen Vorstellungen ohne rechte Winkel gebaute Haus, ehemals Domizil des Monte-Verità-Mäzens und Kunstsammlers Eduard von der Heydt, ist in den vergangenen zwei Jahren aufwendig restauriert worden und wird ab 22. Mai der Öffentlichkeit wieder zur Verfügung stehen. Die Casa Anatta ist das Herzstück des Ensembles und neuer Anziehungspunkt auf dem Monte Verità.

Das ist sicher. Auch wenn Ransmayr, der, kaum von den Journalisten entdeckt, wie ein Magnet oder – an diesem Ort gar nicht so fernliegend – gar Heilsbringer zum Zentrum der Gruppe wurde, seine Skepsis gegenüber jeder musealisierten Utopie äußerte: also auch gegenüber Szeemanns großartiger Installation, die von Raum zu Raum sich einem eigenen Thema widmet – von der Anarchie zum Ausdruckstanz, von Hermann Hesse, der Heilung von seiner Alkoholsucht suchte, zu flamboyanten Erscheinungen wie der Tänzerin Charlotte Bora. Und der Schriftsteller wiederholte, was er am vorausgegangenen Abend gesagt hatte: Die Utopie sei "Impuls unseres Handelns, der unsere Routen bestimmt": "Dem Paradies bleibt immer nur die Zukunft."

Dass politische Utopien in Terror umschlagen können, hat nicht nur Swetlana Alexijewitsch erfahren. In einem zähen Gespräch, bei dem offenbar die Simultandolmetscherin an ihre Grenze geriet, gelang es dem Literaturkritiker Andreas Breitenstein nicht, das auf zahllosen Interviews basierende Werk der Literaturnobelpreisträgerin dem Publikum nahezubringen. "Wir gehen in die Vergangenheit zurück", befand die selbsternannte "Historikerin der Gefühle". Es wäre vielleicht interessant gewesen, sie mit den jüngeren Autoren Ales Steger ("Logbuch der Gegenwart") und Olga Grjasnowa ("Gott ist nicht schüchtern") zusammenzubringen; der eine schreibt über Transitzonen der Gegenwart, die andere nimmt in ihrem jüngsten Roman den syrischen Krieg in den Blick.

Und Alberto Manguel, mit seiner "Geschichte des Lesens" ein Experte für die Reisen im Kopf? Sein kluger Vortrag widmete sich der Kartografie der Imagination: "Unsere imaginäre Geografie ist unendlich ausgedehnter als die der materiellen Welt." Womit der Bogen geschlagen war zu Ransmayrs Unterscheidung zwischen dem Faktischen und dem Möglichen der Wirklichkeit. Der wahre Ort der Utopie ist die Phantasie.