Der Weg ist das Ziel

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 06. Februar 2016

Literatur & Vorträge

"Musik mit Leib und Seele": Claudia Spahns und Bernhard Richters Essays über eine menschliche Kunst.

Wenn jemand mit Leib und Seele bei der Sache ist, heißt das nichts anderes, als dass Körper und Geist in eine Balance gebracht werden. Das ist auch der Ausgangspunkt der Betrachtungen Claudia Spahns und Bernhard Richters über die vielleicht wundersamste menschliche Kunstleistung – jener, Töne in komplexer Beziehung zueinander zu erzeugen und ordnen: der Musik.

"Musik mit Leib und Seele. Was wir mit Musik machen und sie mit uns": Der Titel des Essaybandes deutet schon an, dass sich hier ein weites Feld auftut, eines, das ganz grundsätzliche Fragen berührt. Das ist womöglich der einzige Kritikpunkt, dem man den beiden Autoren entgegenhalten könnte – nämlich dass sie den Leser schier überrennen auf diesem Feld der Erkenntnisse und Erwägungen zur und über Musik, und dass infolgedessen der Weg eher das Ziel der Betrachtungen ist. Andererseits: Die Materie selbst, nämlich die so unerschöpfliche und letztlich auch in ihrem Wesen unergründliche Musik bringt es mit sich, dass nicht zuvörderst Stringenz das Wesen der Methodik bestimmt, sondern vor allem Opulenz – Phantasie, Freiheit im Denken.

"Unser Anliegen hinter allem ist: Kultur!", begründen die beiden Autoren schon im Vorwort ihre Intention. Womit Spahn und Richter, die im Hauptberuf beide gemeinsam das Freiburger Forschungsinstitut für Musikermedizin leiten, bereits klar stellen: Es geht ihnen um Variationen über ein Thema, von dessen Lebensnotwendigkeit die beiden Autoren überzeugt sind. Dass Singen und Musizieren kein Luxus ist, sondern dass die "humane Kunst" Musik zum Wesen des Menschlichen gehört, umreißen sie in einem ersten Kapitel, das von der Antike bis hinein in die Erkenntniswelt der modernen Psychosomatik führt.

"Universelle Sprache" mit "universeller Wirkung" – das ist die Musik, und genau dafür dienen den Autoren, beide selbst auch Musiker, ganz disparate, heterogene Themenkomplexe als Zeugen. Wenig überrascht ist man, wenn da in einer Abhandlung Mozarts Mysterium "Zauberflöte" mit Blick auf deren Interpretations- und Rezeptionsgeschichte verhandelt und als zentrale Botschaft die Kraft der Musik herausgearbeitet wird ("Musik hilft dem Menschen, seine Aufgaben im Leben zu meistern"). Aber direkt davor – das Kinderhörspiel "Der Sängerkrieg der Heidehasen" von James Krüss? Genau das ist Teil der Strategie des Buches, Musik losgelöst aus dem Kontext von Hochkultur und Spartendenken zu betrachten. Wenn es darum geht, was Singen, was die Stimme auszulösen vermag, ziehen die Autoren Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen heran. "Göttliche Stimmen" – gibt es in der Oper offenbar ebenso wie im Pop. Wobei, das deutet das Buch nur an, die Göttlichkeit durch den Betrachter/Zuhörer definiert wird.

"Musik mit Leib und Seele" ist keine wissenschaftliche Abhandlung, auch wenn viele Quellen herangezogen werden. Es ist ein unterhaltsames Lesebuch über die Musik als ewigen Begleiter des Menschen. Vor allem jedoch – eine Liebeserklärung an eine immer wieder neue zu erhörende Kunst.

Claudia Spahn/Bernhard Richter: "Musik mit Leib und Seele. Was wir mit Musik machen und sie mit uns." Schattauer Verlag, Stuttgart 2016. 232 Seiten, 19,99 Euro