Die Tomate stammt nicht aus Italien

Harald Loch

Von Harald Loch

Mi, 28. Februar 2018

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Der Altphilologe und Anthropologe Maurizio Bettini schreibt in "Wurzeln" über trügerische Mythen kultureller Identität.

"Seit einigen Jahrzehnten erleben wir überall in Europa eine Wiederbelebung der Tradition." Mit diesen Worten leitet der italienische Altphilologe und Anthropologe Maurizio Bettini seinen zweiteiligen Essay "Wurzeln" ein. Der Untertitel lässt keinen Zweifel daran, wie er über jene Wiederbelegung denkt: "Die trügerischen Mythen der Identität." Es ist schon erstaunlich, dass gerade der Gründer und Direktor des Centro Antropologia e Mondo antico der Universität Siena die Metapher der vermeintlichen "Wurzeln" seines italienischen, unseres europäischen Selbstverständnisses in Frage stellt. Aber er benutzt nicht das Beil, sondern behandelt die Wurzeln vielmehr elegant mit einem durch seine umfassende Bildung geschärften Seziermesser.

In einem ersten Kapitel demontiert er die Gewalt der Metapher "Wurzel" und deren Autorität, die gleichsam aus dem jeweiligen Boden Traditionen und Identität nach oben fördert. Er stellt ihr die Kraft zur Seite, die von den Gipfeln der Berge Sinai, Golgatha und Akropolis herabwirkt und aus der neue Traditionalisten – zusammen mit den Wurzeln – eine jüdisch-christlich-antike abendländische Kultur- und Wertegemeinschaft herleiten.

Bettini untersucht die Qualität von gemeinsamer "Erinnerung" und wie sie sich – je nach Bedarf – rekonstruieren und manipulieren lässt. Am Beispiel von Jerusalem behandelt er die "tragischen Paradoxien der Tradition": Der jüdische Tempel von König Salomon, das sogenannte Gartengrab als "authentischer" Ort der Kreuzigung Christi, und die al-Aqsa-Moschee, als Ort, von dem für die Muslime der Prophet auf einem geflügelten Pferd in den Himmel aufgestiegen ist, konkurrieren als ganz unterschiedliche Wurzeln für Ansprüche, die nicht erst seit den Kreuzzügen bis heute so blutig verfolgt werden.

In einem zweiten Teil wird Bettini noch konkreter und stellt einen anthropologischen Ansatz gegen eine wurzelbasierte Nostalgie. Er plädiert für eine offene Betrachtungsweise von Kulturen und gegen eine nach innen gewandte, die der Abschottung dient. Er ruft die Märchen der Brüder Grimm ebenso auf wie die Erzählungen aus 1001 Nacht, die Odyssee oder die Volksmärchen anderer Völker – als Quelle von Vielfalt, über die glückliches Staunen angesagt sei.

Und er analysiert die Darstellung der athenischen Demokratie als Wurzel westlicher Staatsorganisation. Sie ignoriert einerseits den Ausschluss der Mehrheit der Bevölkerung vom Abstimmungsprozess – Frauen und Sklaven durften daran nicht teilnehmen – und andererseits die Tatsache, dass in anderen Kulturen – der persischen, der abessinischen, der kosakischen – ebenso "demokratisch" über Politik abgestimmt wurde.

In der Finanzkrise des modernen Griechenland wurde das Bild vom Mutterland der Demokratie von den verschiedenen Akteuren der europäischen Politik ganz unterschiedlich und opportunistisch für ihre jeweiligen Zwecke beschworen oder auch – wie im eigentlich seit der Weimarer Klassik Hellas-nostalgisch geprägten Deutschland – einfach ignoriert. Die Wurzeln sind eben "lebendig" und werden je nach Bedarf benutzt oder nicht.

Ein Kapitel widmet Bettini den "kulinarischen Wurzeln": In Norditalien identifiziert sich die Lega Nord mit der Nationalspeise Polenta, ohne zu bedenken, dass deren "Wurzel", der Mais, ebenso aus Mittelamerika stammt wie die Tomate, die auf keiner Pizza fehlen darf. Dafür gilt das Verspeisen von Singvögeln als unverzichtbarer Bestandteil der kulinarischen Wurzeln Italiens. So dekliniert Bettini den Unsinn der Berufung auf welche Wurzeln auch immer durch viele Bereiche unserer Kultur. Eindrucksvoll ist auch sein Beispiel einer Ordensgemeinschaft im Rom der frühen Neuzeit, in der Männer untereinander nach römisch-katholischem Ritus geheiratet haben. Gehört diese Fußnote zu unseren christlichen Wurzeln oder eher die Tatsache, dass acht von diesen Männern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden?

Geistreich ficht der Autor "Gegen die Wurzeln" – so hieß übersetzt sein großes Buch "Contro le radici" von 2012 – und vor allem gegen die anthropologisch und historisch falsche Berufung auf angebliche Wurzeln und ihren Einsatz zum Zweck der politischen Manipulation. Warten wir ab, was Seehofer aus seinem Heimatministerium macht!

Maurizio Bettini: Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität. Aus dem Italienischen von Rita Seuß. Verlag Antje Kunstmann, München 2018. 160 Seiten, 16 Euro.