Die Heimat in unruhigen Zeiten

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 10. April 2017

Literatur & Vorträge

Die Lesungen der Schopfheimer Mundartliteraturwerkstatt.

Die Frage ist schwierig und spannend zugleich: Was ist Heimat? Was bedeutet "Daheimsein" in einer Zeit, in der so viele Menschen auf der Flucht sind? Mit dem Heimatbegriff in unruhigen Zeiten setzten sich fünf Autorinnen und Autoren aus vier Ländern bei der Internationalen Schopfheimer Mundart-Literaturwerkstatt auseinander. Bei Lesungen im Theater am Mühlenrain in Weil am Rhein und in St. Agathe in Schopfheim stellten die Dichterinnen und Dichter eine Auswahl ihrer Lyrik und Prosa vor.

Wo fängt Heimat an, wo hört sie auf? Dieses Thema gebe viel Stoff zum Diskutieren, Fragen, Nachdenken, fand Moderator Volker Habermaier, Schwabe und seit 20 Jahren im Wiesental zu Hause. Er fragte sich, was das Schwäbische ausmache, die Sprache, die Kultur, das Essen, das Trinken, der Trollinger, Linsen mit Spätzle? In einer schwäbischen Weinstube hat er junge Leute mit türkischen, afrikanischen und kasachischen Wurzeln miteinander "schwätzen" hören, einen sogar im schwäbischen Dialekt – wo nun seien diese jungen Leute "daheim"?

Für einen multikulturellen Ansatz steht der junge alemannische Liedermacher Marco Pereira, der im Schwarzwald geboren ist und aus einer portugiesischen Familie stammt. Zur Gitarre sang er das lyrische Lied von Tante Ana, der die Herzlichkeit aus den Augen spricht, von schwarzen Oliven, selbst gebackenem Brot, einem verfallenen Schuppen. Ein anderes Gefühl von Zuhausesein besingt Pereira in dem selbstironischen Lied "Leben und Kleben lassen" über die Männer-WG. Wie die Kulturen und Mentalitäten aufeinanderprallen, besingt Pereira in "mundartlichem Kauderwelsch" in seinem badisch-türkisch-portugiesischen Fußballlied.

Eine nachdenkliche Stimme der jungen Mundartszene ist Angelika Polak-Pollhammer aus Tirol. Die Pädagogin las aus ihrer Anthologie neue Tiroler Mundartgedichte, knappe, auf den Punkt gebrachte Gedankensplitter. Darin sinniert sie über "Dahoam", über das Eingeschnürtsein in das Trachtenmieder, über "s’Madl", das Mutter und Großmutter wird, über den langmähnigen Freund ihrer Buben. Die engagierte Autorin trug auch Texte zum bewegenden Thema Flucht vor. Ihr eindringlicher Werkstatttext "Zruck annen Absender" dreht sich um den Umgang mit Flüchtlingen und deren Angst, wieder zurückgeschickt zu werden – so wie ein Brief, der zurück an den Absender geht.

Als "kraftvolle Stimme" aus dem Nachbarland kündigte Habermaier die junge elsässische Autorin Barbara Stern an, die mit "großer Sprachgewalt" und metaphorischer Bildhaftigkeit mit der elsässischen Mundart umgeht. Stern beeindruckte mit Texten über die Nachkriegsgeneration ihrer Großeltern, die nicht über die Traumata reden wollte. Betroffen machte Sterns melancholische Geschichte von einer alten Dame im Altersheim, deren Zimmer zu eng ist für die Träume, die Erinnerungen, das Heimweh. Expressiv klingt ihr Werkstatttext über das Läuten der Glocken im Dorf. Was Stern bewegt, ist das drohende Verschwinden des elsässischen Dialekts, die Einsamkeit alter Menschen, die eine Metapher ist für das Elsass, das die Identität verliert.

Eine humorvoll-satirische und sprachspielerische Note brachte der Schweizer Hans Jürg Zingg in die Lesungen. Der in Berner Dialekt dichtende Lyriker, Slam-Poet und Kabarettist arbeitet mit Sprachwitz, Sprachklang, Rhythmus und macht aus seiner Lesung eine kleine Performance im Spoken Word-Stil. Aus seinem "Wörtersack" holt er Doppeldeutiges und Hintersinniges: Wörter seien "widerspenstige Viecher", die es mit Geschick zu dressieren gelte. Auch über Pensionäre, den Unruhestand, das Abstellgleis und das letzte "Zügeln" macht sich der Sprachkünstler Gedanken. Als Werkstatttext trug Zingg Auszüge aus einem in Arbeit befindlichen Roman vor, der in der vermeintlich heilen Welt einer Kleinstadt der 50er Jahre spielt.

Sprachlich hochkonzentrierte Mundartlyrik und glossierte Geschichten aus dem Schulalltag brachte Werkstattorganisator Markus Manfred Jung ein. Zeitkritisch und aktuell sind seine Reflexionen über die unruhige Welt, in der wir leben, die "German Angst", die Mitmenschen, die Flüchtlingen helfen, und den Umgang mit den Fremden. Was Heimat bedeutet, klingt in Jungs autobiografischem Werkstatttext an. Darin erzählt er vom kleinen Kind und der Mutter, die ein Pflegefall wird, von Honigmilch und Brotbrocken. Heimat, das sind für Jung vor allem die Menschen, die Familie.