Literatur

Diese Biografie über Hermann Kesten war überfällig

Manfred Hammes

Von Manfred Hammes

Sa, 21. Oktober 2017 um 00:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Kestens Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Neben Thomas Mann gehört er zu den meistgelesenen deutschen Autoren in den USA. Nun ist eine empfehlenswerte Biografie erschienen.

Wenn jemand sagen wir Ende der 1920er Jahre in eine Buchhandlung ging und nach einem Werk von Erich Kästner fragte, kam es meist zur Gegenfrage: "Sie meinen doch sicher Hermann Kesten." Bis 1933 war Kesten in Deutschland nicht nur als Autor, sondern vor allem als Programmleiter des Berliner Kiepenheuer Verlages eine der meinungsbildenden Persönlichkeiten der Literaturszene: Heinrich Mann, Anna Seghers und Bert Brecht gehörten zu den von ihm geförderten Autoren. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führte, entwickelte er sich zur zentralen Figur der Exilliteratur. Neben seiner Tätigkeit als Lektor veröffentlichte er zahlreiche Artikel in der Weltbühne, der Frankfurter Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Als "Literator" bezeichnete ihn ob seiner Lektorenmacht und seiner vielen Verbindungen im Kulturbetrieb später Marcel Reich-Ranicki.

Vor allem aber organisierte Kesten über ein US-Hilfskomitee, das auch von Thomas Mann und Stefan Zweig unterstützt wurde, die Flucht vieler Autoren, beschaffte Visa, Geld und finanzierte manchmal auch gefälschte Papiere. 1974 erinnerte er sich: "Ich besitze Hunderte Briefe berühmter europäischer Maler, Musiker, Professoren, Philosophen, Bildhauer und Autoren, die in ganz Amerika keinen andern wussten, der ihnen helfen konnte, ihr Leben zu retten, als mich." Ein solcher Satz war keine überzogene Eitelkeit, denn zu den von ihm geretteten Personen gehörten etwa Lion Feuchtwanger, Marc Chagall, Alfred Döblin und Franz Werfel.

Als hätte er seine spätere Rolle vorausgeahnt: In seinem Abituraufsatz aus dem Jahr 1919 beschäftigte sich Kesten bereits mit der Frage "Wie kann der Dichter seinem Volke in Zeiten der Drangsal und Erniedrigung nützen?" Schon gut zehn Jahre später war Kestens Einfluss derartig, dass Bert Brecht mit ihm allen Ernstes die Vereinbarung treffen wollte, "wechselseitig nur noch Lobendes übereinander zu sagen".

Heute kann mit den Namen Hermann Kesten fast niemand mehr etwas anfangen. Da sollte die im kleinen Schweizer Nimbus-Verlag erschienene – und, kaum glaublich, erste (!) – Kesten-Biographie helfen, das zu ändern. Zwanzig Jahre hat deren Autor, der promovierte Germanist und Philosoph Albert M. Debrunner, in Archiven geforscht, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und so zahlreiche bisher nicht bekannte Dokumente, Briefe und Familienfotos ans Licht geholt.

Nicht so ganz einfach ist das gewesen, über einen Menschen zu schreiben, wenn 1933 zahlreiche Quellen von den Nationalsozialisten vernichtet wurden, bei Fluchten und Umzügen verloren gingen oder sogar von seiner Frau aus Angst vor den US-Geheimdiensten vorsorglich verbrannt wurden. 1940 musste Kesten seine Unterlagen in einem Pariser Hotel und im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange zurück lassen. Ende der 1960er Jahre wurden Briefe und Manuskripte aus dem New Yorker Leo Baeck Institut, das sich mit der Erforschung und Dokumentation des deutschsprachigen Judentums beschäftigt, gestohlen.

In der Biographie Debrunners steht Hermann Kesten, der Beichtvater und Verleger, der gutes und schlechtes Gewissen sowie Geld- und Ratgeber "seiner" Autoren war, über dem Schriftsteller Kesten. Geldsorgen, Depression, Hunger, Langeweile und Angst waren die täglichen Begleiter vieler der von ihm betreuten und oft mit ihm befreundeten Schriftsteller, aber er konnte nicht immer helfen. "Wir verloren unser Volk und unsere Leser, unsere Verlage, Zeitungen, Theater, Wohnungen, Bankkonten, Pässe, Papiere, unsere Manuskripte oder Freunde, unsere Identität und viele von uns ihr Leben." Trotzdem gab es auch glückliche Wochen und Monate. 1934, im ersten Jahr seines Exils, bewohnte Kesten in Nizza gemeinsam mit Joseph Roth und Heinrich Mann ein Haus an der Ecke Petite Rue de la Californie und der Promenade des Anglais. Ein wahrhaft produktives Haus: Während Kesten im ersten Stock an "Ferdinand und Isabella" arbeitete, schrieb Roth im zweiten an "Die hundert Tage" und Mann im dritten an "Henri Quatre"; drei sehr unterschiedlich angelegte historische Romane entstanden von Etage zu Etage.

Da passten die drei sehr unterschiedlichen Frauen, mit denen sie hier lebten. Manns Freundin Nelly Kroeger, "blond, üppig und weinselig", erzählte grotesk-gewagte und "manchmal schon zu deutliche Geschichten aus ihrer Mädchenzeit am Kurfürstendamm, berlinerisch ausgezogene, sozusagen splitternackte Geschichten, die mehr nach rotem Wein schmeckten als nach Nachtigallenzungen". Kestens Mutter, die zweite Frau im Dichterhaus, moralisierte und zitierte die deutschen Klassiker und wenn Roths Freundin Andrea Manga Bell, regelmäßig mit leichter Verspätung ins Eckrestaurant kam, war dies jedes Mal ein perfekt inszenierter Auftritt. "Die Frau eines afrikanischen Königs war die Tochter eines Kubaners und einer blonden Hamburgerin", wie sich Kesten in "Meine Freunde die Poeten" erinnerte.

Für Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Friedrich Torberg oder Hans Magnus Enzensberger gehörte er zu den großen Romanciers des 20. Jahrhunderts. Rund zwanzig Romane und Biographien hat Kesten geschrieben und wurde mit seinem Erstling "Josef sucht die Freiheit" zu einem Hauptvertreter einer ganzen Literaturgattung, der "Neuen Sachlichkeit". Zu den Festrednern an seinem 90. Geburtstag gehörten Walter Jens, Willy Brandt, Carl Améry und Marcel Reich-Ranicki. Von den Büchern, die Hermann Kesten geschrieben hat, war lange Zeit kein einziges lieferbar; seit 2014 immerhin wieder die "Dichter im Café".

Zu den Festrednern beim 90. gehörte Willy Brandt

Kestens Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Neben Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gehört er zu dem meistgelesenen deutschen Autoren in den USA. In der jungen Bundesrepublik belebte Kesten, unter anderem als Präsident des Deutschen PEN – nach Heinrich Böll und vor Walter Jens – , nicht nur die kulturpolitische Debatte.

Albert M. Debrunner schreibt seine wissenschaftlich abgesicherte Forschungsarbeit so journalistisch leicht, dass die Lektüre Spaß macht. Er macht kein Hehl aus der Tatsache, dass er ein großer Fan von Kesten ist, der mit 96 Jahren in Debrunners Heimatstadt Basel starb. Aber so ging und geht es fast allen, die in Hermann Kestens Umlaufbahn gezogen worden sind. Und Kesten heute? Als ich kürzlich in einer Buchhandlung nach einem Werk von Kesten fragte, wurde mir zu "Emil und die Detektive" geraten, ersatzweise zu "Das doppelte Lottchen".

Albert M. Debrunner: Zu Hause im 20. Jahrhundert: Hermann Kesten. Nimbus Verlag, Wädenswil 2017. 448 Seiten, 36 Euro.