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20. Februar 2016 00:00 Uhr

Norwegen

Die Tagebücher des Lyrikers und Obstbauern Olav H. Hauge

Die Tagebücher des norwegischen Lyrikers und Obstbauern Olav H. Hauge spiegeln die große Abgeschiedenheit der Landschaft um Ulvik – und seinen wachen Blick auf die Welt.

  1. Olav H. Hauge Foto: -

Auf den lyrischen Weltkarten ist der norwegische Hardanger-Fjord eine der abgelegeneren Regionen, zugleich aber auch eine der poetisch best vermessenen. Lebte doch hier in großer Abgeschiedenheit und mit wachem Blick auf die Welt der Dichter Olav H. Hauge (1908-1994), in dessen Werk sich ein Menschenleben lang die Landschaft um Ulvik mit ihren Bergen, Seen, Wäldern, Almen, den Dörfern und verstreuten Gehöften, mit dem tief ins Landesinnere reichenden Fjord namentlich genau eingeschrieben hat.

Das Ich, das die Landschafts(w)orte ausspricht und ansingt, versteht sich in einem großen Zusammenhang mit allem umher. Geradezu bewohnt sind die Gedichte mit Menschen, Sagengestalten, Geisterwesen, allerlei Getier; bewachsen mit Blumen, Farnen, Bäumen; allgegenwärtig ist das Wetter, der Wind, Schnee und Regen, die von ihnen geprägten Jahreszeiten, Winterdunkelheit und Sommerleuchten.

Schnee// Ich erwachte,/ hell mein Raum/ von dem weißen/ Heiligtum.// Blau der Tag/ die Birke glänzte/ voller Reif/ am Himmelsfenster.// Nur das Schneehuhn/ konnte gehn/ auf dem weißen/ reinen Schnee!

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Es sind Naturgedichte in einem umfassenderen Sinn. Denn die insgesamt sieben Gedichtbände Hauges, die zwischen 1946 und 1980 erscheinen – von neoromantisch geprägten Anfängen bis zu nüchterneren Ding-Gedichten, welche ihn seit den Sechzigern einem größeren Publikum bekannt machen –, sind stets auf der Suche nach einer spirituellen Dimension der Wirklichkeit. Hier weiß Hauge sich im Einklang mit allen tief ins kollektive Bewusstsein reichenden Dichtungstraditionen: "Merke! Im Grunde, im Innersten ist der Mensch stets derselbe geblieben."

Apfelbaum, Fingerhut und Eisranunkel, Habicht, Goldhähnchen und Igel, Sense, Sackwaage oder Scheinwerfer: Mit einem ihr eigenen hohen, gleichwohl zurückgenommenen Ton unternimmt Hauges Lyrik den Balanceakt zwischen einer bodenständigen Bewusstseinserweiterung und der Bemühung, den mystischen Kontrollverlust von Verzückung und Verrückung in Grenzen zu halten. Im Blick auf die sichtbare Welt öffnet diese sich hin zu inneren Landschaften, unbekannten Kontinenten, die sich zwischen zwei Obstbäumen, Dörfern und Feldwegen ins Ungeheuere erstrecken, in die hinein die dichterische Rede fällt – und sich so hält an dieser Welt.

Unter den Sternen// Was hat mich herausgetrieben/ unter diesen scharfen Morgenhimmel?/ Die blauen, frostgroßen Sterne,/ was wollen sie?// Berge versprechen nichts, - weichen nur/ und lassen die Fjorde ein/ und die Flüsse hinab und stehen/ verhärtet unter dem Schnee.// Doch der Waldhang, der Waldhang hat sich lang hingeworfen,/ entblößt seine Armut unter den Sternen./ Es ist mein eigenes Leid, mein eigenes Herzweh,/ das dort liegt, eisenschwarz und blutend,/ und schwört zu grünen, zu singen.

Wie sehr Hauge diesen Halt braucht, wie sehr er durch "die andere Welt" angezogen und von dorther durch den "anderen Mann" in sich gefährdet war, zeigen die nun auf Deutsch veröffentlichten Tagebuchauszüge aus 70 Jahren unter dem Titel "Mein Leben war Traum".

Von Kind auf kränkelnd und zugleich hochsensibel für seine Umgebung, still und zurückgezogen, wird ihm die Literatur ein träumerisches Korrektiv zur Gegenwart und ihrer andrängenden Wirklichkeit. Bereits 1924, kaum sechzehnjährig, spricht er programmatisch von einem "geistigen Tagebuch", welches seine Höhenflüge ebenso verzeichnen sollte, wie "meine Meinung zu verschiedenen Büchern": "Ich möchte mich dorthinauf schwingen, hinaus aus all der Enge hier unten, wo niemand mich versteht! (…) Dort würde ich meinen Gesang anstimmen können!"

Dass er auf diesem von enormer Wissbegier geprägten Weg immer einsamer würde, hat er schon früh geahnt. Die als abweichend empfundenen Wirklichkeits- und Selbsterfahrungen werden bedrohlich, wie ein nachdenklicher Eintrag 1929 zeigt, und doch geht auch eine Faszination aus von der Undurchdringbarkeit dessen, was Seele und Geist sein könnten: "Mein Seelenleben ist ein unaufhörliches Pendeln zwischen Licht und Schatten (…) alles Wirkliche kreist um mich wie ein seltsamer Traum. Soll das so sein? Es ist sonderbar: aber alle Stimmungen haben einen eigenen Reiz und ihre eigene Freude."

Offensichtlich sind Spannung und "Stürme" in diesem Echoraum der Seele so groß, dass mehrfach die Zwangseinweisung in psychiatrische Heilanstalten unumgänglich wird. Im Rückblick erscheinen Hauge die dort verbrachten Jahre keineswegs negativ, sondern von reichem "Geistesleben" und "kosmischem Wachsein" erfüllt: "Ich dichtete und träumte, hatte Gesichte, erlebte Ekstasen Tag für Tag, Jahr für Jahr, ohne daß mir jemand etwas tat. Daß ich eingesperrt oder gefesselt war – was oft vorkam – machte gar nichts. Die Ekstase, die Gesichte, die Träume, die Stimmen kamen trotzdem zu mir. (…) (Aber) es ist notwendig, wieder zurück auf die Erde zu kommen, wenn man hier in der Welt sein will."

Es ist im wahrsten Sinn des Wortes Weltliteratur, in die Hauge sich hineinliest und die er in sich hineinlässt in ihren Facetten, Epochen, Stilrichtungen, Genres, um sie produktiv in die Gestaltwerdung des eigenen Denkens und Schreibens zu wenden. Er, der ohne ordentlichen Schulabschluss eine Ausbildung zum Gärtner absolviert und den Beruf des Obstbauern bis ins Alter auf dem elterlichen Hof ausübt, eignet sich als Autodidakt einen weitgefächerten Bildungshorizont an, lernt Sprachen, übersetzt. Überall ist er auf der Suche nach Grundlegendem, Welthaltigem, Begreifbarem. So alltäglich es sein mag – es verbürgt ihm einen nicht zuletzt christlich verankerten Zugang zum "Licht".

Alle Lebewesen wussten voneinander

"Karfreitag (1970) Wach sein und den Stimmen lauschen – das ist das Geheimnis beim Dichten. Daß sie zur rechten Zeit und am rechten Ort einfallen." Ob die nordischen Edda-Mythen, die norwegische Tradition von Wergeland bis Uppdahl, die amerikanischen Transzendentalisten Emerson und Thoreau, Shelly, Yeats, Rimbaud, Hölderlin, Hopkins, Emily Dickinson, Whitman und Pound, asiatische Dichtung, Trakl, Brecht, Char und Celan: Ein vielstimmiges Selbst- und Totengespräch wird geführt in Ulvik, ohne dass die Nachbarn etwas davon mitbekommen. Für sie ist Hauge der schweigsam-kauzige Apfelbauer. Wenig ahnen sie von seinen Grenzgängen: "Am besten hat es einer, solange er unbekannt leben kann und ihn keiner so recht beachtet." Seinen Lebensmenschen, das Glück einer tiefen Liebesbeziehung, die sein gewohntes "Leben auf den Kopf (stellt)", findet Hauge erst im Alter von 66 Jahren mit der Künstlerin Bodil Cappelen. "Es ist das erste Mal", dass er sich "wirklich jemandem anvertraut."

Welch einsames, auf die Erforschung der eigenen Bewusstseinszustände zugespitztes, dabei nicht unzufriedenes Leben. Hauge lebt in Sprache. "Dichtung denkt magisch": Um diesen heißen Kern kreist Hauges "träumerisches" Dichtungsverständnis, ohne seinen reflektierten Standpunkt preiszugeben. Gerade die zeitlebens geführten Tagebücher lassen – neben dem "grauen, stillen (Alltag)" – Hauges eigenständige Urteilskraft erkennen im Hinblick auf geistesgeschichtliche Entwicklungslinien ebenso wie auf zeitgenössische Positionen. Dabei nicht zuletzt ihr Hineinwirken in die eigene, äußerst skrupulös bewertete Dichtung: Es ist ein schmales, mit großen Mühen sich abgerungenes Werk, mit dem er in die Öffentlichkeit tritt. Mehrfach zerstört er fertige Manuskripte, da er sie für nicht haltbar erachtet. Und die Diarien? Hauge notiert: "Als Literatur betrachtet völlig wertlos." Das Gegenteil ist der Fall.

Nach den 2012 erschienenen "Gesammelten Gedichte", umsichtig von Klaus Anders übersetzt und kommentiert, erlauben beide Hauge-Bände deutschen Lesern erstmals eine Zusammenschau, in der das Biografische und das Poetische sich wechselseitig beleuchten. Wilde Bildung, einsiedlerhafte Distanz zur Literaturbetriebsamkeit, exzessive Neugierde bei wiederkehrend psychotischer Gefährdung, körperlich harte Arbeit in der Natur – diese Bestandteile verschmelzen zur dichterischen Lebensform. "22. März (1960) Heute früh erwachte ich und war sogleich hellwach. Alles hatte sich gleichsam geöffnet. Die Vögel und alle Lebewesen, ja auch die Toten, sie wussten alle voneinander und lauschten und antworteten, selbst die Fliegen, und die Möwen kamen und setzten sich mir auf die Hand. Ja, das ist nichts Neues, ich habe es oft erlebt, nicht nur im Traum. Doch dann steht man auf und beginnt seinen Tag, und die Wirklichkeit legt sich wieder zur Ruhe oder sinkt zurück, doch so zementiert und grau wie vorher ist sie nicht."

Olav H. Hauge: Mein Leben war Traum. Aus den Tagebüchern 1924-1994. Aus dem Neu-norwegischen übersetzt von Klaus Anders. Ausgewählt von Bodil Cappelen und Klaus Anders. Edition Rugerup, Berlin 2015. 248 Seiten, 24,90 Euro
Olav H. Hauge: Gesammelte Gedichte. Hg., übersetzt und kommentiert von Klaus Anders. Edition Rugerup, Berlin 2012. 328 Seiten, 24,90 Euro

Autor: Andreas Kohm