Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. Oktober 2015

Der Kampf um den "Lebensraum"

SACHBUCH: "Black Earth" von Timothy Snyder zieht eine Linie vom Holocaust zu den politischen Folgen des Klimawandels.

  1. Der Eroberer trifft ein: Adolf Hitler landet nach dem Überfall auf Polen im September 1939 in Warschau. Foto: dpa/C.H. Beck Verlag

  2. Timothy Snyder Foto: Verlag C. H. Beck

"Die Natur kennt keine politischen Grenzen. Sie setzt die Lebewesen zunächst auf diesen Erdball und sieht dem freien Spiel der Kräfte zu." So steht es in Adolf Hitlers "Mein Kampf", und Timothy Snyder zitiert es gleich zu Beginn. Hitler als ökologischer Denker – das setzt den anfänglichen Ton für "Black Earth", das neue Buch des US-Historikers aus Yale.

Es ist eine Fortsetzung seines preisgekrönten Werks "Bloodlands", in dem er die Massenmorde beschrieb, die in den 1930er und -40er Jahren erst von Sowjetrussland und dann von Hitlerdeutschland in den "Blutländern" – von den baltischen Staaten über Polen, Weißrussland und die Ukraine bis nach Westrussland – begangen wurden. In "Black Earth" will Snyder nun erklären, warum hier der Holocaust seinen Ort fand, der mit Massenerschießungen in Lettland und Litauen, in der Ukraine und in Weißrussland begann, sich mit der Ghettoisierung der Juden in Polen und anderen Ländern fortsetzte und sein höllisches Ende in den Vernichtungslagern von Belzec, Sobibór, Treblinka und Auschwitz fand.

Snyder berichtet mit eindringlicher Sprache und vielen szenischen Schilderungen, wie die Deutschen ihren Vernichtungsfeldzug führten. "Doppelte Besetzung" lautet einer seiner Schlüsselbegriffe: Die baltischen Länder, Ostpolen, die Ukraine waren alle 1939 nach dem Pakt zwischen Nazi-Deutschland und Sowjetrussland von Stalin besetzt worden. Ihre Führungsschichten wurden liquidiert. Als die Deutschen 1941 diese Länder ihrerseits besetzten, war der Staat dort bereits zerstört.

Werbung


Was fatale Folgen für die Juden hatte. Wer noch einem funktionierenden Staat angehört, so Snyder, ist in gewisser Weise geschützt. Anders als etwa in Frankreich, wo der Vasallenstaat von Vichy seine Strukturen hatte, wurden die Juden (und andere Opfer) etwa in den Niederlanden, deren Königin und Regierung ins Exil gegangen waren, oder eben in Polen in die Gesetzlosigkeit gestoßen und hatten wesentlich weniger Chancen zu überleben. Die "Staatszerstörung" war es, die den deutschen Besatzern freies Schalten und Walten ermöglichte. Und ihren einheimischen Helfern, die sie reihenweise rekrutierten. Oft waren es Männer, die schon mit den Russen kollaboriert hatten. Sie wollten ihre Vergangenheit vergessen machen.

Snyder nennt dies eine "politische Ressource", welche die Sowjets den Deutschen hinterlassen hätten. Solches ökologisches Vokabular wendet er öfter an: "Für die Deutschen waren die Ghettos Rückhaltebecken, in denen man die Juden konzentrierte, bevor man sie an irgendeinen Ort deportierte, wo die ‚Natur’ dann ihren Lauf nehmen würde."

Snyders Buch ist eine Analyse der Prozesse, die zum Holocaust führten. Sie leuchtet ein, wenn sie auch andere Aspekte in den Hintergrund drängt. Einige Seiten muss Snyder aufwenden, um die Bedeutung des lokalen Antisemitismus in Polen oder der Ukraine zu bestreiten, den andere betonen. Einen wesentlichen Strang der Ursachenforschung dürfte er aber herauspräpariert haben.

Doch es gibt eine zweite Ebene in seinem Buch, eben die Perspektive auf Hitler als ökologischen Denker. Der Begriff des "Lebensraums" ist hier zentral. Hitlers Krieg war kein Krieg eines expansionistischen Staates, sondern der Krieg einer starken Rasse gegen die Schwachen. Allerdings steckt in dem Begriff auch etwas viel Banaleres: der "Lebensraum" als der häusliche Raum der Menschen, der Kampf nicht ums Überleben, sondern um den Wohlstand. So entdeckt Snyder hinter Hitler ein anderes Schreckbild: "(...) seine eigene, kaum verhüllte Angst war eine sehr menschliche, vielleicht sogar eine sehr männliche: die vor der deutschen Hausfrau. Sie war es, die die Latte des natürlichen Kampfes immer höher legte."

Weiter analysiert Snyder diese These nicht, so wie Hitler als Person bei ihm nicht thematisiert wird. Und so weiß man nicht, ob man es ernst nehmen soll. Doch, ins Größere gewendet, ist das Argument überzeugend: In Hitlers Denken verbinden sich die Verschwörungstheorie vom jüdischen Bolschewismus, die Antisemitismus und Antikommunismus bündelt, mit, so Snyder, einer "ökologischen Panik", die Sozialdarwinismus und den Wettlauf um Ressourcen bündelt.

Hitler hatte Angst vor

der deutschen Hausfrau
Auf dieser Ebene nun kommt Snyder zu seinem Schluss, der auch den Untertitel der deutschen Ausgabe seines Buches rechtfertigt: "Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann" (im Englischen hieß er weniger dramatisch: "The Holocaust as History and Warning"). Womit Hitler seinen Krieg rechtfertigte, das ist ein Denkmuster, das reaktivierbar ist, gerade im Zeichen des heutigen Klimawandels: "Unser Planet verändert sich auf eine Weise, die Hitlers Auffassungen von Leben, Raum und Zeit plausibler machen könnten", schreibt Snyder.

Investiert nicht China mit seinem riesigen Nahrungsmittelbedarf bereits massiv in Afrika als Ressourcenquelle und könnte die chinesische KP nicht auf die Idee kommen, dort auch militärisch "Lebensraum" zu erobern? Haben nicht Putin und seine Eliten einen neuen Kolonialismus entwickelt und betrachten "die benachbarten Ukrainer entweder als gar nicht existent oder präsentieren sie als Sub-Russen" wie Hitler die Polen und Ukrainer als minderwertige Slawen? Und präsentiert nicht die "neue russische Ideologie von einer ‚Gaylobby’" die Homosexuellen als globalen Sündenbock wie die NS-Ideologie die Juden? Es ist ein bestürzendes, dunkles Bild, das Snyder, noch mit anderen Ländern im Hintergrund, malt. Der Holocaust ist für ihn längst nicht Geschichte.

Timothy Snyder: Black Earth – Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. Aus dem Englischen von Ulla Höber, Karl Heinz Siber und Andreas Wirthenson. C. H. Beck, München 2015. 488 S., 29,95 Euro.

Autor: Thomas Steiner