Sachbücher

Die Novemberrevolution 1918 – gelungen oder gescheitert?

Johannes Klotz

Von Johannes Klotz

Di, 30. Januar 2018 um 20:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Die Historiker Mark Jones, Joachim Käppner und Wolfgang Niess widmen sich der Novemberrevolution 1918 – und kommen zu unterschiedlichen Bewertungen.

War die erste Demokratie auf deutschem Boden, die Weimarer Republik, die 1918 aus dem Aufstand von Soldaten und Arbeitern hervorging, auf Gewalt gebaut? Das Wissen der Deutschen über ihre jüngere Vergangenheit sei Teil einer größeren Verdrängungsleistung, behauptet Mark Jones mit Blick auf die Novemberrevolution. Der junge irische Historiker schildert kenntnisreich die staatlichen Gewaltexzesse unter der Regierung der Volksbeauftragten von Mehrheitssozialdemokraten und USPD (diese Sozialdemokraten spalteten sich 1917 von der SPD ab, weil sie eine Weiterführung des Krieges ablehnten). Im Bündnis mit dem Militär legten sie, so Jones, das "blutige Fundament der ersten deutschen Republik".

Nur wenige wissen heute, meint der Historiker, dass die Revolution friedlich begann und der Waffenstillstand vom 11. November den Revolutionären zu verdanken war, bevor am 6. Dezember 1918 die Regierung Friedrich Eberts (er war die maßgebliche Person im Rat der Volksbeauftragten) als Testlauf für den Einsatz kriegsmäßiger militärischer Gewalt mit Maschinengewehren auf Demonstranten schießen ließ. An Weihnachten befahl sie einen Sturmangriff mit Artillerie auf Stadtschloss und Marstall in Berlin, wo aufständische Matrosen stationiert waren – es gab viele Tote und Verletzte. Die "Auswüchse mörderischer Gewalt, die die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert prägten, nahmen ihren Anfang nicht erst 1933, 1939 oder 1941", schreibt Jones, sondern "schon in der Gründungsphase der Weimarer Republik".

Eine Chance, die nicht genutzt wurde

Der Titel von Jones’ Buch – "Am Anfang war Gewalt" – lässt vermuten, die Novemberrevolution sei von Beginn an gewalttätig gewesen. Wie er selbst schreibt, war das aber nicht der Fall. Auch die Untertitel von Joachim Käppners Buch "1918 – Aufstand für die Freiheit – Die Revolution der Besonnenen" und von Wolfgang Niess’ "Die Revolution von 1918/19 – Der wahre Beginn unserer Demokratie" sind unglücklich gewählt. Käppner und Niess sind beide promovierte Historiker und Journalisten, Niess als leitender Redakteur beim SWR, Käppner als Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Käppner sieht in der "Revolution der Arbeiter und Soldaten" eine historische Chance für ein demokratisches Deutschland, "die nicht genutzt wurde". Ihr Vorbild sei nicht die russische Oktoberrevolution 1917 gewesen. Wahr ist, dass beide Revolutionen den Frieden anstrebten; man wollte mit dem grausamen Weltkrieg Schluss machen. Während im agrarisch geprägten Russland aber die Bauern hofften, sie würden vom zaristischen Joch befreit und Land erhalten, waren die Ziele der deutschen Revolutionäre nicht so klar. Hier ging es eher um die Zerschlagung des alten Machtapparates und die Befreiung von Zwang, Unterdrückung und Ausbeutung – als Voraussetzung für individuelle Grundrechte.

Käppner sieht auch, dass "die von der SPD geführte Übergangsregierung, der Rat der Volksbeauftragten, mit der alten Heeresführung ein Bündnis schloss statt sie umgehend abzusetzen" (allerdings ist er ungenau, da der Rat der Volksbeauftragten zunächst aus jeweils drei MSPD- und USPD-Vertretern bestand). Die MSPD habe ihre früheren Todfeinde aus dem Militär gegen die Revolutionäre mobilisiert, wodurch ein bleibender Schaden für die junge Demokratie entstanden sei. Und: Es habe für die MSPD eine andere Wahl gegeben, als sich gegen die linksradikalen und für die reaktionären Kräfte zu entscheiden. Die Chance, die "alten Eliten zu entmachten, nutzte sie nur halbherzig – kein Verrat, wie man ihr später vorwarf, aber eine epochale Fehleinschätzung".

Der Autor sieht in der Revolution einen Meilenstein in der Geschichte der deutschen Freiheitsbewegung – trotz ihres Scheiterns. Dass die Sozialdemokraten, die die kaiserliche Kriegspolitik bis zum bitteren Ende mitgetragen hatten, nicht ihre Mitschuld eingestehen wollten und die Volksbeauftragten der USPD deren Spiel nicht durchschauten, gewichtet er nicht ausreichend.

Handelte es sich also um eine "Revolution der Besonnenen"? Wenn man Jones folgt, war es eine Niederlage der Demokratie, weil nicht alle Machtstrukturen demokratisiert, entmilitarisiert und die Kriegsverantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Ja, es gab eine Wahl. Das wäre für heute zu lernen. Aber vom Vaterlandsgedanken waren eben viele, auch Sozialdemokraten befallen. Offenbar zur Selbstkritik trotz des Desasters nicht willens, malten sie zur Begründung ihrer weiteren Daseinsberechtigung die große Angst vor dem Bolschewismus an die Wand. Und links von der MSPD – besonders nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – waren die Parteien und Gruppen zerstritten. Es gab für die Phase der Machtübernahme keine Einigkeit darüber, was zu geschehen hätte – eine weitere Schwäche der Revolutionäre.

Kann man von einer "gelungenen Revolution" sprechen, wie Niess es tut? Das ist nach der Lektüre der Bücher von Jones und Käppner zu bezweifeln. Sicher gab es "Errungenschaften" wie die demokratische Verfassung, den Achtstundentag, das Frauenwahlrecht. Das ist unstrittig. Historiker haben allerdings auch einen Blick darauf zu werfen, um was es in der Revolution eigentlich ging und was künftig auf dem Spiel stand.

Die junge Republik zog nicht den Strich zwischen sich und den Schuldigen am und im Ersten Weltkrieg, sondern zu denen, die in Opposition zur Kriegspolitik gestanden hatten. Außerdem: Der Blutzoll der Revolution lässt sich nicht mit ihren Errungenschaften verrechnen. Und wäre sie gelungen, statt im Sande zu verlaufen, wären womöglich die spätere Machtübernahme Hitlers und damit Völkermord und ein erneuter Weltkrieg vermeidbar gewesen.

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Ullstein Verlag, Berlin 2017. 432 Seiten, 26 Euro.
Joachim Käppner: 1918. Piper Verlag, München 2017. 528 Seiten, 28 Euro.
Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Europa Verlag, Berlin u. a. 2017, 464 Seiten, 24,90 Euro.