"Der Krimi hat sich tot gesiegt"

joey

Von joey

Mo, 04. Dezember 2017

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEW: Übersetzer und Buchhändler Ralf Schekulin.

Robert Schekulin verbrachte ein halbes Jahrhundert in Freiburg, davon 15 Jahre als Buchhändler in den Bereichen Phantastik und Kriminalliteratur. Seit 2011 verkauft er Krimis in Berlin für die Buchhandlung Hammett. Als Lektor arbeitet der Wahlberliner für die Verlage Polar, Pendragon, Golkonda und Pulp Master, nun hat er seinen ersten Kriminalroman ins Deutsche übertragen. Joachim Schneider sprach mit ihm übers Übersetzen und die Krise des Buchhandels.

BZ: Herr Schekulin, Ihre erste lange Übersetzung war gleich ein derbes, ordinäres, satirisches Machwerk: "Krasse Killer", der neunte Band aus Joe R. Lansdales Hap & Leonard-Reihe. Wie krass war das zu übersetzen?
Schekulin: Gar nicht krass. Lansdale ist lässig, ein Geschichtenerzähler und ein Meister des witzigen Dialogs. Das flutscht, wenn man in dem Sound mal drin ist. Er überschreitet nie die Grenzen zum wirklich Obszönen oder zynisch Brutalen. Seine Figuren nehmen halt kein Blatt vor den Mund, sagen ständig "fuck" und "shit" und "goddamn", und es wird auch mal dezent über Sex oder über Fürze geredet. Das dann irgendwie sinnvoll in ein glaubwürdiges UmgangssprachenDeutsch zu bringen, ist eine Freude.
BZ: Wie kriegt man das so flüssig hin?
Schekulin: Keine Ahnung. Andere können halt singen, ich kann nur flüssig schreiben. Aber selber keine Krimis, keine Prosa, um Gottes willen. Nur übersetzen oder andere Übersetzer lektorieren, das liegt mir. Ein starkes Lektorat ist wichtig, selbst bei den besten Übersetzern. Man kann sich selber nicht lektorieren.
BZ: Für die Wiederveröffentlichung von James Lee Burkes Dave-Robichaux-Reihe sind Sie der Lektor. Geht Ihnen der sehr kraftvolle Stil noch nicht auf die Nerven?
Schekulin: Nein, keineswegs. Überraschend für mich: Die Serie ist auch nach über 20 Jahren noch frisch, noch lesbar. Ein Klassiker. Diese alten Louisiana-Krimis um diesen gebrochenen Typen, einen alkoholsüchtigen Vietnamveteranen, der ständig mit sich selbst hadert, die leben auch von den starken Nebenfiguren. Und von der Atmosphäre des Landes. Man sieht, riecht, schmeckt das alles beim Lesen und schwitzt in dieser subtropischen Schwüle.
BZ: Burkes Figuren sind immer sehr prägnant, wie kann man dem sprachlich beikommen?
Schekulin: Die Übersetzung muss versuchen, die verschiedenen Umgangssprachen von Schwarzen, Cajuns oder Rednecks einigermaßen rüber zu bringen. Das sind schöne Herausforderungen für den deutschen Text, genau das reizt mich als Lektor. Und im sechsten Krimi "In the electric mist" – übrigens kongenial verfilmt – kommt noch die Spukgestalt eines Südstaatengenerals dazu. Wunderbar.
BZ: Sie stehen als Buchhändler auch an der Verkaufsfront. Was sagen Sie zur Krimiliteratur im Allgemeinen, tatsächlich ein Boom?
Schekulin: Boom und Krise zugleich. Der Krimi hat sich tot gesiegt. Gucken Sie in die Bestsellerlisten. Eine unglaubliche, überflüssige und mittlerweile auch marktschädliche Überproduktion von Mittelmaß und Mist. Die Perlen gehen dabei unter, in kleinen Verlagen wie auch im Wust der Großverlagsprogramme. Positiv gesehen: Die Kriminalliteratur ist ein überreiches Buffet geworden, bei dem man nicht mal mehr alle interessanten Sachen probieren kann. Und wenn man bedenkt, was alles aus der Welt gar nicht übersetzt wird, dann schwirrt einem der Kopf!
BZ: Was tut der Buchhändler am Buffet?
Schekulin: Als Krimibuchhändler gehen wir mittlerweile immer gnadenloser ans Aussortieren und Weglassen, aus Platz- und Geldmangel – und um im Laden ein Gefühl von Profil und von Qualität zu haben. Die schöne Qual der Wahl – wie der Leser.
BZ: In Berlin gibt es drei Krimibuchhandlungen, nun lesen Schriftsteller wie Oliver Bottini für den Erhalt der Läden. Steht es so schlimm um den Buchhandel?
Schekulin: Ja. Seit ein bis zwei Jahren rechnet es sich immer weniger. Selbstausbeutung war’s schon immer, doch irgendwann ist eben Ende Gelände. In Freiburg mussten wir – das UFO und die Buchhandlung am Schwarzen Kloster – schon vor Jahren aufgeben. Nun kriselt es auch in der Hauptstadt, in den Verlagen knirscht es. Mit der Aktion "Das Buch wird laut" wollen wir den Leuten klarmachen, was eigentlich immer schon gilt: Support your local dealer, sonst isser morgen weg. Überlegt euch, wo ihr euer Geld ausgebt.
BZ: Welche Bücher würden Sie verschenken?
Schekulin: Es gibt zwei starke Anthologien: "Paris Noir" und "Nighthawks" mit Storys nach Edward-Hopper-Gemälden. Berliner Spukgeschichten erzählt Rudolph Herzog in "Truggestalten". Um den Kopf mal fröhlich durchzupusten, empfehle ich Uta-Maria Heims "Toskanische Beichte" und von Lansdale den Bildungsroman "Ein feiner dunkler Riss" und den Meta-Western "Deadwood Dick".